02. November 2026 – dpa
Radioaktive Strahlung in Kiew und Angriffe mit chemischen Waffen? Falsche Warnmeldungen in einer wohl gehackten Notfall-App schrecken Bürger in der Ukraine auf. Es folgt ein Cyberangriff auf Russland.
In Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine haben Bürger beider Länder gefälschte Warnungen vor angeblichen Atomangriffen auf ihre Smartphones bekommen. In Kiew wie in Moskau teilten die Behörden mit, die jeweiligen offiziellen Luftalarm-Apps seien mutmaßlich gehackt worden.
Zunächst wurde am späten Sonntagabend in der ukrainischen Warn-App unter anderem fälschlicherweise vor radioaktiver Strahlung in der Hauptstadt Kiew gewarnt. Die App «Air Alert» sei möglicherweise vom Feind kompromittiert worden, teilte die ukrainische Luftwaffe auf Telegram mit. Es bestehe keine Gefahr durch Strahlung. Screenshots der gehackten App zeigen, dass vor einem Nuklearangriff mit der russischen Mittelstreckenrakete Oreschnik gewarnt wurde.
In der Nacht zum Montag meldete dann Russland einen massiven Cyberangriff auf seine Warn-App, wie die staatliche Nachrichtenagentur Tass unter Berufung auf das Zivilschutzministerium berichtete. Es sei den Angreifern gelungen, Falschinformationen an die Bevölkerung zu versenden, hieß es weiter. Russische Medien zeigten Screenshots der App aus verschiedenen Regionen. Darin war von nuklearen Angriffen mit der ukrainischen Drohne P1-Sun des Herstellers SkyFall die Rede. Dies ist indes technisch schwer vorstellbar.
Die zeitliche Abfolge der Ereignisse ließ zumindest die Vermutung zu, dass es sich nach der Attacke auf das ukrainische System um einen Gegenangriff Kiews gehandelt haben könnte. Allerdings könnte auch andere Akteure verantwortlich sein. Russland attackiert das kleinere Nachbarland Ukraine seit viereinhalb Jahren massiv aus der Luft, am Boden und auf hoher See. Es kommt dabei auch zu Cyberangriffen, die allerdings deutlich seltener Schlagzeilen machen.
Medienberichten zufolge erschallten am späten Sonntagabend in manchen Regionen der Ukraine auch Warnsirenen. Über die App wurde zudem fälschlicherweise auch vor Angriffen mit chemischen Waffen und vor Straßenkämpfen gewarnt. Die Bürger wurden von den Behörden aufgefordert, nicht auf Links in der Warn-App zu klicken.
Für die Menschen in der Ukraine ist das Warnprogramm auf ihren Smartphones seit Jahren überlebenswichtig. Die App des Entwicklers Ajax Systems ist mittlerweile ausgefeilt, zeigt für einzelne Landkreise und Städte die Alarmstufen Rot oder Gelb an. Seit kurzem sind auch die erwarteten Flugbahnen russischer Drohnen oder Raketen zu sehen.
Die Warnungen auf dem Handy sind oft schneller als das Heulen der Sirenen. Die meisten Ukrainer folgen zusätzlichen militärnahen Telegramkanälen, die ebenfalls Details zu laufenden Luftangriffen liefern. Auch die offizielle App der Hauptstadt warnt schnell vor Gefahr. Bei größeren Angriffen auf Kiew suchen Menschen häufig in den Stationen der U-Bahn Schutz.
Die Ukraine wehrt sich mit westlicher Militär- und Budgethilfe gegen das Nachbarland. Sie greift seit diesem Jahr verstärkt Ziele in Russland weit hinter der Front an, um Präsident Wladimir Putin die Fortsetzung seines Kriegs zu erschweren. Damit werden die Warnungen vor Luftangriffen auch für Menschen in Russland wichtiger. Das Zivilschutzministerium in Moskau erläuterte aber, dass die Warn-App nur ein zusätzlicher Kanal neben Sirenen, SMS-Nachrichten und Informationen in Radio und Fernsehen seien.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verteidigte erneut die Angriffe auf Raffinerien in Russland. Sein Land müsse antworten, wenn Russland Ziele der Energieinfrastruktur angreife und Menschen in der Ukraine töte, sagte er im Gespräch mit dem US-Sender Fox News. Die Regierung von US-Präsident Donald Trump hat die Ukraine angesichts hoher Dieselpreise gebeten, keine russischen Ölraffinerien mehr anzugreifen.
Selenskyj sagte, wenn die Ukraine einen Monat lang keine Ziele der Öl-Infrastruktur mehr angreifen solle, dann müsse man ihr mindestens für diesen Monat genügend Luftabwehrraketen vom Typ Patriot geben, um russische Attacken abwehren zu können. Das ukrainische Militär kann viele Angriffe des Feindes, vor allem jene mit ballistischen Raketen, nicht mehr abwehren, weil ihm die Munition für die fortschrittlichen Abwehrsysteme ausgeht.
Selenskyj bittet die westlichen Partner immer wieder um zusätzliche Unterstützung für die ukrainische Luftverteidigung. Besonders pocht er auf die Lieferung weiterer Abfangraketen für die Patriot-Systeme. Diese sind inzwischen aber - auch infolge des Iran-Kriegs - vielerorts ein knappes Gut. Die Produktion in den USA wurde bereits hochgefahren, hält aber nicht Schritt mit der Entwicklung in den verschiedenen Konflikten.
Der private ukrainische Stromversorger DTEK teilte mit, eine seiner Anlagen im Gebiet Odessa sei in der Nacht durch einen russischen Luftangriff beschädigt worden. An der Wiederherstellung der Versorgung werde gearbeitet. In Kiew musste wegen starker Spannungsschwankungen im Stromnetz der Betrieb der U-Bahn eingeschränkt werden, wie die Stadtverwaltung mitteilte. Bei einem Bombenangriff auf die Stadt Isjum in der Ostukraine wurde nach regionalen Angaben mindestens ein Mensch getötet, es habe drei Verletzte gegeben.