04. September 2026 – dpa

Kehrtwende und Kritik

Politik auf der Bühne? Künstler setzen Zeichen beim Festival

Wird «Forever Young» jetzt wird zum Symbol für Meinungsfreiheit? Warum der Alphaville-Klassiker nach dem Streit um politische Äußerungen auf dem Glücksgefühle zu hören ist.

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Good vibes only? Der Streit um das Glücksgefühle-Festival treibt Künstler um.

Im Streit um politische Äußerungen auf dem Glücksgefühle-Festival erlebt der mehr als 40 Jahre alte Alphaville-Klassiker «Forever Young» ein kleines Comeback. Nachdem die Band ausgeladen und trotz Wiedereinladung ferngeblieben war, nahmen mehrere Künstler den Song spontan in ihr Programm auf dem Hockenheimring auf.

Auslöser war die Bitte der Veranstalter, bei Auftritten nicht über Politik zu sprechen. Alphaville wurde zunächst ausgeladen, nach zahlreichen Medienberichten über die Aktion später aber wieder eingeladen - und blieb dennoch fern. Die Ausladung hatte heftige Kritik hervorgerufen und den Auftakt des Festivals überschattet.

«Das ist superdämlich gewesen»

Mitveranstalter Markus Krampe bezeichnete seine ursprüngliche Entscheidung am Rande des Festivals als Fehler. «Das ist superdämlich gewesen», sagte er. Er hätte es aber begrüßt, wenn Alphaville nach der Wiedereinladung aufgetreten wäre. «Dann hätten wir vielleicht auch ein Zeichen setzen können», sagte Krampe.

Hintergrund des Konflikts waren politische Aussagen von Alphaville-Sänger Marian Gold bei einem früheren Konzert. Nach Angaben Krampes hatten sich daraufhin Besucher beschwert - sie wollten beim Festival abschalten und keine Themen hören, die ohnehin aus den Nachrichten bekannt seien. Deshalb habe er das Management gebeten, politische Äußerungen auf der Bühne künftig zu unterlassen.

«Maulkorberlass» oder «Good vibes only»?

Die Veranstalter erklärten, das Festival sei «komplett unpolitisch». Es gehe nicht um Golds politische Haltung, sondern um den Rahmen der Veranstaltung und das Versprechen «Good vibes only». Alphaville wertete die Forderung dagegen als unzulässige Einschränkung der Meinungs-, Rede- und Kunstfreiheit. Gold sprach von einem «Maulkorberlass» und einem feindseligen, unnötigen Vorgang.

Auch DJ Beauty & the Beats sagte seinen Auftritt ab. Es sei normale Zivilcourage, sich für Demokratie, Vielfalt und Menschenrechte sowie gegen Rechtsextremismus auszusprechen, schrieb er auf Instagram. Der Versuch, Künstler mundtot zu machen, sei nicht hinnehmbar.

DJ Jaehn und Sänger Gregory setzen Zeichen

DJ Felix Jaehn reagierte ebenfalls entsetzt. «Seit wann soll Kunst unpolitisch sein?», fragte er. Als queere und non-binäre Person werde er sich nicht das Recht nehmen lassen, sich gegen eine Partei auszusprechen, die in Teilen als gesichert rechtsextrem eingestuft sei. Jaehn kündigte an, die Bühne für eine entsprechende Botschaft zu nutzen.

Mitveranstalter Lukas Podolski stellte sich trotz der Kontroverse hinter seinen Partner Krampe. «Jeder macht irgendwie mal ein Missgeschick, einen Fehler im Leben», sagte der Ex-Fußballnationalspieler. «Dann geht das Leben aber auch weiter.» Er fände es aber schön, könne man sich nach dem Festival «nochmal irgendwie aussprechen».

Podolski warnt vor Beleidigungen

Zugleich warnte Podolski Kritiker vor Beleidigungen in den sozialen Medien. Er lasse weder seine Familie noch sich selbst beleidigen und wolle sich nicht in eine politische Ecke drängen lassen.

Während sich die Veranstalter um Schadensbegrenzung bemühen, scheint gerade die Forderung nach einem unpolitischen Festival die Debatte weiter zu politisieren. Sänger Tom Gregory eröffnete sein Set auf der Hauptbühne mit «Forever Young», auch Rapperin Nura spielte den Klassiker an und sagte: «Wenn man mich bucht, dann kriegt man auf jeden Fall keine unpolitische Show.» Bereits am Donnerstagabend hatte DJ Alle Farben den Song beim Vor-Auftakt gespielt.

Die Berliner Band Culcha Candela («Hamma», «Monsta») will nach eigenen Angaben zwar an ihrem Auftritt auf dem Hockenheimring festhalten. Sie kündigte aber an, sich am Samstag (16.00 Uhr) auf der Bühne deutlich und lautstark politisch zu positionieren.

Die Band habe sich immer wieder kritisch über die AfD geäußert. Die meisten Fans wüssten, dass sie zur Wahl aller anderen Parteien aufrufe, die die Demokratie nicht abschaffen wollten. «Das hätten wir auch beim GG Festival gemacht und werden es jetzt nach dem Eklat eventuell noch ein wenig lauter machen, notfalls mit Megaphonen, falls uns jemand den Stecker zieht», heißt es in einem schriftlichen Statement, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

Die Entscheidung der Veranstalter sei «insgesamt eine sehr, sehr strange Nummer» gewesen. «Auch wir wollen, dass die Menschen bei unseren eigenen Konzerten für knapp 2 Stunden ihre Sorgen vergessen und eine gute Zeit haben», sagten Culcha Candela. «Trotzdem stehen wir für Hits, Humor, aber auch für Haltung.»

Auch die Partyschlagersängerin Mia Julia äußerte sich politisch: «Ich steh für Toleranz, ich steh für freie Liebe und ich steh auch für Vielfalt», rief sie den Fans von der Bühne aus zu. «In der heutigen Zeit können wir nicht den Mund halten. Wir müssen den Mund aufmachen, um gewisse Augen zu öffnen.»

Die 39-Jährige nahm aber auch Veranstalter Krampe in Schutz: «Ich kenn' Markus seit vielen Jahren», sagte sie. «Ich weiß, was der Grundgedanke war. Ich versteh', was er meint. Aber in der heutigen Zeit ist das einfach schwierig.»

250.000 Zuschauer ausverkauft

Das Festival dauert bis Sonntag. Es ist nach Angaben der Veranstalter mit 250.000 Zuschauern ausverkauft. Podolski und Krampe organisieren es seit 2023.

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