27. Oktober 2026 – dpa

Neue Folge aus Rostock

«Polizeiruf 110»: Abgründe des Rotlichtmilieus

Im neuen Rostocker Polizeiruf wird wieder mit harten Bandagen gekämpft. Es geht um Alltagsgrauen, Morde, Zuhälter, Prostituierte und Freier. Eine schonungslose Geschichte und 90 Minuten Hochspannung.

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Pöschels (Andreas Guenther) Ermittlungen führt die Ermittlerinnen Melly Böwe (Lina Beckmann, lins) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) in eine Ferienhaussiedlung. (Handout), Foto: Boris Laewen/NDR/ARD/dpa

Die Welt der Zwangsprostitution ist hart und gnadenlos, das sehen die Zuschauer der neuen Folge des «Polizeiruf 110 - Sie haben Namen» (Sonntag, 1. November 20.15 im Ersten) gleich zu Beginn. Die bedrohliche Szene im Halbdunkeln eines beengten Schranks zeigt eine völlig ausgehungerte, verstörte junge Frau. «Mal gucken, was die Kleine macht. Sie ist bestimmt schon so weit», sagte einer der beiden Männer und schließt die Schranktür auf. Das verheißt nichts Gutes.

Die Frau mit dem Namen Natasha (Anastasiia Mazhara) überlebt die Misshandlung, entkommt dem Milieu aber nicht. In einem Handlungssprung fährt sie Jahre später auf dem Beifahrersitz mit einem Handlanger («Facilitymanager») ihres Zuhälters im Auto durch das nächtliche Rostock zu einem Freier, der sie ins Hotel bestellt. Natasha ist mittlerweile im Bordell «Golden Cherries Club» zur «Madame» aufgestiegen, lernt junge Frauen an, und setzt sie, wenn nötig, auch unter Druck. Eine echte Wahl hat sie dabei nicht.

Als eine Prostituierte aus dem Club zufällig von einer Anglerin als Wasserleiche vor den Toren der Stadt entdeckt wird, ruft das die Kommissarinnen Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Melly Böwe (Lina Beckmann) auf den Plan. Die zunächst namenlose und vermutlich ebenfalls aus Osteuropa stammende Minderjährige wurde vor ihrer Ermordung gefoltert. Sie hat einen «Zuhälterstempel» mit stilisiertem Strichcode und 2.000-Euro-Preisschild tätowiert.

Die Frau heißt Anna, wie sich später herausstellt, und hatte auf Anregung eines Journalisten und Kunden ihre Freier mit einer Kamera aufgenommen, die in einem Plüschelefanten versteckt war. Das vertraut sie auch Natasha an, die in der Hoffnung auf Erleichterung ihrer eigenen aussichtslosen Lage, dem Zuhälter Heiko Mischke (Sönke Möhring) davon erzählt. Die Prostituierte wird ermordet, Natasha steigt zur «Madame» auf, und erhält erstmals seit fünf Jahren in dem Bordell ein eigenes Zimmer.

Der nach außen aalglatte und nach innen berechnend-brutale Zuhälter schreckt vor wenig zurück. Das wird auch in der Wortwahl klar, die die Tonlage im Milieu spiegelt. Eine der Frauen bringt nicht genug «Umsatz» für Mischke. «Mach mehr Kunden», brüllt er sie an. Wenn ihr das nicht gelinge, lasse er sie zu Typen bringen, die ihm die «lahmen Stuten» abnähmen. Dort werde sie dann in irgendeinem Drecksloch im Osten «zu Tode geritten».

Nicht nur das finstere Geschehen im Cherries Club wird schonungslos dargestellt. Der Plot enthält mehrere Seitenstränge, die ohne Sprünge logisch ineinandergreifen und auch ins private Leben der Ermittlerinnen führen. Eine mehr als unrühmliche Rolle spielt dabei der korrupte Schweriner Oberstaatsanwalt Jan Jürgens (Thorsten Merten), der mit einem Szene-Anwalt gemeinsame Sache macht, um den Zuhälter aus dem Weg zu räumen und dessen «Geschäftsanteile» zu übernehmen.

Es stellt sich heraus, dass der maliziöse Oberstaatsanwalt Kommissarin Böwe vor langer Zeit vergewaltigte, als sie 16 Jahre war. Die Konfrontation kann nicht ausbleiben. Kommissarin König wiederum kämpft mit privaten Problemen und ihrem wieder aufgetauchten Vater. Sie will seine Stasi-Akte einsehen, wird aber vom Sachbearbeiter informiert, dass es keine Opfer-, sondern vielmehr eine Täterakte über ihn gibt. Sie stellt ihn lautstark zur Rede.

Auch die Ermittler Anton Pöschel (Andreas Guenther) und Volker Thiesler (Josef Heynert) haben ihr Päckchen zu tragen. Während sich Pöschel in einer der Cherries-Prostituierten verliebt und sich um deren Freigabe bemüht, hadert Thiesler mit seiner schweren Hüftverletzung, die er sich bei einem Schuss in einem Einsatz zuzog. Er hilft sich mit Tabletten, kommt nicht mehr richtig im Team an und sieht sich nur noch als Depp im Team.

Für Regisseurin Franziska Schlotterer ging es in der Folge darum, die Branche der Prostitution in ihrer vollen Härte zu zeigen. «Auch visuell haben wir das so umgesetzt, dass es nicht geschönt ist und nichts Glitzerndes hat. Anstelle der Fassade, die dieses Milieu gern um sich herum aufbaut, zeigen wir die hässliche Fratze.»

Umgesetzt wird das etwa, wenn der Zuhälter in seiner Aussage vor den Ermittlern von seinem Respekt gegenüber Frauen schwafelt, und dabei betont, dass er helfe, die Selbstbestimmung der Frauen zu schützen. Während der weitschweifigen Ausführung wird der Ton effektvoll gedimmt. Die Kamera zeigt nur die Gesichter von König und Böwe und einen gestikulierenden Zuhälter mit Krawatte, der sich letztlich selbst entlarvt.

Auch die Freier kommen zu Wort, nämlich in den versteckt aufgenommenen Videos, die sich das fassungslose Ermittlerteam anschaut. Während die Freier sich ihre Hosen an- beziehungsweise ausziehen, tritt die Erbärmlichkeit deutlich zutage. Sie bezeichnen die Frauen als «Billigfleisch-Döner» und Junk-Food, die ohne Missverständnisse und mit Service gegen Bezahlung zu kaufen seien.

«Die versteckte Kamera am Schluss offenbart die Haltung der Männer den Frauen gegenüber», sagt Buchautor Florian Oeller. «Wir schauen durchs Schlüsselloch auf die Freier. Das war die große Ambition dieses Stoffes.»

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