18. Juni 2026 – dpa
Bonn und die Region warten auf eine Entscheidung zur Zukunft der Nordbrücke, deren Sperrung ein Verkehrschaos ausgelöst hat. Was erwarten Experten für diese Brücke und andere? Und wer hat Schuld?
Die Sperrung der Autobahnbrücke im Bonner Norden hat in der Region für ein großes Verkehrschaos gesorgt. Mit Spannung erwartet wird daher die Entscheidung zur Zukunft der Brücke, die die Autobahn GmbH für diese Woche angekündigt hat. Wird die Brücke wieder freigegeben? Wer trägt Verantwortung für die Sperrung? Und drohen ähnliche Probleme auch anderswo?
Roman Suthold, Verkehrsexperte des ADAC Nordrhein, glaubt, dass die Brücke zumindest für Fußgänger und Radfahrer wieder freigegeben wird. Auch Autos könnten aus seiner Sicht wieder darüber fahren, wenn die Vorlandbrücke dafür ertüchtigt werde. Das könne allerdings einige Monate dauern. «Der Neubau dürfte sich mindestens bis in die 30er Jahre hinziehen.» Dass auch Lkw wieder über die Brücke fahren dürfen, hält Suthold dagegen für unwahrscheinlich. «Ein einzelner 40-Tonner belastet eine Brücke so stark wie 60.000 Pkw», erklärt er.
Ocke Hamann, verkehrspolitischer Sprecher der Industrie- und Handelskammer in NRW, tut sich mit einer Prognose schwer. Man hoffe zwar auf eine teilweise Freigabe. «Gleichzeitig gilt: Sicherheit geht vor.» Prüfungen dieser Art seien sehr komplex; nur wenige Experten könnten sie im Detail beurteilen. «Deswegen können wir zur Prognose aktuell nichts sagen.» Klar sei aber: «Bleibt die Nordbrücke gesperrt, ist das für die Region eine Katastrophe. Auch wenn sie teilweise wieder freigegeben werden könnte, wäre der Schaden riesig.»
Für einen Einzelfall halten die Experten die Bonner Nordbrücke nicht. Als nächste Problembrücke nennt Suthold etwa die Rodenkirchener Brücke im Kölner Süden, die durch die Bonner Sperrung zusätzlich belastet werde. Auch dort könne irgendwann ein Abriss verbunden mit einem Neubau die beste Option sein, glaubt er. Zudem sei die Wiehltalbrücke auf der A4 im Oberbergischen Kreis marode.
Das Problem gehe weit über diese Brücken hinaus, sagte Hamann. In NRW seien rund 2.500 Brücken in schlechtem Zustand. Sie müssten in den kommenden Jahren erneuert oder ersetzt werden – mehr als in jedem anderen Bundesland. Weitere Sperrungen oder Beschränkungen seien deshalb sehr wahrscheinlich. «Keiner weiß genau, welche es als Nächstes treffen wird. Besonders auf die Brücken über den Rhein blicken wir mit großer Sorge», sagte Hamann der Deutschen Presse-Agentur.
Als die meisten Brücken geplant wurden, hätten Lkw laut Suthold häufig etwa 24 Tonnen gewogen, heute seien es bis zu 44 Tonnen. Zudem habe man damals nicht absehen können, wie viele Lkw und Pkw heutzutage generell verkehren. Auch deshalb wird die Bonner Nordbrücke dem Verkehrsexperten zufolge wohl nicht die einzige Brücke mit Problemen dieser Art bleiben.
Hinzu komme, dass Experten schon seit der Jahrtausendwende vor maroden Brücken in Deutschland gewarnt hätten. «Die Politik hat aber zu lange weggehört», betont Suthold. Man habe erst angefangen zu handeln, als die ersten großen Autobahnbrücken gesperrt werden mussten. «Jetzt rennt man mit den Sanierungen hinterher.»
Das Risiko für Fälle wie in Bonn sinkt Hamann zufolge nur, wenn Planung und Bau landes- und bundesweit schneller würden. «Die Sperrungen nehmen zu, das Tempo aber nicht – das ist nicht nachvollziehbar.» Das Infrastruktur-Zukunftsgesetz des Bundes sei ein guter Ansatz, drohe aber gerade zu verwässern. «Ja, Planung ist immer auch ein Kompromiss. Aber eine Brücke an der gleichen Stelle neu zu bauen – das muss in zwei Jahren möglich sein.»
Landesverkehrsminister Oliver Krischer will sich für Änderungen an Bau- und Sanierungsplänen auf Bahnstrecken in Nordrhein-Westfalen einsetzen, falls die Bonner Nordbrücke länger oder dauerhaft gesperrt bleibt. Selbstverständlich werde die Landesregierung sich kümmern – auch, wenn die Verantwortung, wie es mit der Brücke weitergehe, letztlich bei der Autobahn GmbH und damit beim Bund liege, stellte der Grünen-Politiker im Düsseldorfer Landtag klar.
In einer von allen drei Oppositionsfraktionen beantragten Aktuellen Stunde nahmen SPD, FDP und AfD die schwarz-grüne Regierung unter Beschuss. SPD-Fraktionsvize Alexander Vogt warf der Koalition vor, trotz der sich zuspitzenden Verkehrsengpässe sowohl auf der Straße als auch auf der Schiene keinen Plan zu haben, wie der Infrastruktur-Notstand zu beseitigen sei. Inzwischen seien 2.439 Brücken und damit jede dritte Brücke in NRW marode.