01. Juli 2026 – dpa
Manchmal erkennt man mehr, wenn man nicht alles sieht. Dieser im ersten Moment seltsam anmutende Gedanke schenkt dem deutsch-georgischen Spielfilm «Dry Leaf» eine höchst eigenwillige Schönheit.
Mit dem zauberhaften Liebesmärchen «Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?» eroberte der georgische Regisseur Alexandre Koberidze 2021 weltweit die Herzen von Filmfans. Besonders begeisterte sein Mut zum Erzählen fern jeglicher Kino-Konventionen. Den beweist er nun auch mit «Dry Leaf». Wieder geht es um die Liebe. Dieses Mal um die eines Vaters zu seiner Tochter und die des Regisseurs zu seiner Heimat.
Von einer Story kann kaum die Rede sein: Die 28-jährige Fotografin Lisa ist verschwunden. Der Vater Irakli (David Koberidze) macht sich auf die Suche nach ihr. Zuletzt hatte sie den Auftrag, Fußballstadien und -plätze in ganz Georgien zu fotografieren. Irakli reist von Ort zu Ort, trifft unterschiedlichste Menschen, hört verschiedenste Geschichten, entdeckt viele der Schönheiten und der Schattenseiten seines Heimatlandes.
Alexandre Koberidze, Absolvent der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB), ist Fußballfan. Drum auch der Titel des Films. «Dry Leaf» bezeichnet eine spezielle Schusstechnik. Dabei wird der Ball dazu gebracht, kurz vor dem Tor unberechenbar wie ein welkes Blatt («Dry Leaf») auf den Rasen zu kommen. Was man beim Betrachten des Films nicht wissen muss. Doch beschreibt dies treffend den Verlauf der Reise des vom wirklichen Vater des Regisseurs, David Koberidze, verkörperten Film-Vaters.
Gedreht wurde mit einem alten Mobiltelefon. Die Bilder sind durchweg verschwommen. Vieles ist kaum zu erkennen. Damit wird der Blick auf das Wesentliche geschärft: die Verbundenheit des Protagonisten mit seinen Wurzeln. Das verlangt vom Publikum ein Höchstmaß an Konzentration und die Lust daran, sich sozusagen ins Vage fallen zu lassen. Wer das kann, hat einen im besten Sinn eigenwilligen Kunstgenuss, der dazu anregt, über das eigene Woher und Wohin in der Welt nachzudenken.