09. Juli 2026 – dpa
Mit T-Shirts als lebensrettenden Druckverbänden helfen Schongauer Schüler nach einer Messerattacke zwei Mädchen. Ein Ex-Schüler soll sie niedergestochen haben. Er sitzt nun in U-Haft.
Mutmaßlich ein ehemaliger Schüler sticht an einer Schule im oberbayerischen Schongau zwei Mädchen nieder. Andere Schüler eilen herbei, reißen sich T-Shirts vom Leib, legen Druckverbände an - und retten so wahrscheinlich einem der 13-jährigen Mädchen das Leben. Polizei und Lehrkräfte überwältigen den 16-jährigen mutmaßlichen Angreifer, der neben einem Messer auch eine Pistole dabeihat. Dramatische Szenen haben sich an der Schule zugetragen - die Rückkehr zur Normalität wird dauern. Das Geschehene wirkt nach in dem 12.000-Einwohner-Ort und vor allem in der Schule mit ihren 800 Schülerinnen und Schülern und 80 Lehrkräften.
Der 16-Jährige sitzt nun in Untersuchungshaft in einer Justizvollzugsanstalt. Die Staatsanwaltschaft München II ermittelt gegen ihn wegen versuchten Mordes. Der Jugendliche soll sich bei der Tat in einer «psychischen Ausnahmesituation» befunden haben. Er befand sich zumindest zeitweise in psychiatrischer Behandlung.
Der 16-jährige Kroate war den Sicherheitsbehörden bereits bekannt. Wegen zweier Vorfälle aus dem Jahr 2025 habe die Staatsanwaltschaft München II gegen ihn ermittelt, weil er unter anderem Mitschüler bedroht und in sozialen Netzwerken Amokläufe verherrlicht haben soll, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft mit. Haftgründe hätten in diesem Ermittlungsverfahren aber «zu keinem Zeitpunkt» vorgelegen.
Sichergestellt wurden das Messer, eine Pistole und Munition. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur prüfen die Ermittler, ob es sich bei der Schusswaffe, mit der der mutmaßliche Täter einen Schuss abgab und die dann versagte, um eine per 3D-Drucker hergestellte Waffe handelt.
Demnach gab der 16-Jährige an, sich die Waffe im Darknet besorgt zu haben.
Tatsächlich hätten die Ermittler eine eher geringe Zahl an Patronen sichergestellt, hieß es weiter. Die Waffe wurde nach dpa-Informationen bei einem Rucksack gefunden, den der 16-Jährige nach seiner Tat auf dem Schulhof im Umfeld des Tatorts deponiert habe. Er habe Polizeibeamte nach seiner Festnahme selbst darauf hingewiesen. Bei dem Messer soll es sich jedenfalls um kein Haushaltsmesser handeln.
An der Schule steht am Tag danach die Aufarbeitung im Vordergrund. Kriseninterventionsteams helfen Schülern und Lehrern, das zu verarbeiten, was am Mittwoch an ihrer Schule geschehen ist. Einige der Schüler erlebten hautnah, wie der ehemalige Mitschüler das Schulgelände betrat, wie er laut Polizei einen Schuss aus einer Pistole abgab und dann, als die Waffe versagte, mit einem Messer auf die beiden 13-Jährigen losging.
Mehrere Schülerinnen und Schüler eilten sofort zu Hilfe und starteten geistesgegenwärtig die Erstversorgung noch vor dem Eintreffen der Rettungskräfte. «Die Ersten haben gleich Rettungskräfte und Polizei angerufen. Mitschüler von mir, ich hab auch gleich natürlich mitgeholfen, haben ihre Hemden und Shirts von sich gerissen, haben sie als Druckverbände benutzt, um die Blutungen zu stillen. Alles mit voller Kraft draufgedrückt», berichtete der 19-jährige Levi Lachmann.
Er und andere Schüler hätten dann Sanitätssets aus ihren Autos geholt und damit weiter versucht, die Blutungen bestmöglich zu stoppen - um das Leben der Mitschülerinnen zu retten. Dann hätten sie sterile Kompressen aus dem Sanitätsraum geholt, um die Wunden zu versorgen, wie sie es bei der Ausbildung als Ersthelfer gelernt hätten. Auch Lehrer hätten geholfen.
Lehrkräfte halfen auch, den 16-Jährigen zu überwältigen. «Auch dem couragierten Eingreifen von Lehrern ist zu verdanken, dass er so schnell festgenommen werden konnte», sagte Polizeipressesprecher Stefan Sonntag.
Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) sagte der Schulfamilie bei einem Besuch vor Ort jede erdenkliche Unterstützung zu. Zugleich bedankte sie sich speziell bei den beiden Lehrkräften, die den mutmaßlichen Täter mit überwältigten, und bei den Schülerinnen und Schülern, die den schwer verletzten Mädchen halfen. «Eines der Mädchen wäre sehr wahrscheinlich verblutet, wenn sie das nicht gemacht hätten. Also die haben ihr wahrscheinlich das Leben gerettet», sagte Stolz der Deutschen Presse-Agentur. «Das sind echte Helden für mich.»
Bürgermeister Thomas Schleich äußerte sich am Morgen bei einem Besuch an der Schule erschüttert. «Es ist ein schwarzer Tag für Schongau», sagte Schleich. «Wir werden im Rathaus greifbar sein für Leute, die einen Ansprechpartner brauchen.» Man könne unter anderem Kontakte herstellen, etwa wenn Menschen Betreuung bräuchten. «Man ist aufs Mark getroffen. Man macht sich viele Gedanken», sagte der Bürgermeister. «Ich bin auch Familienvater. Ich habe drei Kinder, und zwei Kinder gehen hier auch zur Schule.»
Der 19-jährige Ersthelfer Lachmann sagte, er sei erleichtert gewesen, als die Polizei eintraf und klar war, dass der Täter gestellt worden sei. Angst hätten er und die anderen aber zunächst nicht gehabt. «Wir standen alle unter Adrenalin.» Erst später sei langsam das Bewusstsein für das gekommen, was geschehen sei. «Ich weiß nicht, ob ich das wirklich schon an mich herangelassen habe, was da passiert ist. Ich denke, das kommt mit der Zeit.» Er spreche viel mit seiner Familie, aber auch mit Lehrern und dem Kriseninterventionsteam. Aber: «Gestern, der Tag, der bleibt unvergesslich.»
Auf die Frage, wie die Schüler auf einen solchen Fall vorbereitet gewesen seien, sagte Lachmann, die Schülerschaft sei grundsätzlich sensibilisiert worden, aber: «Für solche Notfälle kann man nicht vorbereitet sein. Das ist ein Extremfall.»
Nach Angaben des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd wurde die Wohnung des 16-Jährigen, der bei seinen Eltern lebte, durchsucht. Nun laufe die Auswertung der Spuren, darunter auch digitale Daten. Zudem werden Schüler und Lehrkräfte vernommen. Auch die beiden schwer verletzten Mädchen sollen befragt werden, wenn es ihr Zustand zulässt.