27. August 2026 – dpa

Afghanische Fußballerinnen

Jedes Training ein Statement für die Freiheit

Neben der Volkswagen Arena wird sichtbar, wie sehr Fußball und Politik verzahnt sind. Afghanische Spielerinnen trainieren in Wolfsburg - und sind dabei in Gedanken bei den Frauen in ihrer Heimat.

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Mehr als nur Fußball: Afghanische Fußballerinnen im Summer Camp in Wolfsburg. , Foto: Irving Villegas/dpa

Auf dem Trainingsplatz neben der Volkswagen Arena in Wolfsburg trainieren junge Fußballerinnen. Erst Aufwärmen und Dehnen unter Anleitung von Wolfsburgs Torwart-Ikone Almuth Schult, dann Pässe üben, Laufwege einstudieren, zum Abschluss ein Trainingsspiel. Eine ganz normale Übungseinheit - und doch sehr viel mehr.

Denn die, die dort spielen, sind junge afghanische Fußballerinnen. Jedes Training ist für sie eine Demonstration, ein Statement für die Freiheit und gegen die frauen- und mädchenfeindliche Herrschaft der Taliban in ihrer Heimat, der sie entfliehen mussten und konnten.

Alle jungen Frauen, die auf dem Platz ebenso fröhlich wie ernsthaft trainieren, tragen ähnliche Geschichten von Krieg, Unterdrückung und Flucht mit sich. «Wenn ich Fußball spiele, dann vergesse ich alles Schlimme», sagt die mittlerweile in Darmstadt lebende Nazanin Salimi (20). «Natürlich wollen wir auch zeigen, dass Frauen leben dürfen, wie sie wollen, und ebenso Fußball spielen dürfen.»

Exakt fünf Jahre nach der Rückkehr der Taliban an die Macht in Afghanistan findet in Wolfsburg das 2. United Summer Camp statt. Schon durch das Datum hat das Trainingslager eine besondere Symbolik.

«Diese Woche im August ist die Woche, in der Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban zusammengebrochen ist und die aktive Teilnahme von Frauen und Mädchen am gesellschaftlichen Leben verboten wurde», sagt Khalida Popal. «Diese Frauen und Mädchen werden ausgeblendet. Und die meisten dieser Spielerinnen, die als Aktivistinnen tätig waren und den Fußball als Mittel einsetzten, befanden sich in Lebensgefahr.»

Die 38-Jährige ist Pionierin des afghanischen Frauen-Fußballs, war die erste Kapitänin der Nationalmannschaft ihres Landes. Sie floh 2011, weil sie für ihr Engagement in den patriarchalischen Strukturen der afghanischen Gesellschaft - auch ohne Taliban-Herrschaft - angefeindet und bedroht wurde. Als die Islamisten wieder die Macht übernahmen, half sie vielen Spielerinnen und deren Familien zu fliehen.

Im Exil gründete die in Dänemark lebende Popal die Girl Power Organisation, die das Camp gemeinsam mit dem VfL Wolfsburg - und von VW unterstützt - organisiert und ausrichtet. Schon vor einem Jahr hatte in St. Gallen in der Schweiz ein solches Trainingslager stattgefunden.

In Wolfsburg sind noch bis diesen Samstag Spielerinnen dabei, die Zuflucht in Portugal, Großbritannien und Deutschland gefunden haben. Einige von ihnen waren in ihrer Heimat bereits Nationalspielerinnen, zumeist im Juniorinnen-Bereich.

«Wenn wir die Gelegenheit haben, als Team zusammenzukommen, gemeinsam zu spielen und uns zu sehen, ist das einfach großartig», sagt die 19-jährige Fatema Urfani, die vor fünf Jahren in Lissabon landete, blieb und dort spielt. Als Afghanistan auseinanderbrach, seien sie «irgendwie in alle Winde verstreut» worden. «Früher waren wir wie eine Familie. Das sind wir immer noch, aber es ist einfach etwas schwierig, wenn wir so weit voneinander entfernt sind.»

Dass sie aus Afghanistan fliehen konnte, bezeichnet sie als «Glück, weil ich mein Leben weiterführe und meine Träume verwirklichen kann». Und doch denkt sie an die Frauen in ihrer 5.000 Kilometer entfernten Heimat. Sie wolle sich mit anderen für die Frauen in Afghanistan einsetzen. «Ich verstehe, dass es meine Verantwortung ist, das zu tun, weil ich meine Stimme erheben kann, während sie es nicht können.»

Afghanistan sei noch immer ihre Heimat. «Wir glauben an Afghanistan. Doch die Situation, wie sie derzeit in Afghanistan herrscht, spiegelt nicht das afghanische Volk und die afghanische Haltung wider», sagte Urfani. Dabei kommen ihr Tränen. Es sei nicht menschlich, Frauen das Leben zu verbieten. «Das Einzige, was sie tun können, ist atmen - was manchmal sogar schmerzhafter ist, als zu leben».

Antreiberin für den Kampf gegen das Vergessen der afghanischen Frauen in der Welt ist Menschenrechtsaktivistin Popal. «Ich bin so beeindruckt von sowohl Khalida als auch von allen Mädels», meint Olympiasiegerin Schult. «Wir kämpfen hier in Deutschland darum, dass der Fußball der Frauen professionell wird. Sie kämpfen darum, dass sie überhaupt Sport machen dürfen.»

Im April dieses Jahres erreichten Popal und ihre Mitstreiterinnen ein wichtiges Ziel. Der Weltfußball-Verband FIFA mit seinem sonst Autokraten zugeneigten Präsidenten Gianni Infantino fällte eine bemerkenswerte Entscheidung: Er erkannte die afghanische Frauen-Nationalmannschaft offiziell an. Damit spielt erstmals ein Nationalteam ohne die Zustimmung des zuständigen Mitgliedsverbandes. Fünf Jahre nach dem Bann durch die FIFA.

«Es ist ein Sieg für uns, für die Frauen Afghanistans, denn nach fünf Jahren haben wir nun die Anerkennung erhalten, Afghanistan zu vertreten», sagt Popal. Theoretisch können sich von jetzt an die afghanischen Spielerinnen für die Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele qualifizieren.

Zuletzt gab es im Dezember 2018 ein offizielles Länderspiel. Im November vergangenen Jahres hatte es in Marokko ein Vier-Länder-Turnier gegeben. Damals traten die Afghaninnen als Afghan Women United an - mit Fatema Urfani. Die FIFA-Entscheidung war wie eine Befreiung für sie. «Als der Präsident verkündete, dass die Frauen-Nationalmannschaft offiziell anerkannt wird, war das buchstäblich... Ich kann das Gefühl gar nicht beschreiben, weil es einfach so überwältigend war.»

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