13. Oktober 2026 – dpa

Königin der Weltrekorde

Die Jagd nach verrückten Rekorden

Sie ist sportlich, ehrgeizig und wird «Königin der Weltrekorde» genannt. Damit Palina Glebova niemand die Krone klaut, muss sie sich selbst immer herausfordern. Schafft sie zwölf Rekorde an einem Tag?

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Kampfsportlerin Palina Glebova will an einem Tag zwölf Rekorde holen.

Gestapelte Bretter, aufgereihte High Heels, ein Basketballkorb und unzählige bunte Luftballons an einer Wand in einer leeren Autohalle. Mittendrin läuft eine zierliche Frau in einem kurzen weißen Kostüm mit Armstulpen. Was nach Jahrmarkt klingt, ist das Set-up für einen Versuch der anderen Art. Palina Glebova heißt die Frau und sie will es wissen: Schafft sie es, zwölf Guinness-Weltrekorde an einem Tag zu holen?

Die 30-Jährige tritt in kuriosen Disziplinen an, wie «Dartpfeile mit den Füßen werfen», «High Heels mit dem Fuß in einen Basketballkorb kicken» oder «Bretter mit einem an den Haaren befestigten Gewicht zerbrechen».

«Heute ist tatsächlich der bisher wichtigste Tag in meinem Leben», sagt Palina Glebova der Deutschen Presse-Agentur bei ihrem Wettkampftag in Hamburg. Vier Monate hartes und intensives Training liegen hinter der Kampfsportlerin.

Eine ganze Mannschaft aus Freunden und Familie ist mit Glebova in der Autohalle. Sie sind als Zeitnehmer, Videoassistentinnen, mentale Unterstützung oder Sportpartner eingeteilt. Bevor es mit der ersten Disziplin losgeht, trommelt ihr Coach Joe Alexander alle zusammen. Umschlungen stehen die Helferinnen und Helfer im Kreis. «Heute ist ein wirklich historischer Tag», motiviert Alexander die Gruppe. Er sei das Mastermind hinter den Rekordideen und durch ihn sei sie erst zu den Weltrekorden gekommen, erzählt Glebova. Die Sportlerin liebe es, sich neuen Herausforderungen zu stellen und es reize sie, das anfangs Unmögliche zu schaffen. Seit sechs Jahren jagt sie ausgefallene Weltrekorde.

Wenn es ihr gelinge, zwölf Rekorde an einem Tag zu holen, schreibe sie Weltrekord-Geschichte. «Denn das hat noch keine Frau vor mir geschafft», sagt Glebova. Dies kann nicht überprüft werden, da Guinness World Records keine Gesamtrangliste der Personen mit den meisten Rekorden mehr führt. In einem Blogartikel beschrieb Guinness World Records Palina Glebova aber auf dem Weg, die «Königin der Weltrekorde» zu werden.

Mit ruhiger, aber bestimmter Stimme gibt der Coach letzte Instruktionen: «Keine Hektik». Palina Glebova und ihr Coach vollführen zwei Begrüßungsrituale aus dem Taekwondo, indem sie sich voreinander verbeugen. Den koreanischen Kampfsport macht Glebova seit 20 Jahren und hat den vierten Dan. Viele der Kicks und Bruchtests kommen aus dem Taekwondo, sind aber für die Rekorde abgewandelt und die traditionelle Taekwondo-Uniform fehlt. Das stößt nicht immer auf Begeisterung unter anderen Kampfsportlern, erklärt Glebova.

Dann startet sie mit der ersten Disziplin. Ein tiefer Atemzug, bevor sie einen mit Konfetti gefüllten Ballon auf 1,86 Metern Höhe mit einem gezielten 360-Grad-Kick zertritt. Das Konfetti fällt zu Boden, ihr Publikum applaudiert. Glebova freut sich und reißt die Arme hoch. Nach kurzer Euphorie wird der Erfolg auf den aufgenommenen Videos begutachtet. Erst dann geht es weiter.

Die ersten sechs Versuche gelingen hintereinander. Spektakulär zertritt sie etwa über ihrem Kopf aufgehängte Luftballons in High Heels. Dafür hat sie eine Nadel an die Spitze ihrer roten High Heels geklebt. Damit der Rekord später von Guinness World Records anerkannt wird, muss auch die Höhe der Ballons, die Länge des Absatzes und die Länge der Nadel auf einem Video dokumentiert werden.

Jedes Mal, wenn Palina Glebova das Bein zum Kick erhebt, stößt sie ein kurzes kräftiges «Hah» als Kampfschrei aus. 38 Ballons schafft sie und holt sich damit ihren Rekord zurück. Es sporne sie an, ihre Leistung zu verdoppeln und Rache sei ein bisschen süß, schmunzelt sie.

Wenn der Wettkampftag komme, funktioniere sie noch mal ganz anders. «Dann kann ich wirklich alle Kräfte in mir drin mobilisieren, weil ich weiß, jetzt kommt es drauf an. Und dann macht mein Körper Sachen, die er vorher nicht so gemacht hat», sagt Glebova erleichtert nach dem Versuch.

Bei Rekordversuch Nummer sieben gerät sie plötzlich aus dem Tritt. Das Binden eines Kampfsportgürtels in unter 4,33 Sekunden will ihr auch nach etlichen Versuchen nicht gelingen.

Dabei trägt Palina Glebova dafür sogar einen Glücksbringer: ihre alten Taekwondo-Schuhe. «Die habe ich seit fast 20 Jahren. (...) Das war mein allererstes Paar, dementsprechend sehen die schon aus. Ich habe die Sohle schon von allen Seiten geklebt mit Sekundenkleber. Aber die funktionieren immer noch.»

Wieder und wieder bindet sie den schwarzen Kampfsportgürtel - zu langsam. Irgendwann komme die Nervosität und die Handgriffe werden unsauber, erklärt sie zwischen den Versuchen. Sie versucht, sich vergeblich durch Atemübungen zu fokussieren. Schließlich vertagen Glebova und Alexander die Aufgabe. Den Versuch wird sie ein paar Wochen später wiederholen und schaffen. Für den Moment muss sie das Scheitern hinnehmen.

Es muss weitergehen und das am besten mit Versuchen, die gelingen. Die Showkampfkünstlerin kickt rote High Heels in einen Basketballkorb und zertritt beim Seilspringen mit einem Jump-Kick Bretter, die ihr von mitspringenden Helfern gehalten werden.

Auch ihr letzter Versuch an diesem Tag dreht sich um zerbrochene Bretter. Doch anstatt sie zu kicken, möchte sie die Bretter nun anders zerschmettern. Von ihrer Freundin wird ihr dafür ein 200 Gramm schweres Gewicht in die Haare geflochten. Mit einer schnellen kontrollierten Drehung wirbelt sie das Gewicht um die eigene Achse und zerbricht Brett für Brett. Nach einer Minute liegen 15 halbierte Bretter auf dem Boden.

Palina Glebova und ihr Team freuen sich über die vielen geglückten Rekordversuche. Doch auch die Anstrengung des langen Tages sieht man ihnen an. Über sechs Stunden haben sie versucht, die Rekordjägerin zu pushen. Stolz setzt Trainer Joe Alexander seinem Schützling eine goldene Plastikkrone auf und überreicht Glebova einen Blumenstrauß auf dem Parkplatz vor der Autohalle. «Für mich ist das ein Wahnsinns-Gefühl», schwärmt die Sportlerin glücklich.

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