29. Juni 2026 – dpa
French-Open-Sieger Alexander Zverev hat seit der Kindheit Typ-1-Diabetes. Wie geht er damit um? Was ist bei der Erkrankung zu beachten? Ein Einblick.
Am unteren Rücken trägt Alexander Zverev einen Sensor. Seine Blutzuckerwerte misst er während der Tennis-Matches und spritzt sich bei Bedarf Insulin. Wie andere Spitzensportler zeigt der 29-Jährige, dass Topleistungen mit Diabetes möglich sind. Bei den French Open feierte Zverev seinen ersten Grand-Slam-Titel und greift nun in Wimbledon an.
Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) ist der Überbegriff für eine krankhafte Störung des Zuckerstoffwechsels. Man muss zwischen Typ-1-Diabetes und Typ-2-Diabetes unterscheiden - letzterer kann durch Übergewicht, Bewegungsmangel oder durch Veranlagung verursacht werden kann. Bei Zverev wurde schon als kleiner Junge Diabetes Typ 1 diagnostiziert - unbehandelt ist diese Autoimmunerkrankung lebensbedrohlich.
Die Bauchspeicheldrüse kann kaum oder kein Insulin mehr produzieren. Zucker kann nicht ausreichend in die Körperzellen aufgenommen und verwertet werden. Typ-1-Diabetes, wie bei Zverev, ist nicht heilbar. Die Betroffenen müssen dem Körper von außen Insulin zuführen. Zverev behielt die Erkrankung in der Karriere lange für sich und machte diese erst 2022 öffentlich.
Zverev muss seine Werte engmaschig kontrollieren. Vom Sensor werden die Werte auf das Handy oder ein Lesegerät übertragen. Akut gefährlich ist vor allem eine Unterzuckerung. Diese führe zu Leistungsverlust, Schwindel und könne bis hin zur Ohnmacht und im Extremfall bis hin zum Tod führen, sagte Sportmediziner Jan Wüstenfeld vom Institut für Angewandte Trainingswissenschaft in Leipzig.
«Bei der Unterzuckerung haben wir tatsächlich das Problem, dass derjenige nicht mehr leistungsfähig ist», erklärte Jörg Breitenbach, Biochemiker und wissenschaftlicher Berater von Organisationen und Sportlern im Bereich Ernährung. «Das wichtigste Organ des Körpers, das letztlich alle Funktionen steuert, ist das Gehirn. Und die primäre Nahrung des Gehirns ist Glukose, das Gehirn braucht Zucker.»
Freizeitsportlern mit Diabetes rät Breitenbach, jenen Menschen, die mit einem Sport treiben, von seinem Diabetes zu erzählen. Somit wissen diese im Falle einer Unterzuckerung Bescheid.
Wichtig sei auch, schnell wirksame Zuckerreserven dabei zu haben. «Da unterscheidet man, ob ich eine kurze, hochintensive Belastung habe, wo ich schnell Zucker brauche, oder ich eine lang andauernde Belastung habe. Das heißt, ich brauche längerkettige Kohlenhydrate, die mich auch über mehrere Stunden "füttern"», sagte Breitenbach. «Beim Durchschnittssportler würde man sagen: Denk dran, dass du dir deinen Müsliriegel mitnimmst.»
In «90 Prozent der Matches» schafft es Zverev, wie er einmal erklärte, sein Zucker-Level in einem bestimmten Bereich zu halten. Dann sei die Erkrankung für ihn kein Problem. Umgekehrt hieße das, in zehn Prozent der Spiele mache es einen Unterschied. «Dann ist man zu langsam oder die Reaktion ist nicht so da wie bei normalen Zuckerwerten», sagte der Hamburger.
Extreme Probleme traten im westfälischen Halle in der Wimbledon-Vorbereitung auf. Zverevs Sensor zeigte einen falschen, zu hohen Zuckerwert an. Deswegen spritzte sich der Spitzenspieler zu viel Insulin, dabei litt er eigentlich an Unterzucker. «Wenn man in so einer Situation fälschlicherweise zu viel Insulin spritzt, beschleunigt man die Unterzuckerung noch», sagte Breitenbach, der in der Vergangenheit auch mit Zverev zusammenarbeitete.
Die Folge: In den ersten 45 Minuten des Halbfinals nahm Zverev nach eigenen Worten ein Glucose-Gel nach dem anderen und dadurch knapp 350 Gramm Zucker zu sich. Er habe sich «scheußlich gefühlt». Es sei in den zehn oder elf Jahren, in denen er den Sensor trage, zum ersten Mal passiert.
Das ist besonders bei Typ-1-Diabetes schwer vorherzusagen und hängt von vielen Faktoren ab. Schlaf, Tageszeit, Wetter und Stress listet Breitenbach als Faktoren auf. Je nach Art der Sportart, ob Ausdauersport, Sprint oder ein Sport mit langen und wechselnden Intensitäten wie Tennis, kann der Blutzuckerspiegel unterschiedlich reagieren. Es mache etwa einen Unterschied, ob es sich um entscheidendes Match handele oder ein Vorrundenspiel.
Auch die Hitze kann sich auf den Zuckerwert auswirken. «Beim Typ-1-Diabetiker verstärken die hohen Temperaturen die Aufnahme von gespritztem Insulin. Die Gefäße weiten sich, das Insulin wird schneller aufgenommen. Da ist die Gefahr, dass ein Typ-1-Diabetiker in der Sonne liegt und niemand merkt, dass er in ein Zuckerloch fällt», erklärte Breitenbach.
Zudem verliere Insulin in der Hitze, bei mehr als 30 Grad und Sonneneinstrahlung seine Wirksamkeit. «Ich muss mein Insulin, wenn ich Pens zum Beispiel habe, um Insulin zu spritzen, kühl aufbewahren. Die kann ich nicht in der Sonne liegen lassen. Ein Typ-1-Diabetiker sollte im Sommer im Schwimmbad die Pens in der Kühltasche lagern, jedoch ohne Kontakt zu Kühlmodulen, damit das Insulin nicht einfriert.»
Zverev selbst erzählt oft, dass er die Hitze mag. Seinem Spielstil kommen hohe Temperaturen entgegen.
Als Kind bekam Zverev von den Ärzten zu hören, er solle sich Profisport abschminken. Doch er bewies das Gegenteil. «Eigentlich gibt es heutzutage keine Einschränkung. Klar muss man vorsichtig sein, aber von vornherein zu sagen, ich kann keinen Sport machen mit Typ-1-Diabetes, ist ein falscher Ansatz», sagte Breitenbach. «Eine sportmedizinische Beratung, Hilfegruppen und Erfahrung von Menschen mit Diabetes eröffnen viele Möglichkeiten.»
In ganz unterschiedlichen Sportarten gibt es sehr erfolgreiche Athleten mit Typ-1-Diabetes. Dazu zählt der 2023-Weltmeister im Hockey, Timur Oruz, Bundesliga-Fußballerin Sandra Starke (RB Leipzig) und Ex-Gewichtheber Matthias Steiner, Olympiasieger von 2008.