08. November 2026 – dpa
In der zweitgrößten Stadt Polens erschießt ein Mann aus einem Auto heraus sechs Menschen. Viele werden lebensgefährlich verletzt. Die Polizei kann ihn stoppen - und macht dann einen grausigen Fund.
Polen unter Schock: Während das Land um sechs Tote durch Schüsse auf dem Marktplatz von Krakau trauert, liefert die Polizei ständig neue Erkenntnisse zu dem rätselhaften Angriff. Drei weitere Tote, die im Haus des Todeschützen entdeckt wurden, seien seine Eltern und seine Schwester, teilte die Polizei mit. Gefunden wurden sie am Wohnort des 24-Jährigen in der Stadt Ostrowiec Swietokrzyski etwa zwei Autostunden nordöstlich von Krakau. Am Sonntag galt Staatstrauer in Polen.
Der Mann hatte am Vortag aus einem Auto heraus wahllos auf Passanten auf dem Marktplatz der zweitgrößten Stadt Polens geschossen. Zu seinem Motiv gibt es keine Klarheit. Die Polizei geht von einem Einzeltäter aus und dementierte Berichte über eine Fahndung nach einem möglichen Komplizen.
Der Schütze soll nach ersten Erkenntnissen «sehr radikale Ansichten» vertreten haben, wie Polens Innenminister Marcin Kierwinski am Abend sagte. Es gebe Anzeichen dafür, dass er von rechtsextremistischen Ideologien fasziniert gewesen sei, auch wenn dies noch näher überprüft werden müsse.
«Bis jetzt hatten wir in Polen noch keinen so drastischen Fall von Terrorismus, denn so muss man diesen brutalen Angriff auf lebende Menschen in Krakau nennen», sagte Regierungschef Donald Tusk, der am Samstag ebenfalls nach Krakau eilte.
Der Marktplatz der Stadt mit seinen Renaissancebauten zieht Touristen aus aller Welt an. Auch mehrere Ausländer zählen zu den Opfern. Von den sechs Todesopfern stammten vier aus Polen, eins aus Großbritannien, eine Frau sei Ausländerin, teilte die Polizei PAP zufolge mit.
Fünf Personen aus Deutschland, Großbritannien, Portugal, Österreich und Russland seien verletzt worden. Aus dem Auswärtigen Amt in Berlin hieß es auf Anfrage, man könne bestätigen, dass bei dem Angriff eine Person mit deutscher Staatsangehörigkeit verletzt worden sei.
Zu den 16 Verletzten zählen die polnischen Behörden PAP zufolge den mutmaßlichen Täter sowie zwei Polizisten. Sie wurden bei der versuchten Festnahme verletzt. Einer von ihnen erlitt demnach drei Schussverletzungen und ist in lebensgefährlichem Zustand. Die polnische Polizei rief am Sonntag dringend zu Blutspenden auf, weil dieser Verletzte die seltene Blutgruppe AB Rhesus+ habe. Von der Armee und anderen Behörden kamen ähnliche Aufrufe.
Auf dem Marktplatz warten immer Kutschen mit geschmückten Pferden auf Fahrgäste für eine Stadtrundfahrt. Mehrere Droschkenkutscher seien schwer verletzt worden, teilte der Verein Krakauer Kutscher PAP zufolge mit. «Zwei kämpfen um ihr Leben», sagte die Vorsitzende Dorota Litwicka. Mehrere Pferde erlitten demnach oberflächliche Verletzungen.
Nach Polizeiangaben verwendete der Täter eine halbautomatische Langwaffe, ähnlich einem Sturmgewehr vom amerikanischen Typ AR-15. Die polnische Nachrichtenagentur PAP berichtete, Fotos nach zu urteilen sei die Waffe mit einer Vorrichtung zur präziseren Schussabgabe ausgestattet gewesen. Der Täter habe zudem eine Pistole bei sich geführt. In seinem Auto seien viele weitere Waffen und Munition gefunden worden, sagte eine Polizeisprecherin.
Medienberichten zufolge stieß der Wagen des Mannes auf der Flucht vom Tatort an einer Kreuzung mit einem anderen Auto zusammen. Daraufhin sei der Angreifer aus seinem Fahrzeug gesprungen und habe auf die Einsatzkräfte geschossen. Diese hätten das Feuer erwidert und den Täter getroffen, der überwältigt werden konnte und ins Krankenhaus gebracht wurde.
Die «blitzschnelle Reaktion» der Polizei habe ein noch größeres Massaker verhindert, betonte Innenminister Kierwinski. Die Beamten hätten innerhalb von drei Minuten nach der ersten Alarmierung schon Schüsse auf den Angreifer abgegeben. Der Täter selbst sei wegen seiner lebensgefährlichen Verletzungen in einem Krakauer Krankenhaus behandelt und mehrfach operiert worden.
Welche Dimensionen das Gewaltverbrechen hat, wurde erst nach und nach klar. Später suchten Einsatzkräfte das Wohnhaus des Schützen auf. Wegen des Verdachts, dass sich dort Sprengsätze befinden könnten, wurden mithilfe einer Drohne Aufnahmen gemacht, auf denen die drei Toten zu sehen waren.
Aufnahmen von der Tat und panisch flüchtenden Menschen machten in sozialen Medien und im Fernsehen schnell die Runde. Augenzeugen berichteten von beängstigenden Szenen. «Im ersten Moment hat großes Chaos geherrscht. Die Menschen haben begonnen, sich hektisch zu bewegen, ich habe umgestürzte Tische gesehen», sagte eine Person dem TV-Sender Polsat News. «Plötzlich ist ein Auto herangefahren, und ein Mann hat begonnen, aus dem Fenster des Wagens zu schießen», berichtete ein weiterer Augenzeuge.
Für Sonntag kündigte die Polizei eine erneute Sperrung des gesamten Krakauer Marktplatzes zur Spurensicherung an. «An jedem Zugang zum Marktplatz werden Polizeibeamte stehen, da wir eine erneute Besichtigung durchführen und alle Spuren bei Tageslicht sichern müssen», teilte eine Sprecherin der Polizei in der Woiwodschaft Kleinpolen, Katarzyna Cislo mit.