23. Juli 2026 – dpa

Menschen im Hafen

Flussschifferkirche - Mit Barkasse zu den Binnenschiffern

Mitten im Hamburger Hafen, quasi gleich hinter der Elbphilharmonie, liegt Deutschlands einzige Flussschifferkirche mit festem Liegeplatz vor Anker. Doch das ist nicht die einzige Besonderheit.

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Die Flussschifferkirche in Hamburg ist die einzige Kirche mit einem festen Liegeplatz.

Mit einem dreifachen, lauten Hupen macht sich die Barkasse «Johann Hinrich Wichern» im Hamburger Hafen bemerkbar, nachdem sie längs an dem Güterschiff festgemacht hat. Wenige Minuten später kommt ein Seemann aus der Kajüte und schaut fragend auf das kleine, fast 90 Jahre alte Boot. Dort steht Helga Janssen und lächelt. Über die Reling hinweg entspinnt sich ein kurzes Gespräch. Es geht ums Wetter, die Ladung, das Wohlbefinden, die Arbeitsbedingungen. Helga Janssen gehört zum ehrenamtlichen Team der Hamburger Flussschifferkirche, Deutschlands einziger schwimmender Kirche mit festem Liegeplatz.

Das besondere evangelische Gotteshaus hat sich die seelsorgerische Betreuung der Seeleute auf Binnenschiffen auf die Fahnen geschrieben. 1870 wurde diese Tradition begründet, das fest ankernde Kirchenschiff in der Nähe der U-Bahnstation Baumwall ist seit 1952 im Dienst der Flussschifferkirche.

Weniger als eine Handvoll Flussschifferkirchen gibt es in Deutschland, zwei davon in Duisburg und Mannheim. Keine davon ist ein sogenannter Lieger und keine ist so groß wie die in Hamburg. Um die Seeleute, die international unterwegs sind, fühlen sich die Seemannsmissionen zuständig.

Dort gibt es regelmäßig Gottesdienste, Taufen und kulturelle Veranstaltungen. Etwa 100 Leute passen in die Kirche auf der Elbe. Es gibt halbrunde Kirchenfenster, eine Sakristei, einen kleinen Altar und dahinter ein Kreuz an der Wand. Unter der Holzbalkendecke schaukeln Modelle von Segelschiffen sanft bei der leichten Bewegung der Wellen. Ruhe im Trubel des Hafens.

Mark Möller ist seit 2020 der Diakon der Hamburger Flussschifferkirche. «Es ist schon ein Privileg, hier mitmachen zu dürfen. Für mich als Hamburger ist das schon etwas Besonderes.» Bis 2007 war die Flussschifferkirche eine eigene Kirchengemeinde.

Seitdem wird sie von einem Verein getragen, überwiegend ehrenamtlich aufrechterhalten und von Spenden finanziert. «Eine Erfolgsgeschichte. Im Grunde sind wir ein Pilotprojekt», sagt Möller. «Wie kann Kirche sein, wenn sie sich durch Kirchensteuern nicht mehr finanzieren kann?»

Die evangelisch-lutherische Kirche in Hamburg weiß die «Flusi» zu schätzen: «Die Flussschifferkirche ist nicht nur ein wunderbarer, maritimer Ort, sondern für unsere Stadt eine folgerichtige und sinnstiftende Einrichtung. Wenn Menschen an Hamburg denken, so kommt ihnen natürlich die Seefahrt in den Sinn», sagt Hauptpastorin und Pröpstin der Hauptkirche St. Katharinen, Ulrike Murmann, die in diesen Tagen in den Ruhestand verabschiedet wurde. Und weil nicht alle Seeleute in die Kirche kommen könnten, müsse Kirche zu den Schiffen fahren, «um den Menschen aller Religionen und Kulturen ein offenes Ohr zu schenken».

Es gebe auch Menschen, die regelmäßig in die Kirche kommen, sagt Diakon Mark Möller. «Aber etwa 50 Prozent besuchen diese Kirche nur einmal im Leben. Wir haben relativ viele Touristen hier.» Und das sei auch gut so. Immerhin ist die Flussschifferkirche eine Hamburgensie. Eine, die «Kirche auf dem Weg» sein will. «Es ist uns auch ein Anliegen, als ein typisches Stück Hamburg für Touristinnen und Touristen offen zu sein und so den spirituellen Raum zu öffnen.» Für jeden. Nicht nur für die Binnenschiffer.

Gleichzeitig gibt es für die Seeleute aber eben auch das Angebot, dass die Kirche zu ihnen kommt. Denn in der Regel kommen die nicht von sich aus in die Flussschifferkirche, vom Team liebevoll «Flusi» genannt. Einmal in der Woche tuckert die Barkasse «Johann Hinrich Wichern» deshalb vom Mutterschiff weg und fährt in die Seitenarme des Hafens zu den Binnenschiffen. Doch die «Klienten» werden weniger. 2025 gab es der Hamburg Port Authority HPA zufolge gut 9.400 Anläufe von Binnenschiffen im Hamburger Hafen. 2005 waren es noch fast 12.000.

An diesem Donnerstag haben Werner Trost und ein Bekannter zusammen mit Helga Janssen Dienst. Die beiden Rentner sind Kapitän und Festmacher der alten Barkasse. Auf der Hälfte der Fahrt tauschen sie in der Regel die Rollen. Schon vor Beginn der Tour hat Werner Trost die aktuell im Hafen liegenden Güterschiffe rausgesucht. «Sind nicht viele heute», sagt er, während er das Holz-Steuerrad fest in der Hand und das Ziel im Blick hat. Fünf Binnenschiffe will er heute ansteuern. «Im Herbst können das auch mal mehr als ein Dutzend sein.»

Das erste Ziel ist die «Ilmenau». Dort steht Kapitän Lukasz. Der Pole hat Sojaschrot geladen. Er freut sich sichtlich über das kurze Gespräch mit der Barkassen-Crew. Die Hitze, das klimatisierte Führerhaus, die beiden kleinen Töchter, die Familie in Polen - Helga Janssen stellt Fragen, hört zu und fragt nach. Zum Abschluss überreicht die 79-Jährige eine Papiertüte mit kleinen Geschenken: Schokolade, Äpfel, eine Tageszeitung und nette Worte auf Postkarten. Die hatten Flussschifferkirchenbesucher während des Hafengeburtstages aufgeschrieben. Lukasz blickt hinein, lächelt und bedankt sich.

Es sind im Grunde «nur» ein paar nette Worte und doch können sie für viele Seeleute an Bord der Güterschiffe die einzige menschliche Abwechslung innerhalb von mehreren Tagen sein. «Es ist schön, wenn sich die Seeleute auf das Gespräch einlassen. Wir legen ja ungefragt an. Wir wissen vorher nie, was daraus wird», sagt Janssen. Missioniert werden sollen die Seeleute nicht.

Offiziell ist Helga Janssen die Seelsorgerin in dem kleinen Dreier-Team. Ein Wort, das sie gar nicht so mag, weil es so hochtrabend klingt. «Auf Platt sagen wir Skipper, Festmooker und Schnackerin. Das gefällt mir besser», sagt sie und lacht. Seit mehr als zehn Jahren fährt die ehemalige Lehrerin etwa einmal im Monat mit der Barkasse zu den Seeleuten und sucht das Gespräch. Fünf ehrenamtliche Seelsorgerinnen gehören zum 20-köpfigen Binnenschiffer-Seelsorge-Team.

«Manchmal gelingt es, einen Zugang zu finden. Dann reden wir auch über Sorgen und Freuden. Aber oft sind es eher kurze Gespräche.» Das liegt auch daran, dass es mittlerweile immer weniger deutschsprachige Besatzung gibt. Oft treffen die Ehrenamtlichen auf polnische oder niederländische Seeleute. Dann verständigen sie sich mit den Händen, mit Übersetzungs-Apps und behelfen sich mit Englisch. Und mit einem Lächeln. Das ist international.

Die «Johann Hinrich Wichern» tuckert bei Wind und Wetter donnerstags über die Hamburger Elbe. Auf 30 bis 40 Kilometer kommt das alte Schiff dabei. «Das ist schon ein Privileg, als Rentner mit der Barkasse durch den Hafen fahren zu können», sagt Kapitän Trost dazu. Auch er ist seit 15 Jahren dabei.

Nach den Gesprächen hat das «Schnacker»-Team alles in einem dicken Fahrtenbuch festgehalten. Darin steht beispielsweise auch in den Notizen: «Lobt seinen Chef!» oder «Spende 3.50 Euro (!!!)» Helga Janssen hat auf der Tour diesmal gar nicht so viel zu berichten. Gelohnt hat sich der Ausflug dennoch, findet sie: «Es geht auch darum, zu zeigen, dass es uns gibt und wir zuhören.» Am meisten freue sie sich, wenn die Seeleute sie vermisst haben. «Wenn sie sagen: "Da seid ihr ja endlich wieder!" Das ist schön.»

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