08. Juli 2026 – dpa

Lage der Familien

NRW-Familienbericht sieht wachsendes Armutsrisiko

Jede zehnte Mutter oder jeder zehnte Vater in NRW-Familien hat keinen Schulabschluss. Was der neue Familienbericht noch über die Lebenslagen im Land zeigt.

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Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen leben knapp 1,8 Millionen Familien mit mindestens einem minderjährigen Kind.

Erstmals seit elf Jahren liegt für Nordrhein-Westfalen wieder ein Bericht zur Lage der Familien vor. Dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vor allem für Frauen eine zentrale Herausforderung bleibt, ist eine fast erwartbare Erkenntnis. Der Bericht enthält aber auch einige Warnsignale.

Nach wie vor treten Frauen beruflich kürzer als Männer. Bei den Männern ist die Wochenarbeitszeit im zuletzt erfassten Jahr 2024 demnach leicht auf durchschnittlich 39 Wochenstunden gesunken. Gleichzeitig ist bei den Müttern der Umfang ihrer Erwerbstätigkeit zuletzt etwas angestiegen und liegt jetzt bei durchschnittlich 27 Stunden pro Woche. Die Wochenarbeitszeit von Müttern ist damit aber weiterhin deutlich geringer als die von Vätern.

«Wenn Frauen zurückstecken, dann geht es zulasten ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit, ihrer Altersversorgung und ihrer Karrierechancen», sagte NRW-Familienministerin Verena Schäffer (Grüne). Kinderbetreuung werde immer noch zum großen Teil von Frauen gestemmt, auch wenn sie gleich viel arbeiteten wie Männer. An Werktagen wendeten Mütter doppelt so viel Stunden für Kinder und Haushalt auf wie Väter.

Zwei Drittel der Mütter in NRW sind dem Bericht zufolge erwerbstätig. Bei Müttern von Kindern unter drei Jahren liegt der Anteil nur bei 39 Prozent.

Die meisten Familien schätzen nach Angaben Schäffers ihre eigene Lage zwar als gut ein - auch finanziell. Aber zugleich sei das Armutsrisiko insgesamt gestiegen und sehr ungleich verteilt. Besonders betroffen seien alleinerziehende, kinderreiche Familien und Familien mit Zuwanderungsgeschichte. Armut bedeute für viele Familien Verzicht im Alltag. Mehr als ein Drittel der Alleinerziehenden in NRW ist dem Bericht zufolge von Armut bedroht.

Die sogenannte Armutsgefährdungsquote von Familien in Nordrhein-Westfalen liege mit gut 16 Prozent im Jahr 2024 leicht über der des Bundes, sagte die Forschungsdirektorin des Deutschen Jugendinstituts (DJI), Susanne Kuger. Das Institut hat den Bericht im Auftrag des Familienministeriums erstellt.

Schäffer sagte, jedes vierte Kind in NRW wachse in einer solchen Risikolage auf. Wenn das Eis oder auch der Freibadbesuch mit Freunden im Sommer nicht drin sei, dann würden Kinder auch bei der gesellschaftlichen Teilhabe eingeschränkt. «Und wenn der Kauf eines Tornisters ansteht oder die Waschmaschine kaputtgeht, dann bedeutet das für Eltern, dass sie schlaflose Nächte haben, weil sie nicht wissen, wie sie das finanzieren sollen.»

Dem Bericht zufolge hat jede zehnte Mutter oder jeder zehnte Vater in Familien mit minderjährigen Kindern keinen Schulabschluss. Fast ein Drittel der Väter oder Mütter hat keinen beruflichen Abschluss. Unter den Eltern ohne Abschlüsse seien aber auch jene, deren im Ausland erworbener Bildungsabschluss in Deutschland nicht anerkannt werde, sagte Kuger.

Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen lebten 2024 gut 2,55 Millionen Familien. Darunter sind knapp 1,8 Millionen Familien mit mindestens einem minderjährigen Kind. Diese Zahl sei seit den 90er Jahren um etwa 200.000 gesunken.

Etwa die Hälfte der insgesamt rund 18 Millionen Menschen lebt in einer Familie. Fast jede zweite Familie mit Kindern unter 18 Jahren in NRW (49 Prozent) hatte 2022 einen Migrationshintergrund. Das waren zusammen rund 895.850 Familien.

Drei Viertel der Kinder mit Migrationshintergrund sind Kugler zufolge in Deutschland geboren. Zwei- und Mehrsprachigkeit seien sehr weit verbreitet. 16 Prozent der Migrationsfamilien sprächen zu Hause gar kein Deutsch.

Das Familienleben ist dabei vielfältiger denn je. Neben Ehepaaren mit Kindern gehören Alleinerziehende, nicht verheiratete Lebensgemeinschaften, Patchworkfamilien und Regenbogenfamilien fest zur gesellschaftlichen Realität. Trotz eines Rückgangs waren Ehepaare mit Kindern in NRW 2024 die häufigste Familienform (73 Prozent). Knapp 18 Prozent der Familien mit minderjährigen Kindern sind Alleinerziehende.

Die meisten Familien schätzen dem Bericht zufolge ihre Lage als gut ein, obwohl sie sich belastet sehen durch Krisen, wirtschaftliche Unsicherheit, Armutsrisiken und ungleiche Teilhabechancen. Auch Krisen wie Corona und Kriege in der Welt gehen nicht spurlos an Familien vorbei.

Müttern machten Erhebungen von 2024 zufolge die Zunahme von Ausländerfeindlichkeit, die Spaltung der Gesellschaft, Gewalt und Kriminalität die größten Sorgen. Der Anteil der Mütter mit großen Sorgen rangiert in diesen Bereichen zwischen 76 und 80 Prozent, bei Vätern liegt er mit 61 bis 72 Prozent niedriger. Sorge in Bezug auf die Lebenslage kommen seltener vor. So äußerten 23 Prozent der Mütter und 17 Prozent der Väter große Sorgen, dass ihre Familie in Armut leben muss.

Der beste Weg, um aus der Einkommensarmut herauszukommen, sei die Erwerbstätigkeit beider Elternteile, sagte Kuger. Dafür brauche es aber zum Beispiel zuverlässige Kita-Öffnungszeiten.

Das plant die Landesregierung:

  • Kommende Woche soll der NRW-Landtag das reformierte Kita-Gesetz beschließen, das nach Angaben Schäffers den Alltag in den Kitas spürbar verbessern soll.
  • Auf das im schwarz-grünen Koalitionsvertrag versprochene dritte beitragsfreie Kita-Jahr warten Eltern auch zehn Monate vor der Landtagswahl bisher vergeblich. Politisch bestehe zwar Einigkeit. «Es ist aber die Frage, ob wir es finanziell stemmen können», sagte Schäffer. Zugleich betonte sie, dass schon heute Familien mit sehr geringem Einkommen in der Regel keine oder nur sehr geringe Kita-Beiträge zahlen müssten.
  • Schäffer will noch bis zur Wahl einen Kita-Sozialindex nach Vorbild des Schul-Sozialindex sowie die Etablierung von sogenannten
    Chancen-Kitas vorantreiben. Durch eine bessere Ausstattung von Einrichtungen in sozial schwachen Gebieten sollen die Chancen der Kinder dort verbessert werden.
  • Forscherin Kuger forderte niederschwellige Lotsendienste für Eltern, damit sie einfacher herausfinden könnten, welche Sozialleistungen sie nutzen könnten. Viele Eltern wüssten gar nicht, welche Leistungen es gebe.

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