04. September 2026 – dpa
Wenn man das neue Soloalbum des Ärzte-Sängers vorab hören wollte, glich das einer Geheimmission. Jetzt ist die Platte draußen. Es geht um Politik, Sonnenschein - und die Sache mit der Sterblichkeit.
Also rein in den Paternoster und dann geht's mit dem Aufzug nach oben. Farin Urlaub (62) von den Ärzten hat erstmals nach Jahren wieder ein Soloalbum aufgenommen - an diesem Freitag erscheint «Ein Lächeln im Gesicht». Und eigentlich, das erzählt der Musiker gleich beim Interview, hatte er gar nicht unbedingt vor, eine neue Platte zu machen.
Vor einigen Wochen jedenfalls sind die Lieder noch so geheim, dass man nach der Fahrt mit dem Aufzug in einem Berliner Großgebäude in einem Raum sitzt, um auf einem MP3-Player ins Album reinzuhören.
Dass Aufmerksamkeit garantiert ist, wenn Farin Urlaub etwas Neues macht, ist klar. Mit den Ärzten schuf er legendäre Punkpopsongs wie «Schrei nach Liebe», «Junge» und «Männer sind Schweine». Als die Band ankündigte, nächstes Jahr auf Tour zu gehen, waren die Tickets schnell weg.
Jetzt sitzt Urlaub, der mit bürgerlichem Namen Jan Vetter heißt, beim Interview und begrüßt einem mit dem breiten Lächeln, das er mit dem Albumtitel angekündigt hat. Ist er unverbesserlicher Optimist?
«Im Privaten schon! Was die Welt angeht - da vielleicht weniger», sagt Urlaub. Aber für ihn schwinge schon mit, was Schriftsteller Oscar Wilde («Das Bildnis des Dorian Gray») einst gesagt habe - nämlich dass am Ende alles gut gehe, und wenn es noch nicht gut sei, dann sei es noch nicht das Ende.
Die 13 Songs des neuen Albums sind unabhängig voneinander entstanden an verschiedenen Orten. Explizit politisch wird es in «Happy 2bD» («I'm so happy to be Deutsch...»). «Bratwurst, Bockbier, Beckenbauer, Benz», singt Urlaub da. Es geht um einstürzende Brücken und stillstehende Züge.
«Wir sind ein Volk von Amateuren», heißt es im Text. «Wir sind wohl besser im Zеrstör'n, im Beschwer'n, im Beleidigt-sein und Geh'n. Doch ich finde, dazu kann man auch steh'n.» Es gibt einen Seitenhieb auf die AfD und es geht um die Frage, ob Europa wegen Deutschland wieder in Flammen stehen werde.
So politisch bleibt es nicht, viele Songs schlagen eine ganz andere Richtung ein. Da geht es um die Methoden, sein Leben zu ruinieren; um Leute, die einen hart nerven; um die abnehmende Lust auf Sex oder den Moment, in dem man sich an der Supermarktkasse verliebt, zumindest für den Augenblick.
Farin Urlaubs neues Album ist kein durchkomponiertes Gesamtwerk, sondern besteht aus einzelnen Songs, die er selbst eingespielt hat. «Es ist ein Reisealbum, ohne dass ich es so benannt habe. Aber es ist an drei unterschiedlichen Orten und spontan entstanden», erzählt er.
Sonst habe er bei einem Album zwei, drei Monate nichts anderes gemacht, als jeden Tag ins Studio zu gehen. «Diesmal habe ich einen Song gemacht, dann eine lange Pause, und dann ist mir der nächste eingefallen, und so weiter. Das war sehr interessantes und schönes Arbeiten.»
Stark ist etwa «Sonnenschein im Februar». «Die Sonne scheint und ich warte hier auf dich, vielleicht kommst du ja, vielleicht kommst du auch nicht», heißt es darin. Die Sonne tauche die Welt in zauberhaftes Licht. «Der Tag fängt jetzt schon gut an, ich hab ein Lächeln im Gesicht...» und «während ich hier warte, denke ich daran: Wir sterben alle irgendwann.»
Denkt er inzwischen häufiger über den Tod nach? «Es beschäftigt mich nicht ständig. Aber es ist schon so, dass ich jetzt mal mein Testament geschrieben habe», sagt der Musiker. Über die Jahre seien viele Leute gestorben, die ihm nahe gestanden hätten. «Als junger Mensch habe ich das immer weit weggeschoben. Aber darüber nachzudenken, finde ich eigentlich gut, weil es mich auch zwingt, die Sachen, die mir wirklich wichtig sind, jetzt zu machen, solange ich noch kann.»
Mit den Ärzten geht es 2027 wieder auf Tour. Ob die Band auch nochmal ein Album herausbringen wird? Das bleibt offen. Die Toten Hosen haben neulich ihr letztes Album herausgebracht. Das allererste Lied auf dem Album hat dann tatsächlich Farin Urlaub eingesungen. «Und auch geschrieben», wie er betont. «Das war mein Wunsch.»
Er habe den Toten Hosen zwei Songs geschickt und - «kleine Exklusivinformation: Der andere Song ist jetzt auf meinem Soloalbum.» Welcher Song es ist, verriet er nicht. Es sei ein relativ kurzer Punksong gewesen, den er noch verlängert habe, damit man es nicht ganz leicht rausbekomme.
Wenn Urlaub nicht auf der Bühne steht oder neue Musik macht, dann reist er viel, daher auch der Künstlername, den er sich damals gab. In mehr als 150 Ländern ist er gewesen. Musik werde er wahrscheinlich bis zu seinem Tod machen, sagt Urlaub. Ob er die Musik in Zukunft noch rausbringen müsse, wisse er nicht, das werde auch dieses Album ein bisschen mitentscheiden.