26. August 2026 – dpa
Seit Jahrzehnten wird vielfach der Vorwurf erhoben, Polizei und Justiz in Deutschland seien oft auf dem rechten Auge blind. Der Spielfilm «Staatsschutz» bietet Zündstoff zur Diskussion.
Schock für Staatsanwältin Seyo Kim (Chen Emilie Yan): Nach einem rassistisch motivierten Anschlag auf sie selbst wird ihr von der eigenen Behörde untersagt, Ermittlungen einzuleiten. Was steckt dahinter? Ein generelles Versagen staatlicher Organe? Eine Unterwanderung der deutschen Justiz durch Rechtsradikale? Die junge Frau deutsch-asiatischer Herkunft lässt sich nicht einschüchtern und bringt tatsächlich einen Täter vor Gericht. Doch das genügt ihr nicht. Sie forscht weiter und stößt auf Erschreckendes.
Nicht erst nach den Morden der rechtsextremen NSU in den frühen 2000er Jahren wurde und wird in Deutschland eine heftige Diskussion darüber geführt, ob hierzulande zu viele Vertreter des Staates etwa in Polizei und Justiz «auf dem rechten Auge blind» sind. Der Ausdruck stammt aus der Weimarer Republik (1918 bis 1933). Damals war es gang und gäbe, dass Ermittlungsbehörden und Gerichte Täter aus dem politisch rechten Spektrum milder behandelten als solche aus dem linken. Der Vorwurf besteht bis heute.
Die Diskussion darum greifen deutsche Filmemacher seit den 1950er Jahren immer wieder auf. Besonders wirkungsvoll gelang das dem Regisseur Wolfgang Staudte 1959 mit «Rosen für den Staatsanwalt» und dessen Kollege Fatih Akin 2017 mit seinem Film «Aus dem Nichts». Wie bei ihnen, bestimmen nun auch bei dem iranisch-stämmigen deutschen Regisseur Faraz Shariat («Futur Drei») moralische Entrüstung und politische Deutlichkeit den Ton der Filmerzählung.
Es ist, als stünde über allem Bertolt Brechts Warnung vor einem Wiedererstarken des Faschismus aus dessen berühmtem Theaterstück «Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui»: «Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.» Die Mahnung ist unüberhörbar. Und sie hat zweifellos Dringlichkeit. Wohl deshalb setzt das Drehbuchautor-Trio - bestehend aus Claudia Schaefer («Naomis Reise») und den Debütanten Sun-Ju Choi und Jee-Un Kim - sowie der Regisseur Shariat auf größtmögliche Überspitzung. Sie agitieren sehr klar.
Die Story ist überaus spannend und hat zweifellos das Potenzial, die öffentliche Diskussion anzuheizen. Das ist Kino. Und Kunst darf überspitzen. Daraus beziehen legendäre Polit-Thriller wie zum Beispiel «Der Schakal» (1973), «Die drei Tage des Condor» (1975) und «Syriana» (2005) einen Großteil ihrer Wirkung. Hier nun gerät die Anklage von Missständen jedoch gelegentlich zu schwarz-weiß und damit vordergründig. Weniger wäre mehr gewesen. Aber: Die Mischung aus Action, Thrill und politischer Sorge zeigt publikumswirksam und damit zum Nachdenken anregend, wie fragil die Demokratie ist.
«Staatsschutz» gehört zu den elf Filmen, die von Produzentinnen und Produzenten bei der Organisation German Films für den Oscar 2027 vorgeschlagen wurden.
Als internationale Vertretung des heimischen Kinos organisiert das Unternehmen alljährlich die Wahl jenes deutschen Beitrags, der bei der US-amerikanischen Filmakademie als Kandidat zur Auszeichnung in der Kategorie «Bester internationaler Film» (International Feature Film/sozusagen bester fremdsprachiger Film aus US-Sicht) eingereicht werden soll.