27. Juli 2026 – dpa

Ausstellungen «Körperwelten»

Von Hagens: Ein Leben zwischen Faszination und Ablehnung

Sein Schaffen polarisierte. Die einen waren empört über seine plastinierten Toten, die anderen faszinierten die Leichen. Jetzt ist Gunther von Hagens gestorben - und könnte selbst als Plastinat enden.

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Gunther von Hagens ist tot. (Archivbild)

Der Tod war der ständige Begleiter des Leichenplastinators Gunther von Hagens. Durch seine Parkinson-Erkrankung rückte das Thema auch an ihn persönlich näher heran. Als er 2008 die Diagnose bekam, gab er sich selbst noch fünf Jahre Lebenszeit, wie von Hagens der Deutschen Presse-Agentur einmal kurz vor seinem 70. Geburtstag erzählte. «Jetzt bin ich mutiger. Mein Vater ist mit 98 noch sehr vital, er ist mein Vorbild. Wenn ich gut bin, halte ich bis 90 durch.»

Doch am Freitag starb er im Alter von 81 Jahren, wie seine Familie in Heidelberg mitteilte. Zuvor hatten mehrere Medien darüber berichtet. «Es war Gunther von Hagens’ eigener Wunsch, auch seinen Körper nach dem Tod der Plastination zur Verfügung zu stellen», heißt es in einer Mitteilung. «Seine Angehörigen werden diesen Wunsch respektieren und ausführen.»

Die moralische Debatte über seine Arbeit gehörte ebenso zum Leben von Gunther von Hagens wie die Faszination von Millionen Menschen für seine Exponate. Von Hagens entwickelte die Plastinationstechnik in den 1970er Jahren in Heidelberg, wo er 1993 das Institut für Plastination gründete. Seine «Körperwelten» verstand er als Anatomieausstellung.

Die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit des Menschen hatte einen prägenden Einfluss auf sein Leben, wie der Mediziner im Januar 2025 sagte. «Je älter ich werde, umso mehr empfinde ich das Leben als große Ausnahme und den Tod als das Normale. Letztlich ist es die Vergänglichkeit, die dem Leben überhaupt Bedeutung verleiht», war von Hagens überzeugt.

Wegen seiner Krankheit hatte er sich zuletzt weitestgehend aus dem Geschäft zurückgezogen. Von Hagens Frau Angelina Whalley fungierte schon seit längerem als seine Übersetzerin, da sein Sprachzentrum durch die Krankheit stark beeinträchtigt war. Er war seit Jahren kaum noch zu verstehen. Sein Sohn Rurik und seine Frau führen seine Arbeit fort. «Ich bin glücklich und stolz, meine Lebensarbeit in so guten Händen zu wissen», sagte er.

«Gunther wollte den Menschen den Blick unter die Haut ermöglichen – nicht aus Sensationslust, sondern aus der tiefen Überzeugung heraus, dass Wissen über den eigenen Körper zu einem bewussteren, gesünderen und verantwortungsvolleren Leben beitragen kann», erklärte Whalley in der Mitteilung über den Tod. Er habe Millionen Menschen dazu gebracht, den eigenen Körper mit anderen Augen zu sehen. Sein Sohn sagte: «Mein Vater war ein Mensch, der nie akzeptierte, dass Grenzen unverrückbar sind.» Er habe Anatomie aus dem geschlossenen Raum der Fachwelt in die Mitte der Gesellschaft gebracht.

In der brandenburgischen Kleinstadt Guben werden die Plastinate seit 2006 in einer riesigen Werkstatt hergestellt - Besucher können das direkt mitverfolgen. Auch Tierkörper werden dort präpariert - 2017 ging zum Beispiel ein riesiges 300-Kilo-Blauwalherz an ein kanadisches Museum. Obwohl von Hagens Technik vor allem durch die «Körperwelten» bekannt ist, werden mehr die meisten Präparate für Universitäten weltweit produziert, wie die Plastinate-Werkstatt in Guben 2016 mitteilte.

Die präparierten Toten posieren in den «Körperwelten» in allen erdenklichen Positionen, mal als Basketballspieler, mal als Skateboarder oder Denker. Sie sind jung, alt, schwanger, krank oder gesund. Manche sind beim Sex zu sehen. Die Haut ist abgezogen, Muskeln und Nervenstränge sind gut sichtbar.

Nicht zuletzt die großen Kirchen lehnen diese Art der Zurschaustellung ab. Die evangelische Kirche spricht von einem würdelosen Umgang mit Verstorbenen. Die Städte Augsburg und Köln verboten von Hagens, eine Sexszene mit Leichen darzustellen.

«Kontroversen sind ein Zeichen dafür, dass meine Arbeit die Menschen berührt, zum Nachdenken anregt und Diskussionen auslöst – genau das war von Anfang an mein Ziel», sagte von Hagens einmal.

Er wird nun wohl selbst zum Plastinat werden. Als Erfinder der Plastination und Schöpfer der Ausstellung sei es für ihn nur konsequent, sich selbst dem Prozess zu unterziehen, sagte von Hagens der dpa. «Es ist eine Möglichkeit, meine Überzeugung und meine Lebensarbeit über meinen Tod hinaus fortzuführen», erklärte er kurz vor seinem 80. Geburtstag.

Bei der Plastination seiner Leiche soll seine Frau selbst Hand anlegen, so wünschte es sich von Hagens, der 1945 bei Posen (Poznan) im heutigen Polen geboren wurde. «Erst fand ich diese Vorstellung ganz schrecklich», sagte Whalley damals. «Je länger ich aber darüber nachgedacht habe, desto mehr habe ich es als einen Liebesbeweis am Partner gesehen.» Das müsse aber nicht sofort nach seinem Tod passieren. «Ein Jahr Zeit brauche ich schon vorher, solange ist er in der Kühltruhe.»

Von Hagens Markenzeichen war stets sein Hut, den er so oft wie möglich trug - sogar zu Hause, wie seine Frau erzählte. «Die Anatomen trugen in der Renaissance einen Hut», erläuterte Whalley. «Der Hut ist für ihn auch ein Symbol für das Selbstverständnis, anders zu sein.» Und das sei er schon immer gewesen, nicht zuletzt wegen seiner Bluterkrankheit. «Er hat daraus gelernt, Kraft aus sich selbst zu schöpfen.» Das habe ihm auch für andere Situationen Stärke gegeben. «Kaum jemand in der Anatomie hat ihn ernst genommen. Aber er brauchte das Schulterklopfen der Kollegen nicht.»

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