28. August 2026 – dpa
Erstklässler mit Ganztagsanspruch, neue Tests in Klasse 5 und Zielvereinbarungen: Was sich für Schüler, Eltern und Lehrer in NRW jetzt ändert – und welche Kritik es daran gibt.
Mehr Lernstandserhebungen und Stift statt Tablet: Auf Schüler, Lehrkräfte und Eltern kommen im neuen Schuljahr in Nordrhein-Westfalen einige Neuerungen zu.
Nächste Woche geht es für fast 2,5 Millionen Schüler an rund 5.400 Schulen wieder los mit dem Unterricht. Rund 170.000 neue Erstklässler haben ihren ersten Schultag. Schulministerin Dorothee Feller (CDU) stellte wenige Tage vor dem Schulstart die wichtigsten Neuerungen im Schulleben vor.
Mit Beginn des neuen Schuljahres erproben die ersten Schulen in NRW die neuen Lernstandserhebungen in Klasse 5. Dabei bearbeiten die neuen Fünftklässler in ganz NRW einheitliche Aufgaben. Im Mittelpunkt stehen das Leseverständnis und grundlegende mathematische Kompetenzen. Lehrkräfte sollen damit möglichst früh ein gutes Bild von den Kompetenzen ihrer neuen Schüler bekommen, sagte Feller.
Fast 500 Schulen haben ihr Interesse am freiwilligen Testlauf bekundet. Eine Anmeldung ist noch bis Mittwoch (3.9.) möglich. Nach der Pilotphase sollen die Erhebungen für Fünftklässler Pflicht werden - möglicherweise ab dem kommenden Schuljahr, so Feller.
Der Lernstand 5 ist eine von insgesamt drei neuen Erhebungen, die das Schulministerium bis 2030 neu einführt. Geplant sind solche Tests auch in Klasse 2 und 7. Bisher gibt es in NRW die auch bundesweit durchgeführten VERA-Vergleichsarbeiten in den Jahrgangsstufen 3 und 8. Mit den künftig fünf Lernstandserhebungen sowie den Zentralen Prüfungen der Klasse 10 (ZP 10) soll der Lern- und Entwicklungsstand der Schüler systematisch erfasst werden.
«Stift zur Hand» lautet außerdem die neue Devise in den Grundschulen. Immer mehr Kinder könnten zwar tippen und wischen, aber keinen Stift halten, berichten viele Lehrkräfte. Die Kinder sollen künftig wieder mehr mit der Hand schreiben. «Wir wollen unseren Kindern von Anfang an beibringen, richtig gut zu schreiben», sagte Feller. Dazu gehörten eine sichere und lesbare Handschrift sowie eine ordentliche Rechtschreibung.
Vor dem Hintergrund der schlechten Ergebnisse der NRW-Schüler in Bildungsstudien hat sich Feller die Förderung der Basiskompetenzen als Ziel gesetzt. So gibt es an allen Grundschulen bereits eine verbindliche Lesezeit von dreimal 20 Minuten pro Woche. Schreiben zu lernen, sei aber weitaus komplexer als Lesen. Anders als bei der Lesezeit würden daher keine festen Zeitvorgaben für die Schreibförderung gemacht.
Die Schulen bekommen zunächst eine Checkliste, die etwa nach dem Stellenwert der Rechtschreibung oder nach regelmäßigen Schreibgelegenheiten in allen Fächern fragt. Daraus werden dann Ansätze für eine schuleigene Schreibkultur entwickelt.
Im vergangenen Schuljahr hat NRW erstmals das zentrale Schülerfeedback erprobt. Rund 320.000 Schüler aus mehr als 15.000 Klassen an über 1.500 Schulen haben sich daran beteiligt. Im zweiten Halbjahr 2026/27 sind erneut alle Schulen eingeladen, das Schülerfeedback mit einem erweiterten Fragenkatalog zu testen. Ab dem Schuljahr 2027/28 wird es dann verbindlich. Für die Auswertung des Schülerfeedbacks wird eine KI-Assistenz zur Verfügung gestellt.
Das Schülerfeedback wurde entwickelt, um mehr über die sozial-emotionale Entwicklung der Kinder und Jugendlichen zu erfahren. Feller betonte erneut, dass das Feedback kein Instrument zur Bewertung einzelner Lehrer sei. Sie selbst habe auch keinen Einblick in die Ergebnisse.
Jede Schule soll mit ihrer Schulaufsicht eine Zielvereinbarung abschließen. Künftig fließen die Ergebnisse des Lernstandes 5 und des Schülerfeedbacks in die Zielgespräche ein, die die Schulaufsicht seit diesem Jahr regelmäßig mit den Schulen führt.
Im neuen Schuljahr wird dafür erstmals ein digitales Tool zur Verfügung gestellt. Darin können die Schulleitungen die Zielvereinbarung mit wenigen Klicks festhalten.
Erstmals bietet das Schulministerium zudem landesweit flächendeckend staatliche Lehrerfortbildungen an. Dabei geht es etwa um Lesenlernen, Schreiben, den Umgang mit Heterogenität und den Einsatz künstlicher Intelligenz im Unterricht, aber auch um Fortbildungen zur Gewaltprävention, Deeskalation und zum Kinderschutz.
Lehrkräfte werden auch dabei unterstützt, aktuelle politische Ereignisse im Unterricht aufzugreifen, mit Desinformation umzugehen und die Informationskompetenz der Schüler zu stärken. Zur Landtagswahl im April 2025 wird es eine digitale Informationsreihe für Lehrkräfte geben. Denn erstmals sind schon junge Menschen ab 16 Jahren bei einer NRW-Landtagswahl stimmberechtigt.
Nach einer mehrjährigen Umstellung ist die Rückkehr vom acht- zum neunjährigen Gymnasium in NRW nun abgeschlossen. Ab kommender Woche werden wieder neun statt acht Jahrgänge an den meisten Gymnasien unterrichtet. Im Frühjahr 2027 wird es nach Angaben Fellers wieder rund 70.000 Abiturienten geben. In diesem Jahr waren es aufgrund der Umstellung von G8 auf G9 nur rund 30.000 Absolventen.
Erst zum übernächsten Schuljahr, also 2027/28, startet dann die Oberstufenreform mit neuen Prüfungsformaten und einem fünften Abiturfach. Damit sich die Oberstufenlehrkräfte frühzeitig darauf vorbereiten können, bekommen sie bereits in diesem Schuljahr einen zusätzlichen pädagogischen Tag.
Zum 1. August ist bundesweit ein Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung in der Grundschule in Kraft getreten. Er gilt zunächst für Erstklässler und wird jährlich erweitert. Das Land hat aktuell für 500.500 Plätze im offenen Ganztag (OGS) Geld zur Verfügung.
Nach Angaben Fellers gibt es derzeit in NRW rund 453.000 Plätze. Aus den bisherigen Rückmeldungen der Kommunen sei abzulesen, dass die Plätze ausreichten. Gerechnet werde damit, dass von den 170.000 Erstklässlern rund 80 Prozent einen OGS-Platz in Anspruch nehmen.
Die SPD-Opposition kritisierte, dass Feller den Schulen jetzt mit neuen Lernstandserhebungen in Klasse 5, Zielvereinbarungen und Checklisten wieder neue Aufgaben auf den Tisch packe. «Es zeigt sich wieder einmal, dass Schulministerin Feller versucht das System mit immer neuen Daten, Tests und Kontrollinstrumenten zu verwalten», so die SPD-Schulexpertin Dilek Engin. Den Schulen fehlten nicht Testergebnisse, sondern Zeit und Personal.
Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) erklärte: «Mehr Daten fördern noch kein einziges Kind. Entscheidend ist und bleibt, was nach dem Test passiert.»