06. November 2026 – dpa
Ein Gefahrguttransporter mit 23 Tonnen Salpetersäure ist umgekippt, Säure tritt aus. Die Behörden in Krefeld im Westen von NRW warnen vor extremer Gefahr. Auch Schulen bleiben geschlossen.
Mitten in der Nacht heulen in Krefeld die Sirenen, Warn-Apps warnen vor «extremer Gefahr»: Auf der Autobahn unweit der Innenstadt ist ein Gefahrguttransporter verunglückt und auf der Seite liegengeblieben. Die Ladung - 23 Tonnen ätzende Salpetersäure - gilt als besonders gefährlich für die Gesundheit.
Für die Feuerwehr beginnt ein anstrengender Großeinsatz, denn die Einsatzkräfte können sich dem Lastwagen nur in Schutzanzügen und mit Atemmasken nähern. Das öffentliche Leben in der Stadt Krefeld, die linksrheinisch zwischen Düsseldorf und Duisburg liegt, wird stundenlang lahmgelegt.
Die Bahn stoppt den Zugverkehr, Schulen und Kitas bleiben geschlossen, Menschen in der Nähe der Unglücksstelle dürfen ihre Wohnung nicht verlassen, andere kommen nicht an ihre Arbeitsplätze. Auch die Müllabfuhr fällt in der gesamten Stadt aus, weil das Betriebsgelände im Sperrbereich liegt.
Der Unfall auf der Autobahn 57 ereignete sich in der Nacht zum Freitag gegen 3.00 Uhr. Der genaue Ablauf war für die Ermittler zunächst unklar. Jedenfalls sei der Lastwagen in der Autobahnauffahrt Krefeld-Zentrum verunglückt und auf der Seite liegengeblieben, teilte die Feuerwehr mit. Der Fahrer kam verletzt ins Krankenhaus. Ob er durch die Wucht des Unfalls oder durch die Salpetersäure verletzt wurde, war zunächst nicht bekannt.
Durch ein Leck trat anschließend die stark ätzende Ladung aus dem Lastwagen aus. Salpetersäure gehört zu den wichtigsten Grundchemikalien der Industrie und wird vor allem für Düngemittel und Sprengstoffe gebraucht. Doch wenn die stark ätzende Säure unkontrolliert freigesetzt wird, drohen den Behörden zufolge erhebliche Gesundheitsgefahren. Salpetersäure kann Haut, Augen und Atemwege stark verätzen. Bei einem Gefahrgutunfall können relativ leicht gefährliche Gase entstehen.
Über die Warn-App Nina warnten die Behörden vor einer «extremen Gefahr» - das ist die höchste Warnstufe. «Die Bevölkerung innerhalb des Absperrbereichs wird dringend aufgefordert, in Gebäuden zu bleiben sowie Fenster und Türen geschlossen zu halten. Niemand soll den Bereich betreten oder verlassen», appellierte die Krefelder Feuerwehr.
Die Warnung hatte weitreichende Folgen, denn der betroffene Bereich ist dicht besiedelt. Es gibt dort vier Schulen und zwei Kitas, zahlreiche Unternehmen und viele Wohnungen. Noch in der Nacht entschied die Stadt, dass alle Schulen und Kitas im Umkreis von 1.000 Metern um die Unglücksstelle den ganzen Tag geschlossen bleiben. Eltern mussten umplanen und ihre Kinder zu Hause lassen.
Auch im Verkehr gab es massive Probleme. Weil die A57 stundenlang gesperrt blieb, bildeten sich in der Stadt und auf vielen Umleitungsstrecken lange Staus. Im Bahnverkehr gab es weitreichende Auswirkungen bis nach Düsseldorf und ins Ruhrgebiet, weil die Strecke von Krefeld in Richtung Duisburg gesperrt wurde.
Unterdessen konnten sich die Einsatzkräfte in Schutzanzügen dem Lastwagen allmählich nähern. Etwa zehn Tonnen Salpetersäure seien ausgelaufen, sagte der Leiter der Gefahrenabwehr der Stadt Krefeld, Andreas Klos, der «Rheinischen Post». Die ausgelaufene Säure habe sich in einer Senke an der Auffahrt zur Autobahn 57 gesammelt. Dort könne man die Chemikalie aufsaugen.
Rund 200 Einsatzkräfte waren vor Ort. Auch die auf solche Einsätze spezialisierte Werkfeuerwehr aus dem nahegelegenen Chempark kam hinzu. Doch der Feuerwehr gelang es über viele Stunden hinweg nicht, das Leck abzudichten. Hinzu kam, dass der Wind die Wolke mit den Gasen genau in Richtung des Stadtzentrums trieb.
Auch für das übrige Stadtgebiet von Krefeld gab die Feuerwehr deshalb am Freitagvormittag eine Warnmeldung heraus - allerdings vor allem wegen der drohenden Geruchsbelästigung durch die austretenden Gase. Außerhalb des abgesperrten Bereichs im Umkreis von 1.000 Metern um die Unfallstelle bestehe keine Gefahr, versicherte eine Feuerwehrsprecherin.
Auch erste Messungen auf Schadstoffe in der Luft gaben Grund zur Hoffnung: Die ersten ermittelten Werte in der Luft lägen unterhalb der Toleranzgrenzen, sagte Klos der «Rheinischen Post». Die Warnungen blieben trotzdem zunächst bestehen.
Wie lange die Einschränkungen im Bahnverkehr und auf den Straßen noch dauern, war nach Angaben der Behörden zunächst unklar. Reisende sollten sich weiter auf Einschränkungen einstellen.
Laut Bahn gibt es Umleitungen und Zugausfälle auf den Linien RE 7 (Rheine-Wuppertal-Krefeld), RE 10 (Düsseldorf-Kleve), RE 42 (Mönchengladbach-Duisburg-Münster), RB 33 (Aachen-Essen), RB 35 (Gelsenkirchen-Mönchengladbach) und RB 37 (Krefeld-Neuss). Die Bahn empfahl allen Reisenden: «Bitte achten Sie vermehrt auf die Informationen vor Ort und prüfen Sie den Zuglauf in der Onlinereiseauskunft.»
Im Krefelder Stadtgebiet blieben zahlreiche Straßen bis auf weiteres gesperrt. Busse und Stadtbahnen konnten auf mehreren Linien in der Innenstadt nicht auf ihrem normalen Weg fahren.