21. Juli 2026 – dpa
Die Zahl registrierter sexueller Übergriffe auf Kinder und Jugendliche steigt weiter. Viele Taten bleiben aber im Dunkeln. Ermittler warnen vor neuen Herausforderungen durch KI.
Sexuelle Gewalt gegen Kinder und sogar Säuglinge, Jugendpornografie, Erwachsene, die über Online-Spiele Kontakte zu Minderjährigen anbahnen - die Polizei hat im vergangenen Jahr erneut mehr Missbrauchsfälle bei Kindern und Jugendlichen registriert. Die Zahl der Betroffenen stieg, ebenso die Zahl der Tatverdächtigen. Die registrierten Fälle lagen deutlich höher als noch vor fünf Jahren, wie aus dem Bundeslagebild «Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen» des Bundeskriminalamts (BKA) hervorgeht, das in Berlin vorgelegt wurde.
Ermittler und Experten blicken zudem mit Sorge in die Zukunft. Die zunehmende Verwendung Künstlicher Intelligenz, um Missbrauchsdarstellungen auch komplett künstlich zu erzeugen, wird ihrer Einschätzung nach nicht zu sinkenden Opferzahlen führen - im Gegenteil.
«Auch wenn in einzelnen Teilbereichen Rückgänge von Fallzahlen erkennbar sind, bleiben die Zahlen der Sexualdelikte erschreckend hoch und verzeichnen auch in Teilen einen dramatischen Anstieg», sagte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt bei der Vorstellung des Lagebilds in Berlin. Er wies im Bereich Jugendpornografie auf einen Anstieg der Fälle von 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und sprach von einem dramatischen Befund.
Im vergangenen Jahr zählte die Polizei insgesamt 17.126 Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs, das waren rund 1.600 mehr als noch vor fünf Jahren und 772 mehr als im Vorjahr. Die Ermittlungen ergaben erneut, dass in mehr als der Hälfte der Fälle zwischen Opfern und Tatverdächtigen eine Vorbeziehung bestand. Die große Mehrheit der Opfer waren Mädchen. Als Kinder gelten im strafrechtlichen Sinne Personen unter 14 Jahren. Bei Missbrauch von Jugendlichen stieg die Zahl von 1.191 auf 1.239 Fälle. Auch die Zahl der Tatverdächtigen stieg erneut, von 12.368 auf 12.823. Es handele sich hauptsächlich um «alleinhandelnde» Männer.
In dem Bericht wird ein Fall aus den Ermittlungen geschildert. Der ehemalige Leiter eines Kinderheims soll mehrere Frauen gegen Bezahlung dazu angeleitet haben, ihre eigenen Kinder schwer sexuell zu missbrauchen, davon Aufnahmen zu machen und ihm zu übermitteln. «Insgesamt konnten zwölf geschädigte Kinder ab dem Säuglingsalter identifiziert werden, die durch ihre Mütter missbraucht wurden.»
Die Statistik spiegelt nur die der Polizei bekanntgewordenen und durch sie bearbeiteten Straftaten wider - das sogenannte Hellfeld - einschließlich sogenannter Versuchstaten. Die Zahlen sind daher auch vom Anzeigeverhalten beeinflusst. «Neben dem in diesem Lagebild dargestellten polizeilichen Hellfeld ist von einem erheblichen Dunkelfeld auszugehen», heißt es in dem Bericht.
In einer großen Befragung von Neuntklässlern zu möglichen Missbrauchserfahrungen unter der Regie der Missbrauchsbeauftragten des Bundes, Kerstin Claus, soll dieses Dunkelfeld demnächst besser ausgeleuchtet werden.
BKA-Präsident Holger Münch sagte, die Straftaten verlagerten sich zunehmend in den digitalen Raum. Durch den Anstieg dort würden die Zahlen insgesamt nach oben getrieben.
Claus sagte, sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sei erschreckend alltäglich. Sie kritisierte rechtliche Lücken und dass zu wenig über Jugendliche gesprochen werde. «Jugendliche sind nicht geschützt, wenn irgendein ein Mann über 50 meist ein Mädchen in eine sexuelle Beziehung verstrickt. Das ist nicht strafbar.» Jugendliche zeigten diese Taten nicht an. «Sie schweigen aus Scham oder weil sie sich selbst die Schuld geben.»
Claus forderte zudem stärkere Ermittlungsarbeit. Elementar seien «Scheinkindoperationen», in denen sich Ermittler als Kind ausgeben, um potenzielle Täter zu überführen. Diese bahnen Kontakt zu möglichen Opfern oft über Social Media oder Chats in Online-Spielen an (sogenanntes Grooming).
Auch der stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Alexander Poitz, sieht Nachholbedarf. Die Justiz müsse personell so gestärkt werden, «dass die Strafe auf dem Fuße folgen» könne, forderte er im RTL/ntv-«Frühstart». Die anhaltend hohen Fallzahlen führt er unter anderem auf neue Erfassungsrichtlinien, verändertes Anzeigeverhalten, eine Verlagerung in den virtuellen Raum und «ein gesellschaftliches Gewaltproblem» zurück.
Bundeskriminalamt und Missbrauchsbeauftragte gehen übrigens nicht davon aus, dass die Opferzahl langfristig sinkt, wenn Missbrauchsdarstellungen verstärkt künstlich durch KI erzeugt werden. «Nein, das Gegenteil ist der Fall», sagte Claus. «Diese Flut von Material, echt oder KI-generiert, führt zu Entgrenzungen.» Und Entgrenzungen führten zu mehr Tatpersonen, weil etwas normalisiert werde. Der Konsum sei tatsächlich zunehmend.
Die «Flut von Material», von der Claus spricht, macht es auch Ermittlern nicht einfach: «Die gestiegene Qualität dieser Inhalte und die zunehmend erschwerte Unterscheidung von realen und KI-generierten Inhalten stellen eine Herausforderung für die Strafverfolgung im Bereich der Opfer- und Täteridentifzierung dar», heißt es im Lagebild.