19. Juni 2026 – dpa
Picknicktische aus Kirchenbänken, begehbare Orgeln und Teekräuter im Kirchgarten: Die Manifesta macht aus entweihten Gotteshäusern überraschende Orte für Begegnung und neue Nachbarschaft.
Dass hier bis vor einigen Jahren noch Gottesdienste gehalten wurden, tritt unter einer riesigen Müllsack-blauen Plastikplane in den Hintergrund. Die spanisch-brasilianische Künstlergruppe Penique Productions hat den Innenraum der St. Josef Kirche in Gelsenkirchen mit einer großen aufblasbaren Membran ausgekleidet. Wie eine zweite Haut legt sie sich über den Altar, die Wände und zwischen die Säulen. Die Kirchenfenster schimmern noch durch.
Im Kirchenschiff, das die Künstler nun Luftschiff nennen, hat der Designer Curro Claret ausrangierte Kirchenbänke zu Picknicktischen umfunktioniert und zu einer Tribüne aufgetürmt. Tonnenweise Sand ist auf dem Boden verteilt. St. Josef in Gelsenkirchen, entweiht 2023, gehört zu insgesamt zwölf ehemaligen Gotteshäusern, die einen Sommer lang eines nicht mehr sein sollen: Kirche.
«This is not a church» lautet das Leitmotto der großen internationalen Wanderausstellung Manifesta, die in diesem Jahr im Ruhrgebiet Station macht. In Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und Bochum bespielt die Kunstbiennale zwölf überwiegend entweihte und sich im Wandel befindliche Kirchen - allesamt Bauten aus der Nachkriegszeit.
Insgesamt 100 Künstler, Kreative und Kollektive - darunter auch international gefragte Kunstschaffende wie Katharina Fritsch, Luc Tuymans oder Mirosław Bałka - beteiligen sich. Rund die Hälfte der gezeigten Werke ist eigens für den Standort geschaffen worden. Viele erkunden daher ausdrücklich, wie aus den leerstehenden, einst heiligen Hallen wieder Orte für die Nachbarschaft und Begegnung entstehen können.
Auch die Anwohner selbst, Gruppen, Gemeinden und Initiativen waren aufgerufen, sich einzubringen: Einstige Kirchenräume werden so zu einer Bar, zum Basketballplatz oder Schauplatz für gemeinsame Kochabende.
In der Nachkriegszeit seien im Ruhrgebiet viele Kirchen als sogenannte «Pantoffelkirchen» konzipiert worden, erklärt der Architekt Josep Bohigas, der das Konzept der Ausstellung maßgeblich erarbeitet hat. Sie entstanden mitten in den Nachbarschaften, so nah, dass sie für die Gemeinde buchstäblich in Hausschuhen erreichbar waren. Längst stehen viele von ihnen leer. Dabei sei der Bedarf nach Orten für Gemeinschaft groß.
Anstatt diese Gebäude ausschließlich als architektonisches Erbe zu betrachten, untersuche die Biennale, wie die bestehenden Räume wieder mehr Nähe und Zusammenhalt in den Nachbarschaften erzeugen können, erklären die Macher. «Die Menschen wollen nicht, dass die Kirchen nur erhalten werden. Sie wollen, dass sie aktiviert werden», sagt Hedwig Fijen, Gründerin der Manifesta.
Sicherlich ein ehrgeiziges Ziel, räumt Bohigas ein. «Die Manifesta kann nicht all die Probleme lösen, die es im Ruhrgebiet gibt», sagt er. Jahrzehnte des wirtschaftlichen Wandels und der sozialen Zersplitterung ließen sich nicht einfach zurückdrehen. Aber das Festival könne Dinge sichtbar machen, Räume für Ideen und Möglichkeiten eröffnen.
Wie das konkret aussieht, kann ab Sonntag erkundet werden: Viele der teilnehmenden Künstler spielen mit kirchlichem Mobiliar, gestalten den kirchlichen Raum um, machen Wandel und Neubeginn auf diese Weise sichtbar. In Essen hat die türkische Künstlerin Ayşe Erkmen einen Beichtstuhl mit Bildschirm und Chatprogramm ausgestattet. Nassan Tur hat Gedanken und Erinnerungen von Menschen im Ruhrgebiet gesammelt und sie in Kirchenbänke geritzt.
Da ist auch eine begehbare Orgel in der Liebfrauenkirche in Duisburg: Statt hoch über den Köpfen der Gemeinde schwebend, können die Betrachter der Skulptur von Abbas Zahedi zwischen die Orgelpfeifen treten und den Klang damit am eigenen Leib spüren. Die Teile seines Instruments hat der Künstler aus ganz Europa zusammengetragen; Orgelwaisen, nennt er die teilweise zerdellten, aber noch nutzbaren Pfeifen.
In Bochum lädt eine Hüpfburg der aus Belarus stammenden Berliner Künstlerin Marina Naprushkina in Form einer Glocke im Garten einer Kirche zum ausgelassenen Auf und Ab ein. In Gelsenkirchen baut das Künstlerkollektiv Bureau Baubotanik im Kirchengarten Teekräuter an. Besucher und Besucherinnen sind eingeladen, die Kräuter zu ernten, zu probieren und Tee zu verkosten.
Am Samstagabend wird die Schau mit einem Fest auf Zeche Zollverein in Essen eröffnet. Um möglichst auch jene Menschen zu erreichen, die selten Kulturangebote wahrnehmen, sind alle Veranstaltungen ohne Eintritt, es gibt ein umfangreiches Vermittlungsprogramm. Die Manifesta dauert bis zum 4. Oktober.