25. August 2026 – dpa
Kinder und Jugendliche in Niedersachsen erhalten immer häufiger ADHS-Diagnosen. Was steckt dahinter - ist es Stress, sind es Spätfolgen der Pandemie? Oder doch der Social-Media-Konsum?
Bei immer mehr Kindern und Jugendlichen in Niedersachsen wird laut einer Krankenkasse die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung ADHS diagnostiziert. 2024 gab es im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg um 13 Prozent, wie die DAK-Gesundheit zu ihrem Kinder- und Jugendreport mitteilte. Landesweit erhielten damit hochgerechnet rund 21.700 junge Menschen erstmals eine ADHS-Diagnose. Prof. Christoph Correll von der Berliner Charité machte klar, dass es sich um keine «Modediagnose» handele.
Zwischen 2020 und 2024 stieg die Inzidenz, also die Zahl der Erstdiagnosen pro 1.000 Kinder und Jugendliche, laut Kasse von 15,6 auf 19,00 - ein Anstieg um 22 Prozent. Jungen bekommen demnach etwa doppelt so häufig eine Erstdiagnose wie Mädchen, gleichzeitig steigen die Neudiagnosen bei Mädchen mit einem Zuwachs von 15 Prozent etwas stärker an als bei Jungen mit 12 Prozent.
Bei ADHS liegt eine Störung der neuronalen Entwicklung eines Kindes vor. Zu den typischen Symptomen gehören Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Kinder mit ADHS lassen sich leicht ablenken und sind unkonzentriert und unruhig.
Laut DAK-Gesundheit beruht die Untersuchung auf den aktuellsten verfügbaren Zahlen. Ausgewertet wurden demnach ambulante und stationäre Abrechnungsdaten von rund 73.200 Kindern und Jugendlichen bis einschließlich 17 Jahren in Niedersachsen, die bei der Kasse versichert sind.
Dem Report zufolge betrifft der Anstieg fast alle Altersgruppen, fällt aber bei Schulkindern im Alter zwischen zehn und 14 Jahren mit einem Zuwachs von 28 Prozent besonders deutlich aus. 2024 erhielten 20,4 von 1.000 Schulkindern die Neudiagnose ADHS, während es ein Jahr zuvor 15,9 waren. Die meisten Neuerkrankungen gab es unter Grundschulkindern - 27,3 von 1.000 erhielten 2024 erstmalig die Diagnose, ein Jahr zuvor waren es 26,4. Hochgerechnet wurden 2024 rund 70.000 junge Menschen zwischen Nordsee und Harz mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt.
Experte Corell sagte: «Bei ADHS handelt es sich um eine multifaktorielle Erkrankung mit nachgewiesen starker biologischer Grundlage. Wenn eine genetische Veranlagung besteht, können aber auch sogenannte Stressoren dazu führen, dass eine psychische Erkrankung eher zum Tragen kommt.»
Möglicherweise werde ADHS häufiger diagnostiziert, weil Druck und Stress für Kinder und Jugendliche zugenommen hätten. «Wir beobachten wahrscheinlich zum Teil auch Spätfolgen der Pandemie, weil wichtige Lernschritte eventuell unterbrochen oder verzögert wurden», erklärte er. Auch der Social-Media-Konsum könne eine Rolle spielen: «Der erhöhte Medienkonsum kann die Konzentrationsfähigkeit mindern, das Stresslevel erhöhen und durch unrealistische Idealbilder den Selbstoptimierungsdruck verstärken.»