02. Juli 2026 – dpa
Eine Volksbefragung würde wohl ein klares Ergebnis bringen. Wer soll Bundestrainer werden, wenn der DFB den Fehlversuch mit Nagelsmann beendet? «Kloppo» dürfte auf den meisten Stimmzetteln stehen.
Dieser Reflex ist logisch. Jetzt muss Jürgen Klopp ran. Noch hat sich der Deutsche Fußball-Bund nicht von Julian Nagelsmann nach dessen krass gescheiterter Weltmeister-Mission in Amerika getrennt, da scheint «Kloppo» bereits in den Startlöchern zu stehen. Um quasi als Messias die am Boden liegende Fußball-Nation Deutschland wieder aufzurichten.
Die Klopp-Inthronisation als Automatismus? Die DFB-Entscheider um Präsident Bernd Neuendorf und Sportdirektor Rudi Völler haben sich natürlich noch nicht zum charismatischen Kandidaten geäußert. «Gemeinsam und in Ruhe» wollen sie vielmehr zunächst die Gründe für den nächsten sportlichen «Tiefschlag» analysieren und dann über den Trainer befinden, der die Nationalmannschaft zur EM 2028 führen soll. Aber was würde für Klopp sprechen - und was gegen ihn.
Eine Volksbefragung über den besten Kandidaten würde vermutlich zu einem eindeutigen Ergebnis führen. Klopp kommt an bei den Fans, mit ihm könnte der Fokus voll auf die Zukunft gerichtet werden nach dem nächsten Turnier-Flop. Neustart am Nullpunkt, Aufbruchstimmung, die Verband und Team brauchen.
Auch wenn er als weltweiter Fußballchef von Red Bull einen top dotierten Job hat: In seinem Herzen ist der 59-Jährige ein Trainer geblieben. Wer ihn abseits aller unterhaltenden Anmerkungen als WM-Experte bei MagentaTV erlebt, spürt sein Feuer. Da hat doch einer Interesse. Nach dem WM-Aus gegen Paraguay hätte er die auch für ihn selbst logische Debatte um seine Person schließlich stoppen können. Klopp sagte aber vielsagend: «Ich verstehe das, wenn über den Bundestrainer gesprochen wird, dass da irgendwie mein Name genannt wird.»
Beim DFB werden sie genau hingehört haben, als Klopp direkt nach dem Desaster gegen Paraguay die Analyse lieferte, die im Verband nun erst noch ansteht. Klopp würde tun, was DFB-Chef Neuendorf noch in Amerika ankündigte, nämlich nicht zur Tagesordnung überzugehen. «Um wieder Fußball-Deutschland zu werden, müssen wir jetzt ran an die Nummer, und zwar richtig», sagte Klopp. Ran an die Strukturen, ran ans Team, an Positionen.
Sportliches Potenzial sieht der Trainer Klopp anscheinend. «Es gibt keinen Grund, auf die Mannschaft draufzuhauen», sagte er zur Mentalität nach dem Aus im Elfmeterschießen und hinterfragte vielmehr, warum die DFB-Elf nicht alles abrufen konnte im Turnier. «Wir haben Phasen, wo wir es abgerufen haben. Die waren nicht lang genug. Wir haben nicht genug kreiert, weil wir ein paar Dinge nicht richtig gemacht haben.» Hat da einer schon Lösungen?
Für Klopp spricht viel. Seine Empathie. Seine Menschenführung. Er holt aus Spielern alles raus. Er kann im Gegensatz zum viel jüngeren Nagelsmann (38) internationale Erfolge vorweisen. Mit dem FC Liverpool gewann er die Champions League und die englische Meisterschaft. Und mit Borussia Dortmund brachte er zeitweise sogar die Übermacht des FC Bayern München ins Wanken. Er vermag es, Potenziale zu heben und Spieler groß zu machen.
Als er 2024 nach vielen Jahren in der Tretmühle Vereinsfußball in Liverpool aufhörte, sagte Klopp, auch seine Kraft sei endlich. Der Nationaltrainer-Job hat ebenfalls Maximalphasen (Turniere). Aber zwischen den Länderspielblöcken gibt es ausreichend Zeit zur Erholung. Bis zum Ende des Jahres müsste Klopp gerade mal sechs Länderspiele in seinen Terminkalender eintragen. Joachim Löw liebte den Bundestrainer-Job über alles. Er übte ihn 15 Jahre lang aus.
Der Austragungsort der EM-Endrunde 2028 würde auf den Emotions-Bolzen Klopp einen speziellen Reiz ausüben. England, Schottland, Wales, Irland, also exakt da, wo der Fußball zu Hause ist - und Klopp sich nach seiner Liverpool-Zeit wieder zu Hause fühlen könnte. Fußball-Deutschland im Mutterland des Fußballs wieder groß und stolz zu machen, gibt es eine größere Motivation für den großen Motivator Klopp?
Klopp hat einen langfristigen Vertrag bis 2029 als Head of Global Soccer bei Red Bull. Das sei «kein Halbtagsjob», sagte er selbst. Er soll nach Angaben der Geschäftsführung des österreichischen Getränkekonzerns (Oliver Mintzlaff) keine Ausstiegsklausel beinhalten. Auch eine mündliche Freigabevereinbarung für den DFB als Nationaltrainer oder ein Sonderkündigungsrecht ist dementiert worden. Der DFB müsste also mit Red Bull verhandeln - und Ablöse zahlen?
Die große Personalie Klopp könnte übergroße Erwartungen wecken. Der «Messias» ist da - und das Nationalteam ist automatisch wieder groß und ein Titelanwärter. «Wir waren Fußball-Deutschland», sagte Klopp selbst zum Status quo. Er beschönigte diesen nicht als TV-Experte: «Im Fußball kann jeder jeden schlagen, fast jeder fast jeden - und uns viele, wenn wir nicht funktionieren.»
Klopp ist seit Jahren Werbebotschafter für Adidas. Und nun löst ausgerechnet Nike 2027 den jahrzehntelangen DFB-Partner als Ausrüster ab - für sehr, sehr viel Geld. Und dann wirbt ausgerechnet der Cheftrainer für den größten Konkurrenten des US-Giganten auf dem Sportartikelmarkt?
Klopps Akku war nach eigener Aussage leer, als er vor zwei Jahren den Stress-Job beim FC Liverpool in der Premier League niederlegte. Ist er wieder gefüllt?
Vereinstrainer ist zudem etwas anderes als Nationaltrainer. Die Umstellung fiel auch Nagelsmann schwer. Ein Bundestrainer kann nicht täglich mit dem Team an Automatismen arbeiten. Ein Nationalteam muss anders geführt und trainiert werden. Für seinen automatisierten Pressing-Fußball könnte Klopp zudem nicht wie im Verein die passenden Spieler zusammenkaufen. Er kann nur deutsche Kicker nominieren.
Die allgegenwärtigen Experten werden auch ihn nicht schonen. Zumal Klopp gerne mal flapsig formuliert. Bei der WM sagte er selbst als TV-Experte: «Zum Glück stellt Julian Nagelsmann die Mannschaft auf - noch.» Dafür wurde er von anderen Experten heftig gerügt, etwa von Stefan Effenberg und Lothar Matthäus. Auch bei Völler und insgesamt im DFB, seinem möglichen neuen Arbeitgeber, kam das überhaupt nicht gut an.