04. November 2026 – dpa
Cyberangriffe, Sabotage und Extremwetter: Krisen prägen zunehmend den Alltag. Beim Resilienzgipfel in Düsseldorf ging es darum, wie Gesellschaften widerstandsfähiger werden können.
Corona-Pandemie, der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, Energiekrise, Sabotage an der Stromversorgung, extreme Hitze, die Bahn kommt nicht - und jetzt schalten Cyberangriffe auch noch Kühlregale in Supermärkten aus. Gefühlt befindet man sich in einer Dauerkrise. Fast täglich scheint eine neue Krise dazuzukommen. Wie können Gesellschaften widerstandsfähiger werden?
Antworten darauf suchten in Düsseldorf bei einem «Resilienzgipfel» auf Einladung der nordrhein-westfälischen Landesregierung am Mittwoch rund 150 internationale Vertreterinnen und Vertreter von Regierungen, Unternehmen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Vom Chef des Rüstungskonzerns Rheinmetall, Armin Papperger, bis zum litauischen Präsidenten Gitanas Nausėda tauschten sie sich darüber aus, was sie unter dem Schlagwort Resilienz, also Widerstandsfähigkeit, verstehen und wo sie die größten Bedrohungen sehen.
Illusionen machte sich niemand über die aktuelle Lage. «Krisen sind nicht mehr die Ausnahme, sie sind zum Normalzustand geworden, und wir müssen jederzeit mit neuen Krisen rechnen», sagte NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) gleich zu Beginn der Konferenz. «Wir müssen weg von der Vorstellung, dass der Staat im Ernstfall alles regeln kann.» Ein Land sei dann krisenfest, wenn auch die Menschen wüssten, was im Krisenfall zu tun sei.
«Wir leben in einer Welt, in der die Grundfesten der internationalen Ordnung erschüttert sind», sagte Wüst. Machtpolitik habe wieder an Einfluss gewonnen. Großraumdenken sei zurückgekehrt. Grenzen würden mit Gewalt verschoben. «Unsere Welt ist unsicherer geworden», sagte er.
Globale Lieferketten, Digitalisierung und künstliche Intelligenz schafften nicht nur neue Chancen, sondern zeigten auch neue Verwundbarkeiten. Wüst listete Beispiele auf: 2021 habe ein einziges Containerschiff im Suezkanal Lieferketten über Monate auf der ganzen Welt ins Stocken gebracht. Und wegen einer IT-Sicherheitslücke vor zwei Wochen mussten zigtausende Internetseiten überall auf der Welt vom Netz gehen.
Auch gesellschaftlicher Zusammenhalt gerade in Krisen sei die Voraussetzung für eine hohe Widerstandsfähigkeit, sagte Wüst. «Aber Extremisten und Populisten, ganz gleich, ob sie politisch oder religiös getrieben sind, greifen diesen Zusammenhalt an. Sie treiben die Gesellschaften auseinander.»
Litauens Präsident Nausėda richtete den Blick nach Russland und appellierte an die Staaten, sich besser auf Bedrohungen durch Moskau vorzubereiten. Für Litauen als Nachbarland Russlands sei Resilienz daher eine «Frage des Überlebens», sagte der Staatschef. «Europa sollte vorbereitet sein auf Russland als langfristige Bedrohung.»
Mangelnde Widerstandsfähigkeit und Abhängigkeiten seien Schwachstellen, die von feindlichen Akteuren aktiv aufgespürt, getestet und gezielt ausgenutzt würden. «Moderne Bedrohungen zeigen sich selten in Form von Panzern, die Grenzen überqueren», sagte Nausèda. «Sie äußern sich vielmehr in böswilligen Aktivitäten, die das Wirtschaftsleben beeinträchtigen, das Funktionieren kritischer Infrastrukturen gefährden, Misstrauen gegenüber der Politik säen und die öffentliche Meinung manipulieren.»
Für das Westbalkan-Land Nordmazedonien wäre ein EU-Beitritt ein Beitrag zur Stärkung seiner Resilienz. Schon seit vielen Jahren wartet das Land auf eine Aufnahme in die EU. Premierminister Hristijan Mickoski unterstrich zugleich, dass Nordmazedonien auch zur Resilienz Europas beitragen könne. «Wir bilden eine Art Schutzschild für die EU gegen illegale Einwanderung.»
Resilienz bedeute auch mentale Stärke, sagte Serap Güler, Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Die Gesellschaft werde auch durch Desinformationskampagnen belastet. Aber das sei ein ungleicher Kampf. «Wir kämpfen nicht mit denselben Waffen, denn unsere Waffen sind Fakten, während die Waffen der anderen aus Lügen bestehen.» Während die einen an die Vernunft appellierten, setzten die Gegner auf Emotionen. «Die Aufgabe für uns alle ist, dass wir Fakten in emotionale Geschichten verwandeln müssen, um die Menschen zu erreichen.»
Wie verwundbar der Alltag auch in NRW ist, zeigte 2023 ein Cyberangriff auf den Dienstleister Südwestfalen-IT: In 72 Kommunen waren Dienstleistungen wie Kfz-Zulassungen fast ein Jahr lang eingeschränkt. Neun von zehn Unternehmen berichten von Cyberangriffen. Das Thema Bevölkerungs- und Katastrophenschutz hat seit der Pandemie und der Hochwasserkatastrophe in NRW hohe Priorität.
- Im Innenministerium wurde eine Landesstelle für Katastrophenschutz eingerichtet.
- Ein zentrales Katastrophenschutzlager ist in Betrieb.
- Das Sirenennetz wurde von 4.250 im Jahr 2017 auf inzwischen landesweit 6.500 Sirenen ausgebaut.
- Die Polizei hat ihre Fähigkeiten zur Abwehr kommerzieller, also nicht-militärischer Drohnen ausgebaut.
- Eine Koordinierungsstelle für Cybersicherheit soll als zentrale Servicestelle der Landesregierung das Sicherheitsniveau im Netz zu erhöhen.
- In einem Pilotprojekt arbeiten sechs Leitstellen an einem gemeinsamen Lagebild für NRW.
- Landesweite Katastrophenschutztage 2025 und 2026 sowie ein Selbstschutz-Ratgeber mit konkreten Vorsorgetipps sollen die Selbstvorsorge der Bevölkerung stärken.
- Die Kampagne «Bereit wie nie» wirbt für das Ehrenamt im Bevölkerungsschutz.