10. August 2026 – dpa

Schusswaffengewalt

Schon wieder tödliche Schüsse in Berlin - Sorge wächst

Die Schusswaffengewalt in Berlin hat sich in den vergangenen Jahren drastisch verschärft. Jetzt gibt es erneut einen Todesfall. Wie Kriminalbeamte die Lage deutschlandweit einschätzen.

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Die Polizei sperrt den Tatort ab.

«In Berlin vergeht kaum eine Nacht, in der nicht irgendjemand zur Schusswaffe greift.» Das hatte Benjamin Jendro, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP), im März gesagt. Jetzt sind in der Hauptstadt erneut Schüsse mit tödlichem Ausgang gefallen. Ein 30 Jahre alter Mann wurde Sonntagnacht vor dem Bahnhof Zoo im Stadtteil Charlottenburg auf offener Straße angeschossen und starb noch vor Ort. Am Montagmorgen ist auf den Pflastersteinen noch ein Blutfleck zu sehen.

Die Ermittler suchen nach einer tatverdächtigen Person, die mit einem Fahrzeug vom Tatort flüchtete. Nach bisherigen Erkenntnissen waren zunächst mehrere Personen in einen Streit geraten, bevor aus der Gruppe heraus Schüsse auf den 30-Jährigen fielen, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Die Ermittler bitten mögliche Zeugen um Hinweise zur Tat.

Der Vorplatz des Bahnhofs Zoo ist von vielen Gegensätzen geprägt. Laut Polizei kommt es rund um den Bahnhof immer wieder zu Gewalt. Viele Obdachlose und Drogenabhängige halten sich dort auf, auch wenn sich die Haupttreffpunkte der Drogenszene inzwischen in andere Stadtteile verlagert haben. Gleichzeitig ist der Bahnhof ein Touristen-Hotspot. Die bekannte Gedächtniskirche etwa liegt in unmittelbarer Nähe. Zahlreiche Buslinien halten an dem Bahnhofvorplatz, dem Hardenbergplatz, an dem am Sonntagabend die Schüsse fielen. Nachts sind viele Nachtschwärmer rund um den Bahnhof unterwegs, richtig ruhig ist es dort nie.

Vor welchem Hintergrund der Streit Sonntagnacht eskalierte, ist bislang unklar. Gibt es einen Zusammenhang mit rivalisierenden Banden, ging es um Drogengeschäfte? «Wir ermitteln derzeit in alle Richtungen, naturgemäß auch in Richtung krimineller Clans», sagte der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Michael Petzold, der «B.Z.».

Die Schusswaffengewalt in Berlin hat sich in den vergangenen Jahren drastisch verschärft. Im Jahr 2025 registrierte die Berliner Polizei 1.119 Fälle von Schusswaffengebrauch. Dazu zählen auch Drohungen ohne Schussabgabe. Das ist ein Anstieg von 68 Prozent gegenüber 2024. Dieses Jahr gab es bereits 62 Straftaten mit scharfen Schusswaffen, wie eine Polizeisprecherin auf Anfrage mitteilte (Stand: 5. August 2026). Einen Schwerpunkt bildeten Vorfälle im Zusammenhang mit Erpressung. Erst am Freitagabend war in Berlin-Kreuzberg ein 22-Jähriger vor einem Café angeschossen worden. In der Regel handelt es sich um private Fehden oder Konkurrenzkämpfe in der organisierten Kriminalität.

Zum Anstieg trug allerdings auch die seit 2025 verpflichtende, genauere Erfassung der Waffenverwendung bei. Außerdem würden neben scharfen Schusswaffen auch Vorfälle mit Schreckschuss-, Reizstoff- oder Signalwaffen dazugezählt, wie die Polizeisprecherin erklärte. Wegen der Zunahme wurden in Berlin die Sondereinheit «Ferrum» der Polizei und die Ermittlungsgruppe «Telum» der Staatsanwaltschaft gegründet.

Wie ist die Lage insgesamt in Deutschland? «2025 wurde in 5.281 Fällen mit einer Schusswaffe gedroht», sagte der Bundesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), Dirk Peglow, der Deutschen Presse-Agentur. Das seien 12,7 Prozent mehr als im Vorjahr. «Gleichzeitig ist die Zahl der Fälle, in denen mit einer Schusswaffe geschossen wurde, um 8,7 Prozent auf 4.360 zurückgegangen. Einen bundesweit vergleichbaren sprunghaften Anstieg wie in Berlin kann man aus diesen Zahlen also nicht ableiten.»

Trotzdem sollte man die Entwicklung nicht kleinreden. Die Zahl der Straftaten unter Verwendung von Schusswaffen sei seit 2021 kontinuierlich angestiegen, wie das Bundeslagebild Waffenkriminalität zeige.

Besonders Sorgen mache der Kriminalpolizei die Verfügbarkeit von illegalen Schusswaffen. «Das sehen wir gerade dort, wo Waffen im Zusammenhang mit Rauschgiftkriminalität, Organisierter Kriminalität oder Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gruppen eine Rolle spielen. Wenn solche Waffen vorhanden sind, steigt natürlich auch die Gefahr, dass Konflikte schneller und mit deutlich schwerwiegenderen Folgen eskalieren.»

Waffen würden heute nicht mehr nur geschmuggelt. «Wir sehen umgebaute Schreckschusswaffen, professionell hergestellte Fälschungen und inzwischen auch Waffen oder wesentliche Teile davon, die mit 3D-Druck hergestellt werden können.» Der BDK fordert, illegale Beschaffungswege stärker in den Blick zu nehmen und neben der Sicherstellung der Waffen auch deren Herkunft sowie die dahinterstehenden Strukturen zu ermitteln. Dafür sei eine möglichst einheitliche Erfassung der Waffennutzung in den Ländern notwendig.

«Am Ende ist für mich deshalb weniger die einzelne Prozentzahl entscheidend. Entscheidend ist, ob Schusswaffen in bestimmten kriminellen Milieus leichter verfügbar werden und ob sie bei Auseinandersetzungen tatsächlich häufiger zum Einsatz kommen. Genau das müssen wir sehr genau beobachten», so Peglow.

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