23. September 2026 – dpa
Vom Agitprop-Provokateur zum Kultur-Botschafter an der Seite des Kanzlers: Jörg Immendorff war einer der besonders schillernden Nachkriegskünstler. Eine große Retrospektive zeigt nun sein Schaffen.
Vom linksradikalen Kunst-Provokateur avancierte er zum Kultur-Botschafter an der Seite des Bundeskanzlers: Der Maler und Kunststar Jörg Immendorff (1945-2007) war zu Lebzeiten vieles, aber kein Leisetreter. In seiner Wahlheimat Düsseldorf ist ihm nun - fast 20 Jahre nach seinem Tod - eine große Retrospektive gewidmet.
120 Werke Immendorffs werden von diesem Freitag bis 10. Januar 2027 im Düsseldorfer Kunstpalast gezeigt. Einen Steinwurf entfernt lehrte der Maler als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie. Ende des 20. Jahrhunderts galt Immendorff international als einer der bedeutendsten deutschen Nachkriegskünstler. Der Beuys-Schüler starb 2007 im Alter von 61 Jahren an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose).
Bis dahin sei er in der Landeshauptstadt omnipräsent gewesen, sagt Kunstpalast-Direktor Felix Krämer. «Sein Affe war sogar auf den Trikots von Fortuna Düsseldorf.» Doch inzwischen sei Immendorff jüngeren Menschen kaum noch ein Begriff. «Vielleicht, weil er einen Typ Mann verkörperte, der es in den letzten Jahren in Ausstellungen schwer hatte», sagt Krämer.
Die Retrospektive beleuchtet Immendorffs Lebenswerk von den Anfängen an der Kunstakademie bis zu den letzten Arbeiten, die in seinem Atelier mit Hilfe von Assistenten entstanden, als er bereits weitgehend gelähmt war.
«Hört auf zu Malen» ist eines seiner frühen Werke: Nach Kritik von seinem Lehrer Joseph Beuys hatte Immendorff 1966 frustriert sein ursprüngliches Motiv durchgekreuzt und den Malstopp-Befehl darüber gepinselt - was seinem Mentor Beuys in der Form dann wiederum gut gefiel.
Für bundesweites Aufsehen sorgte der junge Immendorff erstmals, als er sich 1968 für eine Kunstaktion einen schwarz-rot-goldenen Klotz ans Bein band und damit bis zum Einschreiten der Polizei vor dem Bundestag in Bonn auf und ab lief.
Es war die Zeit der politischen Kunst des Maoisten Immendorff: «Wo stehst du mit deiner Kunst, Kollege?» ist eines der bekannteren Werke aus dieser Phase. Er habe damals tatsächlich die Arbeiter vor den Fabriken zu agitieren versucht, sagte Immendorff später.
Zwischen 1978 und 1982 entstand dann sein Café-Deutschland-Zyklus: Großformatige «Wimmelbilder», in denen er sich selbst neben Mao, Stalin, Erich Honecker und Helmut Schmidt ins Bild setzte. «Er hat sich sehr gekonnt als Marke inszeniert», berichten die Kuratorinnen Felicity Korn und Westrey Page.
Am meisten habe sie überrascht, am breitbeinig-selbstbewussten Immendorff eine selbstkritische, verletzliche Seite zu entdecken: Davon zeuge sein Selbstbildnis in Ballerinas und auch sein radikaler Bruch mit Teilen seines Werks: «Mein Leitfaden war der Egoismus», habe er über sich gesagt. «Damit haben wir nicht gerechnet.»
1981, als der Kalte Krieg noch in vollem Gange ist, entsteht sein Bild «Die Naht». Sie verläuft über der Wunde der deutsch-deutschen Teilung und ähnelt dem Brandenburger Tor. Eine Vorahnung der Wiedervereinigung?
Ab 1985 tritt die Figur des Affen in Immendorffs Werk, verewigt in zahllosen Skulpturen: Der Maler-Affe, mit dem er als Alter Ego Selbstgespräche führt. Mit der Lähmung seiner linken Malhand durch seine unheilbare Krankheit ändert sich sein Malstil, er wechselt auf die rechte Hand. Seine letzten Arbeiten tendieren zum Surrealismus. Später sind es Assistenten, die unter seiner Regie die Werke anfertigen.
2003 sorgt Immendorff mit einer Drogen- und Sex-Orgie für bundesweite Schlagzeilen. Die Polizei erwischt ihn mit acht Prostituierten und reichlich Kokain in der Suite eines Düsseldorfer Luxushotels. Im Gerichtssaal erscheint Immendorff bereits schwer atmend und vom Fortschreiten seiner Krankheit gezeichnet im Rollstuhl.
Das Gericht belässt es bei einer Bewährungsstrafe von elf Monaten und 150.000 Euro Geldstrafe, was ihm ermöglicht, an die Kunstakademie zurückzukehren, wo er nach den Vorwürfen suspendiert worden war. In der Retrospektive erinnert sein Bild «Die Beisitzer» an diese Anekdote.
Bundeskanzler Gerhard Schröder, mit dem er befreundet und zeitweise als Kultur-Botschafter unterwegs war, hat er für die Kanzler-Galerie im Bundeskanzleramt gemalt. Eine Vorstudie des Bildes ist nun in Düsseldorf zu sehen. Das Original hatte das Kanzleramt nicht als Leihgabe herausgegeben.