28. September 2026 – dpa
In Niedersachsen wächst die Angst vor Straftaten. Aber nicht alle Menschen verspüren sie gleichermaßen.
Die Menschen sollten sich in Niedersachsen jederzeit sicher fühlen können, meint Landesinnenministerin Daniela Behrens. Tatsächlich sinkt die Zahl der Straftaten im Land - gleichzeitig aber wächst einer neuen Studie zufolge die Furcht davor, das Opfer einer Straftat zu werden.
Demnach schätzten 10,1 Prozent der Befragten im vergangenen Jahr das Risiko, Opfer einer Straftat zu werden, als eher hoch oder hoch ein - 2023 waren es 9,4 Prozent, wie die von Innenministerium und Landeskriminalamt vorgelegte Dunkelfeldstudie mit fast 17.000 Befragten ergab. Zugleich gingen die meisten Befragten (rund 90 Prozent) von einem geringen oder eher geringen Risiko aus, Opfer einer Straftat zu werden.
Allerdings wächst die Sorge vor allem unter Frauen und jüngeren Menschen - und in den größeren Städten. «Die Unsicherheit und Kriminalitätsfurcht nehmen zu», sagte Behrens. Dabei sei die Sicherheitslage objektiv betrachtet «sehr gut», betonte die SPD-Politikerin. Im vergangenen Jahr stellte die Polizei 506.634 Straftaten fest - ein Jahr zuvor waren es noch 529.264.
Die Dunkelfeldstudie zeigt, dass 22 Prozent der Straftaten bei der Polizei angezeigt wurden - 2,8 Prozent weniger als 2022. Am höchsten war die Anzeigequote bei Diebstählen wie Autodiebstählen oder Wohnungseinbrüchen, am geringsten bei Sexualdelikten.
Am häufigsten wurde auf eine Anzeige verzichtet, weil die Tat als nicht schwerwiegend genug eingeschätzt wurde, eine Aufklärung als unwahrscheinlich erschien, nicht genügend Beweise vorlagen oder die Sorge bestand, nicht ernst genommen zu werden, wie der Präsident des Landeskriminalamts Niedersachsen, Thorsten Massinger, erklärte. Positiv sei, dass die meisten Befragten die Arbeit der Polizei positiv bewerteten, das Vertrauen sei hoch.
Die Studie zeigt aber auch eine enorm hohe «Opferwerdungsrate», demnach wurden 36,3 Prozent der Befragten das Opfer einer Straftat - 2022 waren es 35 Prozent. Auch hier steigt die Rate mit der Größe des Wohnorts, fast zwei Drittel der Betroffenen wurden mehrfach zum Opfer. Die Folgen sind vor allem emotionale oder psychische Belastungen, vor allem Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund sind betroffen.
Tatsächlich sind der Studie zufolge fast drei Viertel der Befragten der Ansicht, dass sich die Kriminalitätslage im Land in den vergangenen Jahren verschlechtert hat. Das wirkt sich aus: So vermeidet eine wachsende Zahl von Menschen bestimmte Straßen, Plätze, Parks - oder nächtliche Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Demnach fuhren im vergangenen Jahr beispielsweise fast 41 Prozent der Befragten abends lieber nicht mit Bus und Bahn - 2023 waren es gut 35 Prozent. Der Studie zufolge wurde bei diesem sogenannten Vermeidungsverhalten der höchste Stand seit Beginn der Erhebung 2013 erreicht.
Betrachtet man Bus und Bahn, so wächst die Unsicherheit in den öffentlichen Verkehrsmitteln und vor allem an Haltestellen sowohl tagsüber als auch nachts - eher unsicher oder unsicher fühlen sich an Haltestellen in der Nacht 65,5 Prozent der Befragten. Zuvor waren es 59,1 Prozent.
Behrens betonte: «Ich glaube, dass die aktuellen Zeiten uns alle fordern.» Sie kündigte an, Präventionsangebote und der digitale Zugang zur Polizei und zur Online-Anzeige sollten sichtbarer werden. Eine Straftat anzuzeigen könne ein «elementarer Schritt» sein, sagte die Ministerin. Sie sagte auch, derzeit gebe es in sieben Kommunen des Landes sowie im Nahverkehr Waffenverbotszonen.
Aus der Sicht von Michael Lühmann, innenpolitischer Sprecher der Fraktion der Grünen im niedersächsischen Landtag, sollte niemand überlegen müssen, nachts noch den Bus zu nehmen, einen bestimmten Weg zu meiden oder lieber zu Hause zu bleiben. «Die Verrohung, die wir gerade auch im digitalen Raum erleben, bleibt nicht dort, sie erzeugt reale Ängste und schränkt Freiheit und Teilhabe ein», betonte er. Bedrohungen, Hass, Betrug oder sexualisierte Gewalt im Netz wirkten sich bis in den Alltag der Menschen aus. Er forderte: «Die Antwort darauf kann nicht sein, Betroffenen noch mehr Verhaltenstipps zu geben. Nicht ihre Freiheit darf kleiner werden, sondern der Spielraum der Täter.»
Dem polizeipolitischen Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Alexander Saade, bereitet seinen Worten zufolge vor allem die Zahl nicht angezeigter sexualisierter Grenzüberschreitungen Sorgen: «Dies hat insbesondere im Alltagsleben von Frauen konkrete Folgen: Wenn sie Wege meiden und darüber nachdenken, welche Kleidung sexuelle Übergriffe befördern kann, schränkt das ihre Freiheit ein.»