01. Oktober 2026 – dpa

Nach fast elf Jahren Pause

Bahnstrecke eröffnet - «Wunderline» verbindet Leer-Groningen

Die neue Friesenbrücke und eine komplett erneuerte Bahnstrecke sollen Reisen zwischen den Niederlanden und Ostfriesland komfortabler machen. Doch zum Neustart mischt sich unter die Freude auch Kritik.

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Mit einer Sonderfahrt wird die rundum sanierte Bahnstrecke Groningen-Leer, ein Teil der künftigen «Wunderline», wiedereröffnet. (Archivbild)

Auf diesen Moment haben Menschen in der deutsch-niederländischen Grenzregion mehr als ein Jahrzehnt warten müssen: Gegen 11.40 Uhr rollte die erste Regionalbahn in den Bahnhof im ostfriesischen Weener. Mit der Sonderfahrt über die nach einem Schiffsunfall 2015 zerstörte und neu aufgebaute Friesenbrücke ist der grenzüberschreitende Zugverkehr auf der Bahnlinie zwischen dem ostfriesischen Leer und dem niederländischen Groningen nach fast elf Jahren wieder aufgenommen worden. Die Bahnstrecke ist zuvor umfassend saniert worden.

Die Wiederaufnahme der Verbindung ist auch ein erster Bauabschnitt bei der Realisierung der sogenannten «Wunderline», die künftig Bahnreisen zwischen Groningen und Bremen schneller und komfortabler machen soll. Regulär sollen vom 5. Oktober an wieder Bahnen auf der Strecke Leer-Groningen fahren.

Niedersachsens Verkehrsminister Grant Hendrik Tonne, einer der Fahrgäste der Sonderfahrt, sprach bei der Eröffnungsfeier von einem «großartigen Tag». Der SPD-Politiker erinnerte daran, dass es schon 2013 erste Überlegungen gegeben habe, wie die Grenzregion enger zusammenwachsen könne. Mit dem Start der «Wunderline» sei man nun einen «großen Schritt weitergekommen».

Teil der Bahnstrecke ist die neue Friesenbrücke über die Ems, die bereits im vergangenen Sommer eröffnet wurde. Das 335 Meter lange Bauwerk ist nach Angaben der Bahn die größte Hub-Dreh-Brücke für den Eisenbahnverkehr in Europa. Seitdem ein Frachter 2015 die damals geschlossene Klappbrücke bei Weener gerammt und zerstört hatte, war die Emsquerung für den Bahnverkehr unterbrochen und damit auch der grenzüberschreitende Zugverkehr.

Lange war über den Bau der Brücke und die Modernisierung der Bahnstrecke politisch gerungen worden. «Dass es das so heute gibt, das war sehr weitsichtig, und das war ein Kraftakt, das so auf die Beine zu stellen», sagte Philipp Nagl, Vorstand der Bahn-Tochter Infrago. Durch die Modernisierung der Strecke könnten Züge nun schneller fahren als vorher. Außerdem seien in den Orten Bunde und Ihrhove neue barrierefreie Bahnhaltepunkte gebaut worden. «Also man hat aus etwas, was ein Unglück war, etwas richtig Großartiges gemacht.»

Ursprünglich war der Neustart der Bahnverbindung zum Fahrplanwechsel im Dezember 2024 geplant gewesen. Doch durch häufigen Starkregen und schlechte Bodenverhältnisse verzögerten sich die Bauarbeiten. Und auch die Kosten stiegen deutlich an. Bei Baubeginn waren noch Investitionen von 180 Millionen Euro veranschlagt worden - inzwischen beziffert die Bahn die Ausgaben auf rund 250 Millionen Euro. Der Konzern führt dafür deutlich gestiegene Baupreise, Lieferengpässe und ein erweitertes Bauvolumen durch die schwierigen Bodenverhältnisse an.

Hinzu kommen die Baukosten für die Friesenbrücke. Diese liegen nach Angaben der Bahn ebenfalls nach Preissteigerungen bei mehr als 200 Millionen Euro. Wie hoch die Gesamtkosten sein werden, ist demnach noch nicht bekannt. Noch sei das Bauprojekt nicht abgeschlossen, hieß es.

Mit dem Start der «Wunderline» werde eine Verbindung gefeiert, die «nach einer langen und belastenden Unterbrechung» wieder zum Leben erwache, sagte René Paas, der Kommissar des niederländischen Königs in der Provinz Groningen. «Alles ist wieder in Ordnung, die Schwellen sind tipptopp, die Schienen glänzen, der Fahrplan steht.» Die grenzüberschreitende Verbindung komme Arbeitnehmern, Studierenden, Touristen und Familien zugute. «Einfach eine Fahrkarte kaufen, einsteigen und die Nachbarn besuchen. So sind internationaler Austausch und Zusammenarbeit nicht etwas Fernes mehr, sondern etwas, was man jeden Tag ganz einfach leben kann», sagte Paas.

An der Modernisierung der Bahnstrecke arbeiteten die DB Infrago und der niederländische Infrastrukturbetreiber Prorail. Auf deutscher Seite wurden seit 2023 nach Bahn-Angaben rund 18 Kilometer Gleise, 5 Weichen sowie 19 Durchlässe, Brücken und Unterführungen erneuert.

Durch die «Wunderline» soll sich die Fahrzeit für Reisende zwischen Bremen und Groningen mit der ersten Ausbaustufe auf unter 2:30 Stunden verkürzen. Nach der zweiten Ausbaustufe soll die Reisezeit unter 2:15 Stunden betragen. Vor der Unterbrechung der Strecke lag die Reisezeit bei 2:43 Stunden.

Vorerst müssen Reisende aber noch Geduld mitbringen. Denn bei den meisten Fahrten werktags ist laut Fahrplan zwischen Groningen und Leer vorerst ein Umstieg in Winschoten nötig. Das liegt nach Angaben der Provinz Groningen an einer Geschwindigkeitsbegrenzung bei Hardegarijp in den Niederlanden.

Der Fahrgastverband Pro Bahn begrüßt, dass zwischen Groningen und Leer nun wieder Züge fahren. Der Verband ist aber auch enttäuscht, dass der zweite Ausbauschritt der «Wunderline» bislang nicht vorangekommen ist. In der zweiten Baustufe ist unter anderem geplant, in den Abschnitten zwischen der deutsch-niederländischen Grenze und Ihrhove sowie zwischen Stickhausen-Velde (Landkreis Leer) und Augustfehn (Landkreis Ammerland) die bestehende Bahnlinie zweispurig auszubauen.

«Wann die sogenannte zweite Baustufe kommt, die dringend benötigte infrastrukturelle Verbesserungen brächte, steht noch in den Sternen», sagte der Landesvorsitzende Malte Diehl in einer Mitteilung. «Das Geld ist so knapp, dass selbst kleine Verbesserungen wie eine Begegnungsmöglichkeit in Weener gestrichen werden mussten. Dadurch entsteht zwischen Neuschanz und Ihrhove ein circa 18 Kilometer langer eingleisiger Abschnitt, der im täglichen Betrieb für Verspätungen sorgen dürfte.»

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