Kinderbuchklassiker im Kino
Emil und die vielen Filme
Erich Kästners Kinderkrimi ist wieder im Kino: Die wichtigsten «Emil und die Detektive»-Verfilmungen im Vergleich – mit Blick auf den Zeitgeist, Berliner Schauplätze und andere Besonderheiten.

Circa 70 Minuten - gratis beim Streamingdienst Joyn Regie: Gerhard Lamprecht; das Drehbuch stammt von dem später mit «Manche mögen's heiß», «Das Appartement», «Zeugin der Anklage» weltberühmt gewordenen Billy Wilder (noch mit der Schreibweise Billie) Die Außenaufnahmen von «Neustadt» entstanden in Werder (Havel) In die Filmgeschichte ging vor allem die expressionistisch beeinflusste Halluzinationsszene im Zug ein, nachdem Emil ein von Grundeis mit Drogen versetztes Bonbon gegessen hat und gruselig fantasiert - davon soll sich Filmhistorikern zufolge sogar Alfred Hitchcock inspiriert haben lassen Es gibt den heute wohl eher undenkbaren Dialog zwischen Grundeis und Emil (12): «Rauchen Sie, junger Mann?» - «Nein, noch nicht.» Grundeis kehrt im «Café Josty» ein, ein im Berlin der Weimarer Republik bekanntes Kaffeehaus, das am Potsdamer Platz war, aber auch eine Filiale in Wilmersdorf hatte, in der Kaiserallee (heute: Bundesallee) - in deren Nähe lebte damals Kästner und schrieb dort auch Teile des Romans Autor Erich Kästner hat einen Cameo-Auftritt - er liest Zeitung in der Straßenbahn, in die Emil steigt, als er in Berlin ankommt und Grundeis folgt Wie im Roman wird auch im Film ein damals wohl angesagtes Jugendwort für «cool», «geil», «mega», «slay» verwendet: Es lautet «kolossal» Der Film ist ästhetisch noch nah am Stummfilm, ist jedoch ein wichtiges Werk des frühen Tonfilms und gilt vielen als beste Verfilmung des Romans Hauptdarsteller Rolf Wenkhaus starb 1942 mit nur 24 Jahren als Soldat im Zweiten Weltkrieg - auch andere Kinderdarsteller kamen im Krieg ums Leben, etwa Hans Schaufuß (Gustav) und Hans Albrecht Löhr (Dienstag)
Circa 90 Minuten - gratis bei Joyn Regie: Robert A. Stemmle; diese Nachkriegsverfilmung verwendet Teile des Billy-Wilder-Drehbuchs von 1931 wieder, einige Dialoge sind identisch Emils Lehrer Bremser wird von Günter Pfitzmann dargestellt «Neustadt» liegt hier an der Nordseeküste, gedreht wurde unter anderem in Husum und Glückstadt Emil benutzt einen sogenannten Interzonenzug, um nach Berlin zu fahren Der «Schweinehund» (O-Ton Emil) Herr Grundeis (Kurt Meisel) verspeist in einem Café genüsslich drei Eier im Glas Erich Kästner hat erneut einen Cameo-Auftritt - als die Kinder in Massen Grundeis verfolgen, wirft er von einem Balkon Blumentöpfe hinunter Emils Oma wird von Margarete Haagen gespielt, die danach in den 50er Jahren noch als Oma Jantzen in der «Immenhof»-Trilogie berühmter wurde Zum Hauptquartier von Emil und den Kinderdetektiven wird zwischendurch die Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche mitten in Berlin - damals stehen aber noch Teile des alten Kirchenschiffs und noch lange nicht der heute mit der Turmruine kombinierte Neubau (1959-1963) von Egon Eiermann Am Ende bekommt Emil bei der Oma sein Lieblingsessen: «Makkaroni mit Schinken und Parmesankäse»
Circa 99 Minuten - leihbar bei Prime, MagentaTV, Apple TV, YouTube Regie: Peter Tewksbury, Drehbuch: A. J. Carothers Es handelt sich um einen Film aus dem Hause Disney, der an einigen Stellen arg amerikanisiert wirkt - mit erwachsen agierenden Kindern sowie Action- und Explosionsszenen Die kriminalistischen Aspekte der Handlung sind erweitert worden Emil (Bryan Russell) hat es mit drei Gangstern zu tun, die ihn zwischendurch als Geisel nehmen Die Außenaufnahmen von «Neustadt» entstanden im hessischen Alsfeld Emil reist mit dem Omnibus statt mit der Eisenbahn nach Berlin Gustav (Roger Mobley) trägt so was wie Tracht und einen albernen Federhut - offenbar muss man das damals als Deutscher in einem US-Film Der deutsche Schauspieler Wolfgang Völz ist als Polizist (Wachtmeister Stucke) zu sehen und Grundeis wird von dem in den 70ern als Ekel Alfred («Ein Herz und eine Seele») berühmt gewordenen Heinz Schubert gespielt
Circa 111 Minuten - in Flatrate von Prime Video, Filmfriend (Video-on-Demand-Portal der öffentlichen Bibliotheken) Regie und Drehbuch: Franziska Buch Emil (Tobias Retzlaff) lebt bei seinem Vater Knut (Kai Wiesinger), der nach der Wende arbeitslos geworden ist, in der fiktiven Ostsee-Kleinstadt Streiglitz Die Mutter ist abgehauen und lebt mit neuem Mann in Kanada, sie schickt nur gelegentlich Briefe, ansonsten hat der Junge keinen Kontakt zu ihr Emil besucht in Berlin nicht seine Oma, sondern die Schwester seines Lehrers, eine Pastorin namens Hummel (Maria Schrader) - Sie hat einen altklugen Sohn namens Gustav (David Klock), der auch mal Game Boy spielt Das Geld hat Emil nicht für seine Oma mit, sondern er hat Gespartes eingepackt Im Zug bekommt Emil keine Schokolade von Grundeis, sondern trinkt aus einem Fläschchen mit bitterer Flüssigkeit Grundeis (Jürgen Vogel) geht in Berlin im «Oberbaum-Eck» am U-Bahnhof Schlesisches Tor essen - die Kinder nennen ihn öfter «Vampirgesicht» Pony Hütchen (Anja Sommavilla) nennt Emil leicht mobbend «Landei» und «Ossi», eines der Kinder, die Emil helfen, heißt Gypsie Wichtige Szenen des Films spielen in und um das «Hotel Adlon», direkt am Brandenburger Tor, das 2001 erst seit vier Jahren wiedereröffnet ist Im Film ist zu sehen, dass Autos durch das Brandenburger Tor fahren, was nach der Wende nur einige Jahre möglich war und im Herbst 2002 endete Grundeis ist ein Hoteldieb, der mit entwendeten Schlüsseln in die Zimmer von Gästen eindringt und Schmuck stiehlt Die Schauspielerin Anne Ratte-Polle ist gegen Ende in der Rolle einer ZDF-Reporterin zu sehen
Circa 100 Minuten - jetzt im Kino Regie: David Dietl, Sohn des 2015 mit 70 gestorbenen Helmut Dietl («Monaco Franze», «Kir Royal», «Schtonk!»); Drehbuch: Antonia Scheurlen Emil (Nicholas Jonah Peter) kommt aus Bernburg (Saale) in Sachsen-Anhalt Die Mutter will Emil eigentlich zur Oma begleiten, muss dann aber wieder vom Bahnhof weg, weil es einen Wasserschaden in ihrem Frisiersalon gibt Ging es im Film von 2001 noch um 1.500 Mark Bargeld sind es hier «über 1.000 Euro» (also mehr als 1.955 D-Mark, wenn es sie denn noch gäbe) Im Zug bekommt Emil Gummibärchen statt Schokolade von Grundeis Emil hat nur ein Handy ohne Internet, die Mutter will ihm bis 14 kein Handy mit WhatsApp und Co geben und kann es sich auch nicht leisten Der kleine Dienstag ist hier ein technisch schlaues Kind - weder klar Mädchen noch klar Junge - mit Smartphone, das sich Dienstag nennen lässt und das an einer Stelle mit «Downtime» kämpft, also dem Ende seiner Online-Zeit Wichtige Szenen spielen in und um das «Hotel Das Stue», direkt am Zoo und Tiergarten, im Berliner Botschaftsviertel Einen Cameo-Auftritt im Film hat die bei Teenagern beliebte Rapperin und TikTok-Prominente Zah1de (Zahide Kayaci aus Berlin-Kreuzberg) Grundeis ist kein Bankräuber, sondern ein Immobilienbetrüger