18. August 2026 – dpa

Boeing-Dreamliner

Beinahe-Unglück: Warum war die Boeing beim Start zu langsam?

Ein lauter Knall, Unsicherheit im Flieger - nach dem Beinahe-Unglück mit einer Boeing der Vietnam Airlines in München suchen Experten nach der Ursache. Noch gibt es wenige Antworten auf viele Fragen.

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Aus Hanoi kommen erste Hinweise auf einen sogenannten Tailstrike

Nach dem Beinahe-Unglück einer Boeing 787-9 von Vietnam Airlines am Münchner Flughafen sind viele Fragen offen. Die Wichtigste: Warum kam die Maschine auf dem Rollfeld vor dem Start nicht auf die geplante Geschwindigkeit? Wieso kam es zu dem dramatischen Start, der in einer Katastrophe hätte enden können?

Die Boeing-Dreamliner war am Samstag auf dem Rollfeld zu langsam, fuhr über das Ende der Startbahn hinaus und schaffte es in einer Staubwolke gerade noch in die Luft. Bei der Landung zwei Stunden später in München war am Fahrwerk Qualm zu sehen, Reifen waren geplatzt. Passagiere und Besatzung blieben unverletzt, sie kamen mit dem Schrecken davon.

Nach einem vorläufigen Bericht der vietnamesischen Luftfahrtbehörde zu dem Vietnam-Airlines-Flug VN34 geht aus den Angaben der Piloten hervor, dass die Geschwindigkeit des Flugzeugs während des Startvorgangs zwischenzeitlich abnahm. Da nicht mehr genügend Strecke für einen Startabbruch zur Verfügung stand, hätten die Piloten den Start fortgesetzt, den Schub erhöht und die Flugzeugnase erfolgreich angehoben, sodass das Flugzeug abhob.

Nach dem Start erhielt die Besatzung dem Bericht zufolge Warnungen, die darauf hindeuteten, dass das Heck des Flugzeugs die Startbahn berührt oder gestreift hatte. Außerdem wurde eine Reifendruckwarnung ausgelöst. Bei vier der acht Reifen an den beiden Hauptfahrwerken war demnach der Reifendruck abgefallen.

Die Besatzung informierte die Flugsicherung und entschied, für eine technische Überprüfung zum Münchner Flughafen zurückzukehren, wie aus dem Bericht der Piloten hervorgeht. Auch das vietnamesische Staatsmedium «Bao Moi» hatte das unter Berufung auf die vietnamesische Luftfahrtbehörde berichtet.

Eine solche Entscheidung fällt grundsätzlich im Cockpit, wie eine Sprecherin der Deutschen Flugsicherung (DFS) erläuterte. Die DFS ist dann zuständig, den Luftraum entsprechend freizuräumen und einen Slot für die Landung vorzubereiten. Eine Rückkehr zum Startflughafen sei bei Problemen insbesondere kurz nach dem Start ein übliches Vorgehen.

Die Airline sprach bereits am Samstag von einem technischen Problem und verwies auf Warnmeldungen, die kurz nach dem Vorfall beim Start abgesetzt wurden. Sie entschuldigte sich bei den Passagieren «aufrichtig für die entstandenen Unannehmlichkeiten» und betonte, die Flugzeugbesatzung habe alle vorgeschriebenen Verfahren eingehalten.

Zuständig für die Untersuchung des Vorfalls ist die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig. Deren Experten stellten schon am Wochenende Flugdatenschreiber und Voicerekorder sicher. Bei der BFU rechnet man mit mehreren Wochen, bis zunächst ein Zwischenbericht vorgelegt werden kann. Bis zum Abschlussbericht dürften jedoch Monate vergehen.

Flughafen und Airline haben sich dazu nicht geäußert. Nach Meinung eines Luftfahrtexperten entging der Flughafen allerdings nur haarscharf einer Katastrophe. «Das hätte einen Feuerball mit Hunderten Todesopfern geben können, wenn die Piloten die Maschine nicht noch hochgezogen hätten», sagt Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt der Deutschen Presse-Agentur.

Nach Einschätzung des Luftsicherheitsexperten Harald Hanke hat die Besatzung des Dreamliners alles getan, um eine möglichst risikoarme Sicherheitslandung hinzubekommen. In der gebotenen Ruhe wurden demnach Kerosin abgelassen und die technischen Systemhinweise nach dem fehlerhaften Start bewertet. Vor der Landung musste das Flugzeug zweimal knapp über den Flughafen fliegen, um mögliche Schäden an den Fahrwerken vom Boden aus zu erkennen. Nicht zuletzt waren ja nach dem Start Probleme am Reifendruck angezeigt worden. Letztlich platzten zwei von vier Reifen am linken Fahrwerk, die möglicherweise schon vorgeschädigt waren. Der Flieger kam dennoch sicher zum Stehen.

Die vietnamesische Regierung setzt auf Kooperation und Transparenz. Sie habe die Luftfahrtbehörde und die staatliche Fluggesellschaft angewiesen, dringend mit den deutschen Behörden zusammenzuarbeiten und zugleich die Aufsicht über die Sicherheitsverfahren im Luftverkehr zu verstärken, berichteten staatliche Medien am Dienstag. Zudem sei die vietnamesische Luftfahrtbehörde aufgefordert worden, die Sicherheitsaufsicht über die Ausbildung von Luftfahrtpersonal sowie über den Flugbetrieb und die Wartung von Flugzeugen durch vietnamesische Fluggesellschaften zu verstärken.

Passagiere beschrieben einen Schlag, es habe einen richtigen Knall gegeben, als der Flieger über die Landebahn herausschoss. Einige, so berichtet ein Fluggast, hätten offensichtlich dem keine besondere Bedeutung gegeben oder gar nichts mitbekommen - sie hätten während des etwa zweistündigen Fluges geschlafen. Er selbst und sein Begleiter hingegen hätten sich zunehmend Sorgen gemacht. «Hoffentlich kommen wir da wieder runter.» Er habe vor Angst geschwitzt und gefroren zugleich, berichtet ein anderer Fluggast.

Kritik gab es an der Kommunikation. «Wir hatten keinerlei Informationen während des Flugs, wir waren im Ungewissen», sagte der Fluggast. Schließlich seien die Fluggäste aufgefordert worden, die Sicherheitshaltung einzunehmen: den Kopf nach vorne geneigt und mit den Händen geschützt. «Gott sei Dank» habe der Pilot die Maschine am Ende relativ sanft wieder auf den Boden gebracht.

Sie wurden am Rollfeld von Feuerwehr- und Rettungskräften in Empfang genommen und mit Bussen zum Flughafengebäude gefahren. Sie seien in Hotels untergebracht worden, berichtet ein Fluggast. Für den Weiterflug habe er sich für eine andere Airline entschieden. «Wir haben aufgrund des Vorfalls kein gutes Gefühl mehr gehabt.» Von einem Ersatzflug war zunächst am Flughafen München nichts bekannt.

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