03. September 2026 – dpa

Gesundheit

Tabletten aus dem 3D-Drucker - Wie funktioniert das?

Erdbeer-Vanille-Geschmack statt bitterer Pillen - schwer kranke Kinder bekommen in Oldenburg Medikamente aus dem 3D-Drucker. Wie ist der Stand der Technik und wem kann sie helfen?

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Mit einem 3D-Arzneimitteldrucker stellt die Apotheke des Klinikums Oldenburg Kautabletten für schwer kranke Kinder her.

Schwer kranke Kinder bekommen im Klinikum Oldenburg Tabletten aus dem 3D-Arzneimitteldrucker. Nach Angaben der medizinischen Vorständin, Prof. Andrea Morgner-Miehlke, gibt es in Deutschland bislang nur wenige Universitätskrankenhäuser, die diese Technik nutzen. Die Deutsche Presse-Agentur hat sich das Gerät in der Apotheke des Klinikums angeschaut.

Das Gerät kann individuelle Arzneimittel herstellen. Dosis, Konsistenz, Form, Größe und Geschmack können auf die Bedürfnisse der Patienten und Patientinnen angepasst werden, wie der Leiter der Krankenhausapotheke, Kim Green, erklärte. In Oldenburg werden derzeit Kautabletten hergestellt. Die Apotheke plant zudem den Druck von Zäpfchen und sogenannten orodispersiblen Filmen. Das sind Medikamente in Form von dünnen Blättchen, die auf die Zunge gelegt werden und sich dort auflösen. Diese Arzneiform sei auch für Kleinkinder geeignet, erklärte Green.

Für schwer erkrankte Kinder hat die neue Technik viele Vorteile. Die Dosierung kann zum Beispiel auf das Körpergewicht angepasst werden. Industriell hergestellte Medikamente gibt es für Kinder oft nicht in der passenden Dosierung, Tabletten müssen dann geteilt werden. Herkömmliche Tabletten sind für Kinder außerdem oft schwer zu schlucken und schmecken nicht gut. «Unsere 3D-gedruckten Arzneimittel haben eine Geschmacksverstärkung. Das heißt, bis zu einem gewissen Grad schmeckt das Arzneimittel auch viel besser», sagte Green. Die derzeit hergestellten flachen Kautabletten haben einen Erdbeer-Vanille-Geschmack, die Konsistenz erinnert ein wenig an Gummibärchen.

Zunächst stellen Fachleute in der Apotheke die Masse mit den Wirkstoffen für das Arzneimittel her. Das Ganze wird gemischt und erwärmt. Die Flüssigkeit kommt dann in eine große Spritze, die im Drucker befestigt wird. Der Drucker selbst ist etwa so groß wie ein Backofen. Durch Glaswände ist zu sehen, was im Inneren passiert. Der Drucker erhält genaue Anweisungen - etwa wie viel Flüssigkeit in die jeweiligen Formen gegossen wird und wie hoch die Temperatur sein soll. Bei einem Druckvorgang können bis zu 25 Tabletten hergestellt werden.

Solche extra hergestellten Arzneimittel sind derzeit nur für bestimmte Gruppen mit speziellen schweren Erkrankungen vorgesehen. Das Klinikum Oldenburg hat derzeit vor allem Kinder und ältere Menschen im Blick. Auch der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie hält den Einsatz vor allem bei sehr jungen und alten Patienten und Patientinnen für sinnvoll. Zudem könnten Medikamente aus dem Drucker bei der Behandlung von seltenen Erkrankungen und bei komplexen Medikationsplänen helfen, hieß es.

Für die Herstellung von Arzneimitteln mit dem Drucker gibt es Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen, wie die Medizinische Vorständin des Klinikums Oldenburg, Morgner-Miehlke, berichtete. Die Prozesse seien überprüft und zertifiziert worden, die Apotheke habe ein sicheres System. Daher könne das Klinikum nun in die Regelversorgung übergehen. Das Krankenhaus will die Nutzung in den kommenden Monaten ausweiten und die Wirkstoffpalette erweitern. Dann könnten weitere schwer erkrankte Kinder mit Tabletten aus dem 3D-Drucker versorgt werden. Bislang hat die Krankenhausapotheke rund 300 Tabletten für eine Station gedruckt, wie Apotheker Renke Eggers berichtete. Bei Bedarf könne der Drucker täglich Hunderte Tabletten herstellen.

Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie wies darauf hin, dass der Drucker nicht automatisch Arzneimittelqualität gewährleistet. «Wirkstoffgleichförmigkeit, Stabilität, Freisetzung, Haltbarkeit, Hygiene, Vermeidung von Kreuzkontaminationen sowie die Validierung von Software und Herstellprozess müssen zuverlässig abgesichert sein», schrieb Sprecher Hermann Hofmann. Dazu kämen etwa Investitions-, Schulungs-, Wartungs- und Prüfaufwand.

Dem Verband zufolge sind 3D-Arzneimitteldrucker derzeit eine Nischentechnologie. «Sie kommen vor allem in Forschung, Entwicklung und einzelnen spezialisierten Versorgungsprojekten zum Einsatz; eine breite Routineanwendung in Apotheken oder Kliniken besteht bislang nicht.» Demnach nutzen derzeit vor allem Universitäten, Forschungszentren, pharmazeutische Unternehmen und spezialisierte Krankenhausapotheken ein solches Gerät.

Nach Einschätzung des Bundesverbandes Deutscher Krankenhausapotheker ist die Technologie in Deutschland überwiegend noch im Forschungs-, Entwicklungs- und Pilotstadium. «Einzelne Krankenhausapotheken setzen sie bereits für ausgewählte Patientinnen und Patienten ein», schrieb der Geschäftsführer des Verbandes, Christopher Jürgens.

Fachleute erwarten, dass sich die Technik verbreiten wird. «Eine stärkere, aber selektive Verbreitung ist wahrscheinlich», so der Sprecher des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie. «Der 3D-Druck wird die industrielle Arzneimittelherstellung nicht ersetzen, kann sie aber bei patientenindividuellen Anwendungen sinnvoll ergänzen.» Demnach könnten 3D-Arzneimitteldrucker perspektivisch auch für öffentliche Apotheken mit ausgeprägtem Rezepturschwerpunkt relevant werden.

Der Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker schätzt die Lage ähnlich ein. «Wir sehen im 3D-Arzneimitteldruck beachtliches Zukunftspotenzial, erwarten aber zunächst eine schrittweise Entwicklung in spezialisierten Krankenhausapotheken», so Geschäftsführer Jürgens.

Das Gerät aus der Krankenhausapotheke in Oldenburg hat nach Klinikangaben rund 50.000 Euro gekostet. Die gedruckten Tabletten sind demnach im Vergleich zu industriell gefertigten Tabletten geringfügig teurer. Die Kosten für die stationäre Anwendung trage das Klinikum Oldenburg, so der Krankenhaussprecher.

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