10. September 2026 – dpa
Alexander Zverev erreicht bei den US Open in New York locker das Halbfinale. In einer herausragenden Saison überflügelt der Tennisstar sogar Boris Becker. Nur eine Sache ärgert ihn.
Souverän auf Titelkurs, einen Rekord von Boris Becker geknackt - an einem fast perfekten Abend bei den US Open verhagelte Alexander Zverev nur der Termin für sein Halbfinale die Laune. Anstatt zum sechsten Mal in Serie unter Flutlicht aufschlagen zu dürfen, muss der French-Open-Sieger im Duell mit dem Russen Karen Chatschanow am Freitag schon nachmittags um 15.00 Uhr (21.00 Uhr MESZ) ran.
«Das spielt mir mit Sicherheit nicht in die Karten», sagte Zverev nach dem souveränen 6:2, 7:5, 6:1 im Viertelfinale über den Niederländer Botic van de Zandschulp säuerlich. «Ich finde es etwas komisch, dass Leute, die zwei Tage freihaben, jetzt nach uns spielen. Das habe ich in meinen zwölf Jahren auf Tour noch nie erlebt.» Im zweiten Halbfinale treffen die beiden US-Stars Frances Tiafoe und Ben Shelton in der Nightsession um 19.00 Uhr aufeinander.
Für das angestrebte Endspiel, das am Sonntag um 14.00 Uhr steigt, müsste sich Zverev aber ohnehin aus dem lieb gewonnenen Rhythmus mit Schlaf von weit nach Mitternacht bis mittags verabschieden. Gegen Außenseiter van de Zandschulp verwandelte er den Matchball nach 2:17 Stunden Spielzeit schon um 22.20 Uhr - so früh wie dieses Jahr noch nie in New York.
«Ich bin froh, im Halbfinale zu sein, aber natürlich will ich noch weiterkommen», sagte er. Mit dem Sprung unter die besten Vier schaffte er bereits eine ganz besondere Leistung: Zum ersten Mal in seiner Karriere hat er in allen vier Grand-Slam-Turnieren eines Jahres mindestens das Halbfinale erreicht. «Was eine Statistik», lobte Boris Becker als TV-Experte bei sporteurope.tv.
Für Zverev war es der 23. Sieg dieser Saison bei einem Grand-Slam-Turnier - damit verbesserte er auch noch den bisherigen deutschen Rekord von Becker (22) aus dem Jahr 1989. «Der hat noch ein paar Grand-Slam-Titel mehr als ich. Ich hoffe, da kann ich ihm noch etwas näherrücken», sagte Zverev zum Vergleich mit dem sechsmaligen Grand-Slam-Titelgewinner.
Die Chance auf seinen eigenen zweiten Triumph bei einem der vier größten Turniere ist nun immens. Auch gegen Chatschanow ist Zverev der große Favorit. Auf dem Weg zum Olympiagold 2021 in Tokio hatte er den Russen im Finale glatt geschlagen und besitzt eine positive Bilanz von 6:3 gegen ihn. «Wir kennen uns seit fast 20 Jahren», sagte Zverev. «Ich habe größten Respekt vor ihm. Ich hoffe, es wird am Freitag ein großartiger Kampf.»
Der Sieg über van de Zandschulp war dagegen mehr eine abgeklärt erfüllte Pflichtaufgabe als ein Glanzstück. Gegen den Weltranglisten-70. geriet er nur im zweiten Durchgang unter Druck: Er wehrte einen Satzball ab. Zverev machte viele Punkte am Netz, besonders in langen Ballwechseln konnte er sich zudem meist auf Fehler seines Kontrahenten verlassen.
«Mir gefällt, dass er lächelt», sagte Becker. «Er hat gewonnen, er ist im Halbfinale. Er hat das gemacht, was er machen muss. Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es muss.»
Während des Turniers hatten Zverev und van de Zandschulp zuvor schon fast 14,5 Stunden auf dem Platz gestanden - die Strapazen waren aber vor allem dem Außenseiter anzumerken. Der Niederländer hatte sich in den beiden vorigen Runden jeweils in Fünf-Satz-Krimis weitergekämpft und wirkte zu Beginn etwas lethargisch.
Doch auch Zverev lieferte keine Gala, erlaubte sich alleine in seinen ersten beiden Aufschlagspielen drei Doppelfehler. Doch van de Zandschulp bestrafte dies nicht - er erlaubte Zverev vielmehr durch vier leichte Fehler das erste Break zum 2:3.
Sinnbildlich für das maue Niveau des ersten Satzes: Im größten Tennisstadion der Welt, wo Ben Shelton und Carlos Alcaraz in der Nacht zuvor eine Show der Extraklasse abgeliefert hatten, ermahnte Schiedsrichter James Keothavong die murmelnden Zuschauer mehrfach zur Ruhe. Nach 37 Minuten machte Zverev den Gewinn des ersten Satzes perfekt.
Für einen Schmunzler sorgte der Hamburger bei einem Seitenwechsel. Zverev beschwerte sich beim britischen Unparteiischen, dass er einen Schläger vermisse. Nach einiger Zeit des Suchens fand er ihn in seiner eigenen Tasche - beide mussten lachen.
Vor zwei Jahren hatte van de Zandschulp bei den US Open überraschend den Spanier Alcaraz im Arthur Ashe Stadium geschlagen. Gegen Zverev arbeitete sich der Niederländer im zweiten Satz langsam in das Match hinein. Beim 2:3 sah sich Zverev dem ersten Breakball gegenüber, mit dem 34. Schlag in einem langen Ballwechsel machte van de Zandschulp jedoch einen Fehler. Auch einen Satzball vergab der Außenseiter leichtfertig. Stattdessen holte sich Zverev das Break und schaffte die 2:0-Satzführung.
Die Gegenwehr von van de Zandschulp war endgültig gebrochen. Ohne Makel brachte Zverev den Sieg nach Hause. Anschließend berichtete, dass er am frühen Morgen seines Spiels im Hotel auch noch den epischen Erfolg des potenziellen Finalgegners Shelton über Titelverteidiger Carlos Alcaraz bis halb vier verfolgt hatte.
«Ich bin nicht ins Bett gegangen. Ich habe TV geschaut», sagte Zverev. «Ich war zu interessiert. Ich bin es so gewohnt, so spät schlafen zu gehen, dass es für mich dann auch keinen Unterschied gemacht hat.» Diese Gewohnheit muss er für das Halbfinale nun ändern.