20. September 2026 – dpa
0:2 lag Werder Bremen gegen den FC Augsburg bereits zurück. 3:2 hieß es am Ende. Das Siegtor in der Nachspielzeit schoss ausgerechnet einer, der mehr als ein Jahr gefehlt hatte.
Dieser Wunsch schallte durch das gesamte Weserstadion. «Weiser auf den Zaun», sangen die Anhänger von Werder Bremen nach dem spektakulären 3:2 (0:1) gegen den FC Augsburg. Und Mitchell Weiser kletterte auf den Zaun zwischen Fantribüne vom Spielfeldrand: glücklich, gerührt - und immer noch ein bisschen fassungslos.
14 Monate hatte der erfahrene Werder-Profi wegen einer schweren Knieverletzung gefehlt. In seiner Heimat Köln reichte es eine Woche zuvor schon zu einem ersten Kurzeinsatz. Gegen Augsburg folgten dann das Comeback im eigenen Stadion plus Weisers Siegtor in der Nachspielzeit dieses hochemotionalen Spiels (90.+3 Minute). Als der 32-Jährige sich aufgewärmt hatte vor der Ostkurve, lag Werder noch mit 0:2 zurück.
«Was soll ich sagen? Das ist unbeschreiblich und fühlt sich wirklich an wie ein Traum», meinte Weiser hinterher. Er sei auch «sehr dankbar» dafür, «dass ich heute so ein bisschen zurückgeben konnte»: Für «die ganzen Nachrichten, die mir geschrieben wurden über die Zeit. Die Jungs, die mich hier immer unterstützen. Der Trainer, der mir das auch ermöglicht hat. Ich weiß das auch sehr zu schätzen.»
Der frühere Profi von Bayern München und Bayer Leverkusen erlitt im Juli 2025 einen Kreuzbandriss im Knie und verpasste die komplette vergangene Saison. Werders Trainer Daniel Thioune kannte Weiser noch bis vor kurzem nur aus dem Fernsehen und als gegnerischer Spieler.
Dass er «schon immer ein großer Mitchell-Weiser-Fan» war, erzählte Thioune aber bereits vor dessen Comeback und malte das am Samstag nach der Aufholjagd gegen Augsburg noch einmal aus: «Wenn man Mitch kennenlernt: Er ist ein Mentalitätsspieler», sagte Thioune. «Selbst bei 2:2 wollte er nicht 2:2 spielen, sondern hat gesagt: Komm, wir machen noch eins.» Selbst im Training am Freitag wollte er ein dreieinhalb-minütiges Abschlussspiel «mit aller Macht gewinnen».
Eine lange und innige Umarmung zwischen Thioune und Weiser war nach dem Spiel im Mittelkreis zu beobachten, während alle um sie herum im Stadion auf ihren Sitzen standen. «Für alle Fußball-Romantiker: herzlich willkommen im Weserstadion!», sagte der Trainer gewohnt pathetisch. «Das war verrückt. Das hat unfassbar viele Emotionen in uns ausgelöst.»
Das galt zumindest für alle Grün-Weißen im Stadion - bis auf einen: Clemens Fritz, der Sport-Geschäftsführer, der hinterher über seine Reaktion auf die späten Tore zum 2:2 (86.) und 3:2 (90.+3) sagte: «Ich bin nie so schwarz-weiß, sondern immer ein bisschen im Graubereich. Ich habe durchgepustet.»
Werders Sportchef widerstand auch jeder Versuchung, so etwas wie Genugtuung zu zeigen. Denn zur Geschichte dieses zweiten spektakulären Saisonheimspiels nach dem 3:1-Erfolg gegen den Champions-League-Club RB Leipzig gehört auch: Sie liest sich wie ein Plädoyer für Fritz' noch vor zweieinhalb Wochen so viel kritisierte Kaderplanung.
Der Ehrgeiz von Mitchell Weiser. Die Torquote des im dritten Spiel nacheinander erfolgreichen Niclas Füllkrug (2:2/86.). Die Qualität von Neuzugängen wie Arthur und vor allem Youri Regeer: Als Werder das Spiel gegen Augsburg noch drehte, war im Vergleich zur schwachen Vorsaison deutlich mehr Willenskraft, Emotionalität, Widerstandsfähigkeit und auch Führung auf dem Platz. Die Bremer haben den Geist der Kabine verändert in diesem Sommer. Niemand steht dafür mehr als Füllkrug und Weiser.
«Wie oft war ich mit den Gedanken vielleicht schon woanders?», sagte Weiser in der Rückschau und meinte damit die Zeit, in der er verletzt war und seinen Vertrag in Bremen noch nicht verlängert hatte. Jetzt ist für ihn klar: «Ich bin hier noch nicht fertig!»