01. November 2026 – dpa
Ein Abszess so groß wie ein Golfball, Blutspuren und ein Darminfekt: Florence betrachtet das Retten von Igeln als ihre Lebensaufgabe und spendet jedes Jahr mehrere Tausend Euro. Was treibt sie an?
Für die Rückkehr der stachligen Patientinnen ist alles vorbereitet: Florence hat zwei Igel-Gehege mit Futter- und Schlafhäusern in ihrem Garten aufgebaut. Neben Laub und Stroh gehören hohle Baumstücke und Korbröhren als Verstecke dazu. Die 61-Jährige hat zwei kranke Igel-Weibchen zur Behandlung in eine Igelpflege gebracht und jetzt zurückgeholt. Wenn die Medikamente verabreicht sind, können die Wildtiere wieder ihrer Wege ziehen.
Die kleinere Rückkehrerin wird von ihr Odessa genannt, der Anfangsbuchstabe steht für den Fundmonat Oktober. Parasiten und ein Abszess - «eine Beule war so groß wie ein Golfball» - machten dem Wildtier zu schaffen. Für das andere Weibchen hat sie den Namen Ghost gewählt, weil sie zunächst nur Blutspuren entdeckte. Die «große Dame» hatte vermutlich einen Darminfekt.
«Es ist für mich eine Lebensaufgabe geworden», sagt die Igel-Freundin. Richtig angefangen habe es 2021 mit einem schwer verletzten Tier. Nach einem Monat sei es gesund aus einer Igelpflege zurückgekommen und habe ausgewildert werden können. «Durch diese kleine Igelin, die ich durchgebracht habe und zum Überwintern im Garten hatte, hat sich meine Liebe zu den Tieren entwickelt.»
Und so sei es immer mehr geworden. Die Düsseldorferin ist Frühaufsteherin und nutzt die Zeit, um die nachtaktiven Tiere auf ihrem Grundstück zu beobachten. «Um 3 Uhr habe ich jetzt schon meine erste Runde im Garten gedreht.» Bis es hell wird, schaue sie praktisch jede Stunde nach den kleinen Besuchern. Sie drehe auch Online-Runden, besuche Igelpflegen und Vereine im Internet.
Besonders auf Facebook sei sie unterwegs, um sich auf dem Laufenden zu halten. «Das ist für mich wichtig zu wissen, was gibt es für Krankheiten, was gibt es für Parasiten, was gibt es für Gefahren, was gibt es für neue Fälle?» Dieses Jahr häuften sich nach ihrem Eindruck Hunde- und Rattenbisse. Im vergangenen Jahr hätten Hauterkrankungen und Milben vielen Igeln zugesetzt.
Die Igelpflegen seien immer mehr überlastet. «Im Moment ist Hochbetrieb. Es ist schwierig, überhaupt noch einen freien Platz zu bekommen.» Zusätzlich zu den verletzten oder kranken Igel würden viele gefunden, die viel zu klein seien für den Winterschlaf. Bei Gartenarbeiten etwa mit einem Freischneider bestehe derzeit Verletzungsgefahr, da gesunde Männchen schon Winterschlaf hielten.
«Ich schreibe Tagebuch seit drei Jahren ungefähr, damit ich mir alles merken kann», erzählt Florence. «Es wird fotografiert, es wird alles notiert, jede Kleinigkeit.» Erster Notfall in diesem Jahr war am 7. Februar ein abgemagertes Männchen. Vor der Haustür hat sie seit langem ein «Notfallfutterhaus» stehen. Das stehe das ganze Jahr dort und habe mehreren Igeln das Leben gerettet.
In der Fensterfront daneben hängen selbst gestaltete kleine Plakate. «Ich versuche die Leute zu informieren und zu motivieren, selbst aktiv zu werden.» Außerdem unterstütze sie Igelpflegen. «Also das sind mehrere Tausend Euro, die wir allein spenden pro Jahr, nur für die Igel», erklärt Florence und fügt dem noch hinzu: «Ich mache das von Herzen gerne und mein Mann macht mit.»
In NRW soll ein landesweites Netzwerk zur Unterstützung und Versorgung von verletzten und hilfsbedürftigen Igeln aufgebaut werden. Alle privaten und vereinsgetragenen Igelpflegestellen seien eingeladen, sich zu melden und Teil dieses Netzwerks zu werden, erklärte die Landestierschutzbeauftragte Gerlinde von Dehn. Ziel sei es, eine schnellere und koordinierte Hilfe sicherzustellen.
Wenn im Herbst die Temperaturen sinken, beginnt für Igel die kritische Phase des Jahres, betont das Landesamt für Verbraucherschutz und Ernährung. Sie benötigen ein Fettpolster und ein frostsicheres Quartier für den Winter. Deshalb seien viele Igel unterwegs. Ein Igel dürfe nur in Pflege genommen werden, wenn es unbedingt nötig sei, und er müsse nach der Genesung ausgewildert werden.
Die Umweltorganisation NABU NRW weist darauf hin, dass die nachtaktiven Säugetiere auf ihrer Futtersuche meist mehrere Gärten und Grünanlagen durchstreifen. Sie legten dabei bis zu 2,5 Kilometer pro Nacht zurück. Der heimische Braunbrustigel stehe bundesweit auf der Vorwarnliste gefährdeter Arten. In einigen anderen Bundesländern gelte er bereits als gefährdet.
Nach Einschätzung von Igel-Expertin Anne Berger steigen die Risiken für die Igel, so dass mit einem weiteren Rückgang der Population in Deutschland gerechnet werden müsse. Zum Verlust von Lebensraum, zu baulichen Barrieren und zu Gefahren durch den Straßenverkehr und Mähroboter kämen weitere Faktoren wie der Insektenrückgang und die Folgen des Klimawandels hinzu, zählt sie auf.
«Mit jeder Gefahr wächst der Populationsverlust», betont die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung. Überall, wo in der Vergangenheit Studien zu Igeln durchgeführt wurden, sei ein dramatischer Rückgang festgestellt worden - etwa um die Hälfte innerhalb von zehn Jahren.
Durch die Teilnahme an Zählaktionen könnten sich Bürger an wissenschaftlichen Projekten beteiligen. Diese gebe es für den Igel erst seit wenigen Jahren in Deutschland, das laufe erst an. Um ein genaueres Bild zu bekommen, seien größere Zeiträume wichtig. Von Jahr zu Jahr könne es Schwankungen geben.