11. Oktober 2026 – dpa
Manuel Neuer unterläuft ein Patzer historischen Ausmaßes - und schnell wird über seine Qualitäten als Torwart-Oldie debattiert. Sollte der designierte Nachfolger Urbig bei Bayern sofort übernehmen?
Auf diesen Rekord in seiner mit Titeln so reich dekorierten Karriere hätte Manuel Neuer gern verzichtet. Ausgerechnet der Ausnahme-Profi des FC Bayern ist seit Samstag der Torhüter, der den schnellsten Gegentreffer der Bundesliga-Historie kassiert hat. Zu allem Überfluss brockte sich Neuer das Gegentor durch Augsburgs Robin Fellhauer nach offiziell 8,4 Sekunden auch noch mit einem heftigen Lapsus selbst ein. «Das habe ich mir vor dem Spiel nicht vorgenommen», meinte der 40-Jährige zu seiner Fauxpas-Overtüre beim 2:2 (0:1) der Münchner samt verpasstem Sprung an die Tabellenspitze.
Ehe der Schlussmann zerknirscht in Richtung Stadionausgang ging, diktierte er den Reporterinnen und Reportern noch einen kurzen Satz in die Smartphones. Neuer war gefragt worden, ob im anstehenden Champions-League-Spiel bei Viking Stavanger am Dienstagabend (21.00 Uhr/Prime) wieder er selbst im Tor stehen werde oder nun eher sein formstarker Ersatzmann und designierter Nachfolger Jonas Urbig. «Ich habe eine Vorahnung», antwortete Neuer knapp.
Jetzt ist es nicht so, dass dem früheren Weltmeister, 13-maligen deutschen Meister, zweimaligen Champions-League-Champion und fünfmaligen Welttorhüter wegen des heftigen Patzers gegen den FCA sofort eine Strafversetzung droht. Auch wenn er selbst keine Ausreden suchte («Ja klar, war ein blöder Fehler von mir») nach einem der schwächsten Bundesligaspiele seiner ganzen Karriere.
«Manuel Neuer war und ist einer der besten Torhüter der Welt», sagte etwa Vereinspräsident Herbert Hainer im TV-Talk von «Bild» und meinte zu dem Fehler: «Das hat überhaupt nichts mit dem Alter zu tun. Manuel Neuer ist fit wie ein Turnschuh. Das hätte ihm genauso gut mit 20 Jahren passieren können.»
Und auch Trainer Vincent Kompany äußerte schnell, dass er sich um den Torwart-Routinier wegen des Patzers keine Sorgen mache. «Manuel ist genauso alt wie ich. Der weiß, wie er damit umgehen muss», bemerkte der Coach.
Und doch illustrierte der Nachmittag vor 30.660 Zuschauern in der ausverkauften Augsburger WWK Arena einmal mehr, welche Zusatzaufgabe die Münchner auf ihrer ambitionierten Triple-Jagd in der Saison noch zu erledigen haben. Wie schafft der deutsche Fußball-Primus den Übergang im Tor vom verdienten Altmeister Neuer zur ambitionierten Nachwuchshoffnung Urbig?
Der 23-Jährige hatte jüngst schon in der Nationalmannschaft beim 2:0 gegen Serbien und dem 0:0 in Griechenland überzeugt. Bei Bayern soll er nun immer mehr Einsätze bekommen, um an der Seite von Mentor Neuer zur Weltklasse zu reifen. «Besser kann man sich eigentlich eine Nachfolge für so einen Weltklasse-Torhüter wie Manuel Neuer gar nicht vorstellen», fand Hainer.
Oder ist der junge Urbig vielleicht schon jetzt besser als Neuer, der auch beim zweiten Gegentor in Augsburg durch Rodrigo Ribeiro keine gute Figur machte? Sportvorstand Max Eberl bemühte sich in den Stadionkatakomben redlich, eine Torwartdebatte schnell im Keim zu ersticken. «Es gibt überhaupt nichts zu rütteln, nur weil Manuel einen Fehler gemacht hat», sagte er. «Jonas entwickelt sich herausragend und Manu hat einen sehr, sehr großen Teil daran - und ist trotzdem unsere Nummer eins.» Auf eine Prognose, wer denn nun in Norwegen auf ungewohntem Kunstrasen zwischen den Pfosten steht, verzichtete Eberl.
Die Bayern hätten das Geraune um Neuer übrigens etwas eindämmen können, wenn sie in Augsburg mehr als die zwei Tore durch Ismael Saibari (55.) und Nathaniel Brown (80.) erzielt und gewonnen hätten. Doch das misslang nicht nur wegen der vielen vergebenen Chancen, etwa der Aluminiumtreffer durch Harry Kane und Serge Gnabry.
Gleich viermal wurde den Münchnern vom Video-Referee Treffer wegen Abseitspositionen wieder aberkannt. «Ungewöhnlich», meinte Eberl dazu. Coach Kompany ließ das als Ausrede aber nicht gelten. «Abseits ist Abseits - man braucht das nicht komplizierter machen, als es ist.»
Dann brauste Kompany ab nach München, um am Abend beim Bayerischen Sportpreis eine Ehrenauszeichnung von Ministerpräsident Markus Söder entgegenzunehmen. Den Fokus richtete er schon gen Stavanger und den frühen Abflug am Montagmorgen. Das 2:2 und Neuers Negativrekord habe Kompany schon abgehakt. «Wir können es eh nicht mehr ändern.»