05. November 2026 – dpa

Klassiker der Popgeschichte

Bryan Ferry über Roxy-Music-Klassiker: «Wir waren Puristen»

Die Neuauflage des zweiten Roxy-Music-Albums «For Your Pleasure» enthält historische Demos. Frontmann Bryan Ferry schwärmt im Interview von den Aufnahmen und verrät, wovon er heute noch träumt.

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Roxy Music im Jahr 1973: Bryan Ferry (l-r), Andy Mackay, Bryan Eno, Paul Thompson und Phil Manzanera., Foto: dpa

Mehr als 50 Jahre lang lagen die Kassetten in einem Karton. Bryan Ferry hatte sie nach dem ersten Roxy-Music-Album aufgenommen, unter anderem allein in einem abgelegenen Ferienhaus in Derbyshire, mit Keyboards, Gitarre und Tonbandgeräten. «Ich wusste, dass ich Kassetten aus dieser Zeit hatte, aber ich habe sie nie angehört», sagt der 81-Jährige im Interview der Deutschen Presse-Agentur. «Ich war überrascht, dass sie noch funktionieren.»

Diese Song-Skizzen sind jetzt Teil der Neuauflage von «For Your Pleasure», dem richtungsweisenden zweiten Album von Roxy Music. Die große Edition enthält 20 bislang unveröffentlichte Demos, dazu Proben, Outtakes und Fernsehauftritte. «Es kommt mir irgendwie vor wie gestern», sagt Ferry. «Natürlich ist das lange her, aber ich bin immer noch derselbe Mensch.»

Roxy Music hatten sich 1972 mit ihrem Debüt sowie der nicht darauf enthaltenen Single «Virginia Plain» einen Namen gemacht. Der Erfolg setzte die Gruppe, die damals aus Ferry, Andy Mackay, Brian Eno, Phil Manzanera und Paul Thompson bestand, unter Druck - im positiven Sinne. «Wir hatten plötzlich ein Publikum», erzählt Ferry. «Man hatte das Gefühl, jemanden zu haben, für den man spielt.»

Roxy Music wollten sich beweisen. «Man versucht natürlich, an das erste Album anzuknüpfen und etwas anderes zu machen, das hoffentlich genauso gut ist, vielleicht sogar besser. Und nach einem Jahr, in dem wir zusammen auf Tour waren, waren wir wohl bessere Musiker und eher in der Lage, das zu erreichen, was uns auf dem Album gelungen ist. Diese Platte zu machen, war für mich einer der großen Momente meiner Karriere.»

Aufgenommen wurde «For Your Pleasure» Anfang 1973 in den AIR Studios am Londoner Oxford Circus. Produzent Chris Thomas hatte zuvor mit George Martin am «Weißen Album» der Beatles gearbeitet. «Er hat das Beste aus uns herausgeholt», sagt Ferry. «Wir wussten selbst nie so genau, was wir eigentlich wollten, aber er lag auf derselben Wellenlänge.»

Der Sänger erinnert sich an den Blick aus dem Fenster. «Das Studio lag im obersten Stock», erzählt er. «Man sah unten die Leute, die zur U-Bahn-Station und wieder zurückeilten. Es war großartig. Man hatte das Gefühl, am Nabel der Welt seine beste Arbeit abzuliefern.»

Das Album erschien am 23. März 1973 und erreichte Platz vier der britischen Charts. Die Single «Pyjamarama» fehlte darauf - so wie «Virginia Plain» zuvor. Singles und Alben waren für die Band zwei verschiedene Dinge. «Wir waren Puristen», sagt Ferry. «Für uns war klar: "For Your Pleasure", das Album, wird ernster. Im Nachhinein hätten wir "Pyjamarama" mit draufnehmen sollen.»

Zu den bekanntesten Stücken gehört «In Every Dream Home a Heartache», das sich am Ende als Liebeserklärung an eine aufblasbare Puppe entpuppt. «Es geht lose um Konsum», erklärt Ferry. «Der Song beschreibt, wie man dies und das haben kann, aber am Ende hat man nichts.»

Mit ihrer Musik folgten Roxy Music keinen gängigen Konventionen. Die Plattenfirma redete nicht hinein und hatte laut Ferrys Erinnerung selbst beim über neun Minuten langen «The Bogus Man» keine Einwände. «Das war eine andere Mentalität», erzählt er. «Bei Roxy haben wir die Platte immer erst fertig gemacht und sie dann einfach abgeliefert.»

Auch das Cover ist ein Klassiker: Amanda Lear, die später selbst ein Popstar wurde («Follow Me»), posiert als Femme fatale mit einem Panther an der Leine vor der Kulisse von Las Vegas, auf der Rückseite wartet Ferry als Chauffeur an einem Cadillac. Gestaltet haben es Designer Antony Price, Fotograf Karl Stoecker und Ferrys Studienfreund Nick de Ville.

«Man wusste erst zwei Tage später, ob man das Foto im Kasten hatte, wenn es entwickelt war», erinnert sich Ferry amüsiert. In Las Vegas war das Team nie: Fotografiert wurde in einem leeren Londoner Autohaus, die Skyline ist eine Montage.

Die Neuauflage enthält auch Auftritte aus der Radio-Bremen-Sendung «Musikladen» von 1973. Bremen sei die erste richtige Erfahrung der Band im Ausland gewesen. «Ich liebe diese Erinnerungen», schwärmt Ferry. «Es hat großen Spaß gemacht, diese Sendungen zu machen.»

Mit dem glamourösen Nachtleben, für das Roxy Music mit ihren schillernden Outfits und extravaganten Songs wie «Do The Strand» standen, hatte Ferry nicht viel am Hut. Die Bandmitglieder seien privat eher ruhig gewesen, er selbst schüchtern. «Ich war immer der Typ in der Ecke, der still alles beobachtet. Aber ich wollte nie im Mittelpunkt stehen, schon gar nicht auf der Tanzfläche.»

«For Your Pleasure» war das letzte Roxy-Album mit Synthesizer-Pionier Brian Eno, der die Gruppe Mitte 1973 verließ. Spannungen habe es bei den Aufnahmen aber nicht gegeben, betont Ferry. «Wir haben uns immer gut verstanden, alle. Und wir hatten einen gemeinsamen Sinn für Humor.»

Zuletzt ging Ferry mit Roxy Music 2022 zum 50. Jubiläum auf Tournee - ohne Eno. Es dürften die letzten Auftritte bleiben, denn der 81-Jährige hat nach eigener Aussage keine Pläne, auf die Bühne zurückzukehren.

Die Sehnsucht nach der alten Band ist jedoch geblieben. «Ich wünschte, ich könnte die ganze Band für eine Woche in einem Studio versammeln. Das würde Spaß machen», sagt Bryan Ferry - und schränkt gleich ein: «Schön wäre es, wenn wir noch dieselbe jugendliche Energie hätten.»

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