19. September 2026 – dpa
Jetzt herrscht für zwei Wochen Ausnahmezustand in München: Zum ersten Mal hat Oberbürgermeister Dominik Krause das Oktoberfest eröffnet. Das war nicht die einzige Neuerung.
Perfekter Einstand für den neuen Münchner Oberbürgermeister: Dominik Krause hat seinen ersten Oktoberfest-Anstich souverän mit zwei Schlägen gemeistert.
Mit dem Anzapfen sei es wie mit dem Elfmeterschießen: Im Training klappe es, vor einem Millionenpublikum sei es nochmal etwas anderes, sagt der Grünen-Politiker. Aber: «Es ist schön, dass so viele Menschen auf unsere Wiesn schauen.» Die erste Maß reicht Krause Ministerpräsident Markus Söder (CSU), um mit ihm anzustoßen: «Auf eine friedliche Wiesn!»
Tosender Applaus für die grüne Anzapfpremiere, versöhnliche Töne vom CSU-Kontrahenten Söder - und dann auch noch perfektes Wiesn-Wetter: Von einem «Bilderbuchstart» in das Millionen-Spektakel spricht Wiesn-Chef Christian Scharpf (SPD).
Das 191. Oktoberfest dauert bis zum 4. Oktober, jährlich kommen mehr als sechs Millionen Besucher auf das Volksfest, das als größtes der Welt gilt. Schon am ersten Tag herrschte dichtes Gedränge, mehrere Zelte waren am Nachmittag wegen Überfüllung geschlossen.
Die ersten Wiesn-Gäste hatten frühmorgens im Dunkeln ausgeharrt. Als die Eingänge um kurz nach 9.00 Uhr öffneten, stürmten sie im Laufschritt los, um einen guten Platz im Bierzelt zu ergattern.
Das Aufeinandertreffen von Krause und Söder war mit Spannung erwartet worden. Dass ein grüner OB in München das Fest eröffnet, sei «historisch», sagt Ex-Grünen-Chefin Ricarda Lang. «Wir sind sehr stolz auf Dominik Krause.» Im direkten Applaus-Vergleich der Festzelt-Besucher gewinnt Krause, beim Ministerpräsidenten mischen sich einige wenige Buhs in das Wiesn-Gegröle.
Söder ist gut gelaunt. «Das hat er sehr gut gemacht», lobt er das Anzapfkönnen des 36-Jährigen. «Sehr professionell.» Wahrscheinlich habe er gleich nach seiner Wahl angefangen, zu üben. Krauses Verlobter Sebastian Müller, der der Tradition folgend, als Partner an der Seite des OBs ins Festzeit einzog, sagte, Krauses Nervosität vor der Premiere habe sich in Grenzen gehalten: «Es ging. Ich dachte, er wäre nervöser.» Krause hatte - so berichtete er selbst - am Vorabend zwei Bier getrunken, dann habe er wunderbar geschlafen.
Seite an Seite stehen der grüne OB und der schwarze Ministerpräsident nicht nur beim Wiesn-Auftakt, sondern auch bei der Bewerbung Münchens als deutsche Olympia-Stadt. Kurz vor der Entscheidung über die deutsche Bewerbung am 26. September sagt Söder: «Wir arbeiten da sehr gut zusammen. Da bin ich sehr froh drüber.» Das müsse nicht automatisch so sein, sagt Söder noch mit einem kleinen Seitenhieb: «Früher waren die Grünen ja gegen Olympia.»
Die Zusammenarbeit bei Olympia heiße auch nichts für andere Dinge, antwortet Söder auf die Frage, ob ein schwarz-grünes Tête-à-Tête in der Anzapfboxe auch ein Signal für die Politik in unruhigen Zeiten sein könne.
Jetzt sei Zeit, jenseits der Politik zu feiern. «Ich glaube, je schwerer die Zeit, desto eher ist wichtig, auch mal auszuspannen von dem Ärger, mal Pause zu machen in der Krise», sagt Söder. «Grad heut feiern wir mal und versuchen, das Leben ein bisschen zu genießen und Kraft zu tanken für das, was eh noch alles auf uns zukommt.»
Auch Krause betont die Überparteilichkeit des Festes: «Auf der Wiesn gibt es eigentlich keine Parteifarben, hier kommen alle zusammen.» Er habe die Zusammenarbeit mit ihm und Söder als stets gut und zuverlässig wahrgenommen. Der große Fokus sei derzeit Olympia.
Zehntausenden, die in den Zelten seit dem Morgen bis zum Anstich ohne Bier ausgeharrt hatten, dürften Politik und Olympia am ersten, strahlenden Wiesntag wahrscheinlich herzlich egal gewesen sein. Nachdem die anderen Zelte mit Böllerschützen über das erfolgreiche Anzapfen des Oberbürgermeisters informiert werden, bekommen nun auch alle anderen die ersehnte Maß.
Unter den Gästen im Schottenhamelzelt sind Prominente wie FC-Bayern-Star Joshua Kimmich, der mit seiner Frau Lina, Herzog Franz von Bayern und dem Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker, Lahav Shani, an Krauses Tisch sitzt. Moderator Florian Silbereisen, DJ Ötzi und das Schlager-Duo Marianne und Michael mischen sich ebenfalls unter die Feiernden - und ein paar Zelte weiter zapft Schauspieler Ralf Moeller ein erstes Fass an, auch mit zwei Schlägen.
Soweit, so traditionell. Doch Krause hat für seine erste Wiesn als OB auch eine Neuerung mitgebracht: Beim Einzug der Wiesnwirte und Brauereien auf das Festgelände hielt seine Kutsche am Haupteingang zu einem kurzen Gedenken an die Opfer des rechtsextremen Wiesn-Attentats 1980.
Am Abend des 26. September 1980 hatte dort eine Bombe zwölf Wiesn-Besucher in den Tod gerissen und rund 200 verletzt. Auch der rechtsextreme Täter starb. Es sei für ihn als neuer Oberbürgermeister wichtig zu zeigen, «dass es für mich Teil des Oktoberfestes ist», begründete Krause den Stopp am Mahnmal der Tat.
Der Zustrom zum Festgelände riss am Nachmittag nicht ab, schon beim Einzug der Wirte waren laut Polizei mit rund 55.000 Zuschauern deutlich mehr Menschen dabei als im Vorjahr.
Nachdem es im Vorjahr am zweiten Samstag auf der überfüllten Wiesn zu gefährlichen Situationen gekommen war, wurde das Sicherheitskonzept nachgeschärft. Von einer neuen Koordinierungsstelle auf dem Gelände aus sollen die Besucherströme auf dem Festgelände beobachtet, bewertet und bei Bedarf gesteuert werden.
Mehr als 50 KI-gestützte Kameras sollen rechtzeitig gefährliche Menschen-Ansammlungen erkennen lassen. An den besucherstarken Tagen ist ein sogenannter Crowdspotter im Einsatz, der die Besucherströme im Blick behält - und bei Bedarf Durchsagen macht.
Etwa 600 Polizeibeamte und Hunderte Ordner sind rund um das Fest im Einsatz. Die Polizei sieht sich auch mit Blick auf die jüngsten Drohnen-Vorfälle gut vorbereitet. Es gebe dabei auch Unterstützung vom neuen Drohnenkompetenz- und -abwehrzentrum.
Innenminister Joachim Herrmann (CSU) besuchte am ersten Festtag die Wiesn-Wache. Derzeit lägen keine konkreten Erkenntnisse über Gefährdungen oder Störungen vor, sagte er. «Alle Besucherinnen und Besucher sollen sich bei uns sicher und wohlfühlen.»
Zunächst gab es keine nennenswerten Zwischenfälle. Die erste Alkoholvergiftung mussten die Wiesn-Sanitäter gegen 15.45 Uhr behandeln: Ein 19-Jähriger musste mit der Trage geholt werden. Oft gab es den ersten Alkoholfall viel früher - manchmal sogar vor dem Beginn des Bierausschanks. Ein sportliches Schicksal ereilte einen Berliner Wiesn-Gast: Der 25-Jährige brach sich beim Armdrücken den Arm.