25. August 2026 – dpa

Tourismus

Morden in Leer - Auf den Spuren des «Friesland»-Krimis

Scharenweise kommen Krimifans nach Leer, um die Drehorte der ZDF-Reihe «Friesland» zu besuchen. Die Führungen sind stets ausverkauft. Warum die Gäste aber einige Schauplätze nicht zu sehen bekommen.

rd6ks45uie-v11-ax-s2048.jpeg
Günter Podlich führt Gäste regelmäßig auf den Spuren des Frieslandkrimis durch Leer.

Renate und Fiona Volz haben eine gemeinsame Leidenschaft. Mutter und Tochter haben alle 25 Folgen der ZDF-Krimireihe «Friesland» gesehen. Nicht nur einmal: «Manche doppelt und dreifach», sagt Renate Volz. Die 54-Jährige mag den «herrlichen Humor». Die Film-Charaktere kennen die Dresdnerin und ihre 20-jährige Tochter in- und auswendig. «Wir lieben die Apothekerin», sagt Renate Volz.

Um hinter die Kulissen der Serie zu schauen, sind die beiden ins rund 600 Kilometer entfernte ostfriesische Leer gereist. Dort spielt die Serie, und beide wollen sich die Drehorte in einer Führung anschauen. Zur Einstimmung haben sie am Abend vorher natürlich eine Folge angesehen.

Neben den beiden Frauen begrüßt Stadtführer Günter Podlich weitere 14 Menschen an diesem Sonntag vor dem historischen Rathaus in Leer. Die Gäste kommen aus ganz Deutschland, und alle haben eins gemeinsam: Sie sind Fans der «Friesland»-Serie und wollen wissen, wo sich die Schauplätze wie die Apotheke, das Hausboot und das Polizeirevier befinden, die einen festen Platz in der TV-Reihe haben.

Eine Kollegin von Podlich ist gerade mit einer ähnlich großen Gruppe losgelaufen. Im Gegensatz zu den normalen Stadtführungen durch die malerische Altstadt finden die Krimi-Rundgänge das ganze Jahr über statt. «In der Regel freitags, samstags oder sonntags», sagt Stadtsprecher Edgar Berendt. «Zusätzlich werden regelmäßig Sonderführungen angefragt.»

Mehr als 3.200 Menschen nahmen 2025 an einer der Führungen teil. Zusätzlich bietet die Stadt auf ihrer touristischen Homepage einen «Krimirundgang auf eigene Faust» an, der in der Coronazeit erarbeitet wurde. «Er wurde bis Ende 2025 bereits 17.000-mal heruntergeladen», berichtet Berendt. Welchen Anteil die Krimifans am Gesamtvolumen des Gästeaufkommens in Leer haben, kann er allerdings nicht beziffern.

Die Krimi-Komödien-Reihe wird seit 2014 im ZDF ausgestrahlt. Laut Sender erreichen die Filme im linearen Fernsehen zwischen sechs und acht Millionen Zuschauer. Online wurden 2025 im Schnitt für die drei Folgen des Jahres mehr als 1,2 Millionen Views gezählt.

Der Landstrich ist eine Krimihochburg: In der von Leer rund 60 Kilometer entfernten Stadt Norden spielen die ebenfalls beim ZDF ausgestrahlten Ostfriesenkrimis, die auf den Büchern von Bestsellerautor Klaus-Peter Wolf basieren. Auch dort boomt der Krimitourismus. Die Fans haben nicht nur die Möglichkeit, Schauplätze zu erkunden. Das Ende 2024 eröffnete Museum rund um die ostfriesische Krimi-Kultur entwickelte sich zu einem Besuchermagneten. Im ersten Jahr hätten sich fast 12.000 Gäste die Ausstellung angesehen, sagt Julia Mühlenbrock vom Tourismus-Service Norden-Norddeich.

Mutter und Tochter Volz schauen sich die Krimis aus Norden auch gelegentlich an. «Aber für mich ist "Friesland" der beste Krimi», betont Renate Volz, sie möge das Genre «Cozy Crime». Interessiert hört sie daher Gästeführer Günter Podlich zu. Was er gleich am Anfang berichtet, erstaunt sie. «Viele Drehorte befinden sich gar nicht in Leer», verrät Podlich. Die Innenaufnahmen werden meist im Studio im Großraum Köln/Münster gedreht. Und für viele Außenaufnahmen wurden andere Orte in Ostfriesland gewählt. Denn Krabbenkutter oder einen Strand zum Beispiel sucht man in Leer vergeblich. Wenn solche Szenen zu sehen sind, wurden sie im Ditzum, Oldersum, Weener oder auch auf der Insel Langeoog gedreht, wie Podlich den Gästen erzählt.

Enttäuscht ist Renate Volz trotzdem nicht, denn es gibt andere Schauplätze in Leer, die sie aus dem Krimi kennt. Die Gruppe hat sich vor «Jimmy's Altstadt Café» versammelt. Die Fassade des Backsteinhauses diente in den ersten Folgen als Apotheke. Als Gastronom Cumhur Sögütlüoglu alias Jimmy aus dem Café herauskommt, sagt Gästeführer Günter Podlich im Scherz: «Da kommt der Apotheker.» Jimmy macht das Spiel mit und sagt lachend: «Zwei Kaffee und eine Ibuprofen heute im Sonderangebot.»

Roswitha Weber, die mit ihrem Mann aus dem rund 500 Kilometer entfernten Landkreis Teltow-Fläming in Brandenburg nach Leer gekommen ist, wundert sich: «Wir haben hier vorhin schon Tee getrunken und haben gar nicht bemerkt, dass es in der Serie die Apotheke war.» So ähnlich geht es auch anderen: «Die Gebäude sehen weniger spektakulär als im Film aus», sagt Kay Kendziorski, der mit seiner Frau Anke Daalmann aus Minden in Nordrhein-Westfalen nur für die Führung angereist ist.

Die Gruppe steht inzwischen vor einem Immobilienbüro. Das Haus erkennen alle: Im Film ist es das Beerdigungsinstitut von Bestatter Wolfgang Habedank. «Kann man in den Keller runtergehen?», fragt schmunzelnd Renate Volz. In der Serie baut der Bestatter darin Cannabis an. Die Antwort von Guide Podlich verwundert sie nicht mehr: «Das Gebäude hat gar keinen Keller.» Hier endet die Tour, und obwohl viele Drehorte nicht besucht werden konnten, ist die Gruppe von ihr begeistert angesichts der viele Insiderinformationen, die sie von Podlich erhalten haben.

Der ist selbst Fan der Krimi-Reihe, er mag es, wie die Serienhelden um TV-Kommissar Jan Brockhorst «so liebevoll gehässig» miteinander umgehen: «Die Dialoge sind einfach so genial», findet er. Renate und Fiona Volz nicken. Am Abend werden sie sich wieder eine der 25 Folgen anschauen. «Sie werden auf jeden Fall die Filme jetzt mit einem anderen Blick ansehen», ist sich Podlich sicher.

Weitere Meldungen

undefined
Antenne Niedersachsen
Audiothek