30. September 2026 – dpa

Großrazzia gegen Rocker

Die «Hells Angels» und die Spur des schmutzigen Geldes

Polizisten und Steuerfahnder gehen mit einer Großaktion gegen Rocker der «Hells Angels» und ein Geldwäsche-System vor. Die Ermittler wollen 48,6 Millionen Euro Vermögen beschlagnahmen.

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In NRW läuft eine Razzia gegen die Rocker der «Hells Angels».(Archivbild), Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

«Dies ist eine Maßnahme der Polizei, folgen Sie den Anweisungen der Polizei», schallt es um 6.00 Uhr morgens durch ein Wohngebiet im Duisburger Norden. Sekunden später sind Knallgeräusche zu hören. Spezialeinsatzkräfte (SEK) sprengen sich den Weg in ein schwer gesichertes Einfamilienhaus frei. Es soll einem einflussreichen Rocker der «Hells Angels» gehören. Zeitgleich stürmen mehr als 1.000 Einsatzkräfte rund 100 weitere Objekte in Deutschland, Belgien, den Niederlanden und Bulgarien.

Es ist eine der größten Razzien gegen die «Hells Angels», die es je gab. Und es ist ein riesiges Verfahren: 71 Beschuldigte gibt es laut Polizei, Vermögenswerte in Höhe von 48,6 Millionen Euro sollen beschlagnahmt werden. Zusätzlich pikant: Ermittelt wird auch gegen Mitarbeiter der Stadt Duisburg und einen Poilzeibeamten. Die Ermittler nehmen am Mittwoch 14 Menschen mit Haftbefehlen fest.

Den Verdächtigen wird laut der zuständigen Polizei in Duisburg «die Bildung einer kriminellen Vereinigung, räuberische und gewerbsmäßige Erpressung, banden- und gewerbsmäßiger Betrug und gewerbsmäßige Geldwäsche vorgeworfen». Außerdem gehe es um Waffendelikte, Körperverletzung und Steuerhinterziehung. Das wird in der Mitteilung der Ermittler wohlgemerkt nur als nachgeordnet notiert - was zeigt, worum es im Kern geht: schmutziges Geld.

«Der Fall verdeutlicht exemplarisch die Verflechtung krimineller Gruppierungen im Bereich der Organisierten Kriminalität und der internationalen Wirtschaftskriminalität», so die Ermittler: «Durch professionelle Verschleierungshandlungen werden dabei erhebliche Geldbeträge einem künstlichen Wirtschaftskreislauf zugeführt und durch Straftaten erlangtes Vermögen unter anderem in Firmen und Grundbesitz investiert.»

Auf diese Weise wurde aus Sicht der Behörden Geld gewaschen, das aus Drogenhandel, Schutzgelderpressungen oder dem Rotlichtmilieu stammt. Was den «Hells Angels» dabei auch zum Verhängnis wurde: In NRW gibt es seit 2025 das Landesamt zur Bekämpfung der Finanzkriminalität (LBF), in dem 1.200 Steuerfahnder aus allen Finanzämtern des Landes gebündelt wurden. Bekannt wurde das LBF durch eine Taskforce für Influencer - aber die Experten nahmen im Geheimen auch bei den «Hells Angels» die Spur des Geldes auf.

«Die Ermittlungen unserer Steuerfahndung sind oftmals der erste Ansatz, um das Dunkelfeld Organisierter Kriminalität zu erhellen und deren Strukturen zu zerschlagen», sagt NRW-Finanzminister Marcus Optendrenk (CDU). Und sein Kabinettskollege, Innenminister Herbert Reul (CDU) betont: «Wer die Organisierte Kriminalität treffen will, muss ans Geld. Denn Geld ist ihr Antrieb und Geld ihre Achillesferse. Wenn der Staat sich die Beute zurückholt, tut das mehr weh als jede Hausdurchsuchung.»

Von den Razzien sieht man aber im Gegensatz zu eingefrorenen Konten etwas. Und so sorgten die zeitgleichen Polizei-Einsätze für Aufsehen, die teilweise Stunden liefen. In Duisburg wurde unter anderem ein Restaurant durchsucht, Razzien gab es in NRW auch in Oberhausen, Mülheim an der Ruhr und Moers. Gleichzeitig waren Ermittler in Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz und Berlin unterwegs.

Am Nachmittag wird ein weiterer Aspekt der schmutzigen Geschäfte bekannt: Die Kriminellen sollen Helfer bei den Behörden gehabt haben. Während der Ermittlungen hätten sich Anhaltspunkte dafür ergeben, dass ein Polizeibeamter und zwei städtische Mitarbeiter aus Duisburg dienstlich erlangte Informationen an Dritte weitergegeben haben. Gegen einen weiteren Stadtmitarbeiter werde wegen des Verdachts der Bestechlichkeit ermittelt. Er soll Geld für die Gewährung von Vorteilen genommen haben.

Bei welchen Ämtern und auf welcher Ebene die Mitarbeiter tätig waren, dazu machten die Behörden keine Angaben. Die Stadt Duisburg ließ auf Anfrage wissen, man unterstütze die Ermittlungsbehörden nach ganzen Kräften - könne aber darüber hinaus wegen des laufenden Verfahrens keine Auskünfte geben.

In Nordrhein-Westfalen sind die «Hells Angels» der größte Rockerclub. Laut Zahlen des Landeskriminalamts (LKA) aus dem Frühjahr gab es 29 sogenannte Charter (also lokale Ableger) mit 469 Mitgliedern. Nachdem die verfeindeten «Bandidos» 2021 verboten worden waren, hatten sich viele der Rocker den «Hells Angels» angeschlossen. Für die Höllenengel ist die Razzia ein harter Schnitt.

«Das ist der größte Schlag gegen die Organisierte Kriminalität seit mehreren Jahren», lobt Innenminister Reul. Mit Bezug auf die Rocker sagt der Politiker: «Organisierte Kriminalität ist nicht nur die Kutte auf der Straße. Dahinter steckt ein Firmengeflecht aus Firmen und Immobilien, das schmutziges Geld sauber aussehen lässt. Genau dieses System nehmen wir auseinander.» Reul, immer für einen knackigen Spruch zu haben, schiebt hinterher: «Und an alle, die sich angesprochen fühlen: Wir sind noch lange nicht fertig. Wir bleiben dran.»

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