29. Oktober 2026 – dpa

Landgericht Verden

Tödliche Schüsse vor Augen der Polizei - Mordprozess beginnt

Von hinten soll ein Mann seinen Kontrahenten erschossen haben. Ein Spaziergänger erleidet lebensbedrohliche Verletzungen. Nun steht der mutmaßliche Täter vor Gericht.

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Erstmals nach dem Urteil gegen die frühere RAF-Terroristin Daniela Klette wird die zum Gerichtssaal umgebaute Reithalle am Stadtrand von Verden wieder genutzt. (Archivbild)

Zwei Familien streiten, die Polizei ist vor Ort - als ein Mann erschossen und ein Unbeteiligter lebensgefährlich verletzt wird. Nach den Schüssen in Nienburg an der Weser hat der Prozess gegen den angeklagten 32-Jährigen vor dem Landgericht Verden begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Mord und versuchten Mord vor.

Den Ermittlungen zufolge soll der Mann im Mai einen 37-Jährigen von hinten erschossen haben. Mit der Tat habe der Mann seine Ehre wiederherstellen wollen, sagte die Staatsanwältin bei Verlesung der Anklage. Ein Spaziergänger, der zufällig am Tatort war, erlitt lebensgefährliche Verletzungen.

Laut Anklage wird der zur Tatzeit 66 Jahre alte Mann beatmet und kann nur noch die Arme bewegen. Hintergrund der Tat ist nach Erkenntnissen der Ermittler ein Streit zwischen Mitgliedern von zwei Großfamilien.

Die Verhandlung ist nicht in den Räumen des Landgerichts, sondern in der früheren Reithalle, die für den Prozess gegen die Ex-RAF-Terroristin Daniela Klette zum Gerichtssaal umgebaut wurde. Seit dem Urteil Ende Mai ist das zum Hochsicherheitstrakt umgebaute Gelände eines früheren Reithofs unbenutzt.

In dem Gerichtssaal sitzt das Publikum hinter einer Sicherheitsscheibe. Alle, die in den Verhandlungssaal wollten, wurden umfassend kontrolliert. Rund 60 Menschen nahmen im Zuschauerraum Platz, dazu kamen Journalisten und Journalistinnen. Wegen der strikten Kontrollen begann der Prozess rund eineinhalb Stunden später als geplant.

Der Angeklagte mit deutscher und syrischer Staatsangehörigkeit und der Getötete kannten sich aus einem Fitnessstudio, wie die Staatsanwältin sagte. Demnach stritten sie dort im April 2022 um eine Hantel, es kam zu einer körperlichen Auseinandersetzung. In der Folge versuchten weitere Familienmitglieder, den Streit zu klären. Später sollen Mitglieder der Familie des später getöteten Mannes den Angeklagten und dessen Bruder in einen Hinterhalt gelockt und zusammengeschlagen haben.

Zu dieser Tat gab es im Mai 2026 eine Gerichtsverhandlung, die nach Zahlung einer Geldauflage von 6.000 Euro eingestellt wurde. Nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft war der Angeklagte über diese Entscheidung so erzürnt, dass er beschloss, Selbstjustiz zu üben. Der heute 32-Jährige habe sich daraufhin über Waffen und Munition informiert, so die Staatsanwältin.

Demnach kam es noch am selben Tag zu einem Gerangel zwischen Mitgliedern der beiden Familien, die Polizei wurde gerufen. Beamte nahmen den Bruder des später Getöteten vorübergehend fest, weil vermutet wurde, dass er eine Waffe trug. Weitere Angehörige kamen hinzu. Der Angeklagte wurde laut Anklage von seinem Bruder informiert und machte sich mit einer halbautomatischen Kurzwaffe auf den Weg. Er habe sich seinem Opfer von hinten auf maximal zwei Meter genähert und viermal geschossen - im Beisein der Polizei, so die Staatsanwältin.

Dass durch die Tat weitere Menschen sterben könnten, sei ihm völlig gleichgültig gewesen. «Er kannte die Gefahr», so die Juristin.

Der Getroffene - laut Anklage Vater von drei Kindern - starb vor den Augen seiner Ehefrau. Der 66-Jährige, der zufällig auf dem Gehweg unterwegs war, wurde mit lebensbedrohlichen Verletzungen ins Krankenhaus gebracht. Während der Tat waren mehrere Polizeibeamte vor Ort. Einer richtete seine Dienstwaffe auf den mutmaßlichen Täter, ein anderer gab einen Warnschuss ab. Dann nahmen sie den Mann fest, der dabei die Ehefrau des Getöteten beleidigte und laut Anklage sagte: «Das habt ihr verdient.»

Der 32-Jährige äußerte sich am ersten Verhandlungstag nicht zu den Vorwürfen. Seine Verteidiger kündigten eine Einlassung für den folgenden Termin an. Dann sollen auch Zeugen der Tat gehört werden, wie die Vorsitzende Richterin sagte. Das Gericht hat für den Prozess Termine bis Ende Januar festgelegt.

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