02. September 2026 – dpa
«Vaterland» erzählt von der Rückkehr Thomas Manns nach Deutschland 1949. Pawel Pawlikowski macht daraus ein berührendes Roadmovie über Heimat und Familie. Sandra Hüller brilliert als Erika Mann.
Ruinen ziehen am Fenster vorbei, dazwischen stehen Gebäude, die den Krieg überstanden haben. In einer schwarzen Buick-Limousine fahren Thomas Mann und seine Tochter Erika 1949 durch ein fremd gewordenes Land. Sechzehn Jahre nach seiner Flucht kehrt der Literaturnobelpreisträger in seine Heimat zurück - und findet sie nicht wieder.
In «Vaterland» macht Pawel Pawlikowski die Fahrt durch das geteilte Nachkriegsdeutschland zu einem ungewöhnlich stillen Roadmovie. Vor dem Hintergrund der politischen Spannungen des beginnenden Kalten Krieges verbindet der polnische Regisseur die Geschichte eines Intellektuellen mit dem Drama einer Familie und den moralischen Widersprüchen ihrer Zeit. Ein zutiefst bewegender Film - in jener unverwechselbaren Ästhetik, die Pawlikowski bereits in «Ida» und «Cold War - Der Breitengrad der Liebe» entwickelt hat.
Thomas Mann (Hanns Zischler), der bereits 1933 ins Exil gegangen war, kehrt sechzehn Jahre später zurück, um zwei Goethe-Preise entgegenzunehmen: einen im amerikanisch besetzten Frankfurt am Main, den anderen im sowjetisch kontrollierten Weimar. Doch die beiden Deutschlands, die um seine Anwesenheit und sein Prestige wetteifern, könnten unterschiedlicher kaum sein.
Historisch wurde Mann 1949 von seiner Frau Katia begleitet. Pawlikowski rückt stattdessen die Vater-Tochter-Beziehung ins Zentrum und erzählt von Erika (Sandra Hüller), Manns engster Vertrauten und rechten Hand. Mit statischer Kamera, sparsamen Bewegungen und beinahe fotografischen Bildern rückt er das Geschehen in eine eigentümliche, fast zeitlose Atmosphäre.
Pawlikowski interessiert sich weniger für die Brüche als für das, was sich nahtlos fortsetzt. Während draußen noch die Trümmer des Krieges liegen, wird drinnen bereits wieder Champagner getrunken. Frühere Nationalsozialisten fassen im Westen Fuß, während andere sich im Osten den neuen sozialistischen Machtstrukturen anpassen.
Erika kann sich mit dieser neuen Normalität nicht abfinden, ebenso wenig wie ihr Bruder Klaus (August Diehl). Beide weigern sich, einfach zur Tagesordnung überzugehen. Auch ihrem Vater begegnet Erika deshalb mit Skepsis. Sie wirft ihm vor, sich hinter seinen geschliffenen Reden zu verschanzen.
Erika ist weit mehr als eine Begleiterin. Sie ist Übersetzerin, Assistentin, Managerin und Korrekturleserin der Reden ihres berühmten Vaters. Sie organisiert, vermittelt und hält ihm den Rücken frei. Zugleich kennt sie ihn genau genug, um hinter der öffentlichen Fassade den widersprüchlichen Vater zu sehen.
Hüller spielt Erika mit bemerkenswerter Zurückhaltung. In ihrem Blick liegen Skepsis, Erschöpfung und eine beinahe schmerzhafte Klarheit. Hüller macht Erika nicht zur bloßen Begleiterin des großen Schriftstellers, sondern zur emotionalen Hauptfigur des Films.
Auch Klaus steht in einem ambivalenten Verhältnis zu seinem Vater: Bewunderung und Zuneigung verbinden sich mit Entfremdung. Während Erika versucht, ihrem Vater nahe zu bleiben, findet Klaus keinen Weg aus dem Schatten des übermächtigen Schriftstellers. Beide tragen die Brüche einer Familie, deren Welt aus den Fugen geraten ist.
Zischler begegnet Hüller als Thomas Mann auf Augenhöhe: würdevoll, müde, bisweilen selbstgerecht und spürbar belastet vom Gewicht seines Namens. Er macht aus dem Literaturnobelpreisträger kein Denkmal, sondern einen widersprüchlichen Mann, der sich in seiner intellektuellen Welt eingerichtet hat.
Hüller, die Thomas Mann vor den Dreharbeiten als zu kühl und zu intellektuell empfand, sagt nach der Zusammenarbeit einen bemerkenswerten Satz: «Ich liebe Thomas Mann jetzt wegen Hanns Zischler.» Viel besser lässt sich Zischlers Leistung kaum beschreiben.
Diehl gibt Klaus Mann eine schmerzhafte Verletzlichkeit. Schon in seinem Blick liegt die Erschöpfung eines Manns, der mit seiner Zeit und sich selbst keinen Frieden findet.
Zu den eindringlichsten Szenen des Films zählt gleich der Auftakt: Klaus sitzt nackt auf dem Boden, fiebrig und erschöpft, und telefoniert mit seiner Schwester. «Wir sind Abfall», sagt er. Später bringt er seine politische und persönliche Orientierungslosigkeit auf die Formel «Mickey oder Stalin».
Zwischen den politischen und gesellschaftlichen Fronten seiner Zeit scheint er keinen Platz mehr für sich zu finden. In seiner Verzweiflung spiegelt sich die Erfahrung einer Generation, die an politische Ideen geglaubt hat und von ihnen enttäuscht wurde.
Klaus nimmt sich am 21. Mai 1949 in Cannes das Leben - im Film, während sein Vater und seine Schwester auf Deutschlandreise sind. Die Nachricht von seinem Tod löst einen Gefühlsausbruch aus - einer der seltenen Momente, in denen Erika ihre Fassung verliert.
Pawlikowski erzählt kein klassisches Biopic über Thomas Mann. Er nimmt einige Tage im Jahr 1949 und macht daraus ein Brennglas für eine ganze Epoche: für ein Deutschland zwischen Ruinen und Neubeginn, für Exil und Heimkehr, für die Schwierigkeit, eine Heimat wiederzufinden, die nicht mehr dieselbe ist.
Vor allem aber ist «Vaterland» ein Film über eine Familie, die mit den politischen und moralischen Erschütterungen ihrer Zeit ringt. In den Auseinandersetzungen zwischen Thomas Mann und seinen Kindern steckt eine Frage, die weit über 1949 hinausreicht: Wie bleibt man sich treu, wenn politische Gewissheiten zerbrechen?
«Vaterland» ist ein Film, der seine Gefühle nicht ausstellt, sondern zurückhält - bis man sie umso stärker spürt.