12. Oktober 2026 – dpa
Die Familie Schnabel hatte 17 Kinder. Auch vor 50 Jahren war sie damit eine Sensation. Katrin Hörnlein berichtet aus dem Innenleben einer ganz besonderen Familie.
Deutschland ist ein kinderarmes Land. Die meisten wachsen als Einzelkinder oder nur mit einem Geschwisterteil auf. Das Leben in einer Großfamilie kennt so gut wie niemand mehr. Mit 16 Geschwistern zusammen aufzuwachsen sprengt unsere Vorstellungskraft, es erscheint uns fremd und exotisch.
In ihrem Buch «Die Schnabels. Mutter, Vater, 17 Kinder» beschreibt die Journalistin Katrin Hörnlein («Die Zeit») die Lebenswelt einer Großfamilie und gibt dabei gleichzeitig einen faszinierenden Einblick in ein Stück bundesrepublikanischer Gesellschaftsgeschichte zwischen Wirtschaftswunder und Mauerfall.
Mit 17 Kindern erregten die Schnabels immer Aufsehen, oft auch Argwohn. «Als Großfamilie galt man schnell als asozial. Ich erinnere mich, wie Leute mich plötzlich komisch angeguckt haben, wenn sie von meinen vielen Geschwistern erfuhren. Der Blick ist erst von oben nach unten und dann von unten nach oben gewandert. Das war ein blödes Gefühl», erinnert sich Ronja, das 16. Kind der Familie.
Tatsächlich kann von asozial bei den Schnabels keine Rede sein. Vater Gernot ist Betriebswirt, Mutter Renate kommt aus einer wohlhabenden Beamtenfamilie und beginnt ein Studium in Münster. 1952 kommt das erste Kind, Odilo, zur Welt. Renate bricht ihr Studium ab und wird fortan Hausfrau und Mutter. Es folgen bis 1975 weitere 16 Kinder, acht Mädchen und neun Jungen.
«Die Kinder kamen wie Gewitter. Wenn meine Mutter Noisette-Schokolade aß, wusste ich, sie ist wieder schwanger», erinnert sich der älteste Sohn. Natürlich stellt sich die Frage, warum ein Paar so viele Kinder in die Welt setzt, ob sie alle geplant waren. Renates Erklärung, man sei da so «reingeschlittert», erscheint auch der Autorin wenig glaubhaft.
Aus den Interviews der Kinder wird vielmehr deutlich, dass die ehrgeizige Mutter sich durch die große Familie womöglich profilieren wollte. «Wenn sie schon Hausfrau sein musste, dann wollte sie es der Welt eben in dieser Rolle beweisen», sagt eines der Kinder.
Der extrem große Haushalt wird von ihr als Chefin wie ein Unternehmen gemanagt. Die Beschaffung der Lebensmittel, Kochen, Waschen, Putzen, alles ist bis ins Kleinste durchorganisiert und die Kinder müssen natürlich mithelfen. Die großen Geschwister werden zu Paten der Kleinen, lernen früh Verantwortung zu übernehmen. Einerseits ist die Großfamilie fordernd für jeden Einzelnen, andererseits bietet sie Sicherheit, Schutz und Nestwärme.
Der Wohlstand der Schnabels wächst parallel zum Wohlstand der Wirtschaftswunderjahre. Zunächst kann man sich nur ein bescheidenes Haus in Köln leisten, das mit der wachsenden Zahl von Kindern bald aus allen Nähten platzt. 1973 wird der Vater Geschäftsführer und die Familie zieht in ein Dorf in Hessen um.
Das neue Haus bietet genügend Raum, ist aber auch ein Statussymbol mit Schwimmbad, Sauna und diversen Attraktionen für die Kinder. Doch all das hat seinen Preis. Vater Schnabel als Alleinverdiener für die riesige Familie steht zeitlebens unter enormem Stress. 1980 stirbt er mit nur 54 Jahren vorzeitig an einem Herzinfarkt.
Nach dem Tod des Mannes, mit dem sie eine komplizierte Ehe führte, beginnt für Renate Schnabel ein zweites Leben. Wie befreit, lebt sie nun ihre unkonventionelle Seite aus, nimmt sich einen jungen Lover, reist um die Welt. Renate wird eine wilde Alte, nicht immer zur Freude der Kinder.
Das Buch basiert auf Interviews mit den Kindern und den Memoiren der verstorbenen Mutter. Mit seinen vielen Zitaten, Fotos und Zeichnungen hat es ein bisschen den Charakter eines Familienalbums. So viele Kinder, so viele Sichtweisen auf dieses Familienleben.
Je nach Charakter und Position im Familiengefüge werden ein und dasselbe Ereignis oft ganz unterschiedlich geschildert. Das Schicksal der Schnabels ist zwar außergewöhnlich, doch ein Teil des Lebens in der alten Bundesrepublik. Die Autorin liefert hier dankenswerterweise die historischen Zusammenhänge für all diejenigen, die diese Zeit nicht selbst miterlebt haben.