03. Dezember 2020 –

Wirtschaftslehre praktisch lernen

Naturnahes Schüler-Start-up aus Otterndorf agiert bundesweit

In Schülerfirmen lernen bereits Kinder praktisches Wirtschaftswissen. Oft werden Schulkioske betrieben, manchmal gehen die Ideen aber viel weiter. Beim Schüler-Start-up «Wildvogel-Futter» können Kinder aus ganz Deutschland mitmachen.

Foto: picture alliance/dpa

Lenya Beyersdorff ist 15 Jahre alt und geht in die zehnte Klasse. Eigentlich hätte für sie in diesem Jahr ein dreiwöchiges Schulpraktikum angestanden, wegen der Corona-Pandemie fiel das flach. Dass die Hamburgerin trotzdem einen Ausflug ins Arbeitsleben machen kann - und sogar noch intensiver als es ein Praktikum hätte leisten können - liegt an einem Schüler-Start-up. Zusammen mit Schülerinnen und Schülern aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein hat sie einen Onlineshop für hochwertiges Wildvogelfutter ins Leben gerufen.

Onlineshop mit Restaurantcharakter

Seit dem 1. November können Vogelfreunde im Internet Körnermischungen wie «das kleine Frühstück», «Mittagstisch» oder «One-Pot-Knödel» bestellen. «Wir wollten im Shop einen Restaurantcharakter schaffen», sagt Lenya, die für das Marketing zuständig ist. Wie viel schon bestellt wurde? «Wir reden nicht über Zahlen», sagt die Schülerin. «Aber unser erstes Ziel haben wir schon erreicht.» Eine Lektion der Wirtschaftslehre hat sie schon gelernt.

Das Besondere an dem Projekt: Das Schüler-Start-up ist nicht in einer einzelnen Schule beheimatet wie es sonst üblich ist. Beteiligen können sich Jugendliche aus ganz Deutschland. Örtliche Hürden gibt es nicht, Treffen finden über Videokonferenzen statt.

Zusammenarbeit mit Landwirten

Initiiert hat das Projekt Elke Freimuth aus Belum bei Otterndorf. Die Unternehmerin und frühere Lehrerin gründete Anfang 2020 die Naturschutzorganisation «wilde-natur.org», die sich für mehr natürliche Lebensräume und Artenvielfalt einsetzt - etwa mithilfe von Blühpatenschaften. «Landwirte können so ihre Nutzfläche ohne finanzielle Einbußen in Blühflächen umwandeln», sagt Freimuth. Mit dem Schüler-Start-up führt sie den Umweltgedanken weiter. «Ziel ist es, Landwirten einen profitablen, naturschutzfreundlichen Anbau von Saaten zu ermöglichen», sagt Freimuth.

Mit Christian Pülsch hat sie einen Landwirt gefunden, der sich auf das Experiment einlässt. Das aktuelle Futter, das die Schüler verkaufen, wird noch nicht selbst angebaut. Das soll sich im nächsten Jahr ändern: Pülsch wird auf fünf Hektar Sonnenblumen, Mohn, Nutzhanf, Buchweizen und Lein aussähen. «So was habe ich noch nie gemacht, das wird eine richtig spannende Geschichte», sagt der 35-Jährige, der einen Milchviehbetrieb hat und auf seiner 145 Hektar großen Ackerfläche ansonsten Futter anbaut. «Ich finde die Idee total gut. Wenn ich damit auch noch Geld verdienen kann - umso besser.»

BWL in der Praxis lernen

Für die Schülerinnen und Schülern des Start-ups wird es kein Geld geben. «Unsere Bezahlung ist unsere Bildung», sagt Lenya. «Wir lernen, wie es hinter den Kulissen eines Unternehmens aussieht», sagt die 13-jährige Carolin aus Otterndorf. Gelernt habe sie unter anderem, wie man es mit Schlüsselwörtern schaffe, möglichst weit oben bei den Ergebnissen von Internetsuchmaschinen zu landen. Ihre Mitstreiterin Lara kümmerte sich um die Preiskalkulation. «Wir dürfen nicht zu teuer und nicht zu billig sein» sagt Lara. Das Lager und die Logistik sollen Schüler einer Förderschule übernehmen. «Aktuell geht das wegen Corona noch nicht», sagt Freimuth.

Die Corona-Maßnahmen haben auch die anderen deutlich zu spüren zu bekommen. Der 14-jährige Lennard hat normalerweise nach der Schule ein volles Sportprogramm, am Wochenende Turniere. Das Start-Up bietet ihm nun ein bisschen Ausgleich. «Sonst würde ich nur vorm Fernseher oder am Handy hängen.» In der Firma ist er für die Produktentwicklung zuständig. «Ich musste mir überlegen, wie wir die Inhaltsstoffe zusammenkriegen.» Besprechungen werden mindestens einmal die Woche online abgehalten. Das Start-up ist weiterhin offen, neue Mitstreiter aus ganz Deutschland aufzunehmen. «Wir brauchen verschiedene Kompetenzen im Team», betont Freimuth. Ab Klasse 9 könne man mitmachen.

Vorbereitung auf das Berufsleben

Für Felix Hettig von «Junior», einer Tochter des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, die Schulen bei der Gründung von Schülerfirmen kostenlos berät, sind solche Projekte wie «wildvogel-futter.de» wichtig. «Schüler können ihre eigenen Stärken erkennen und Wirtschaftskenntnisse in der Praxis erwerben», sagt der Experte. Davon könnten sie später im Berufsleben profitieren, auch wenn sie sich nicht selbstständig machten. Tatsächlich seien aber bereits Unternehmen aus ehemaligen Schülerfirmen entstanden, die auch nach zwei Jahrzehnten noch erfolgreich am Markt seien. Als Beispiel nennt er den IT-Dienstleister TEC-SAS in Moers.

Bei den Jungunternehmern von «wildvogel-futter.de» kann sich zumindest Lennard vorstellen, nach der Schule ein Start-up zu gründen. Eins aber möchte Elke Freimuth jetzt schon erreichen: dass alle einen Zeugniseintrag erhalten. «Das war richtig viel Arbeit, das sollte auch die Schule würdigen.» Und die Arbeit ist noch lange nicht zu Ende. Die Schülerinnen und Schüler haben bereits Ideen für neue Produkte.

(dpa)

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