27. August 2026 – dpa
Schalke-Fans freuen sich seit Monaten auf den Start der Saison; Pessimisten mit einem leicht mulmigen Gefühl. Da hilft ein Gebet für den Klassenerhalt - in der Arena-Kapelle neben der Mixed-Zone.
Schalke-Stürmer Edin Džeko war beim ersten Besuch tief berührt, Torjäger Kevin Kurányi kam in seiner Schalke-Zeit immer wieder in die Kapelle und auch Gäste-Vertreter wie Ulli Hoeneß oder Rainer Bonhof schauten gern vorbei. Direkt neben der Mixed-Zone und den Umkleidekabinen der Spieler im zweiten Untergeschoss der Schalke-Arena ist seit 2001 Deutschlands älteste Fußball-Kapelle in einem Bundesliga-Stadion.
Mit dem Wiederaufstieg des Vereins dürften sich dort zahlreiche Fan-Gebete schon erfüllt haben - und nun geht es mit dem Saisonauftakt am Sonntag in Augsburg gleich weiter um den Klassenverbleib. Gott um Hilfe zu bitten, sei da keineswegs ein unchristlicher Gedanke, sagt der evangelische Pfarrer Ernst-Martin Barth, der die Kapelle zusammen mit seinem katholischen Kollegen Markus Nowag betreut.
Der glühende Schalke-Fan Barth mit Dauerkarte seit 1990 ruft die Gläubigen allerdings nicht ausdrücklich zum Gebet für den Verein auf. «Gott ist kein Automat, in den man das Gebet einwirft, und dann kommen drei Punkte raus», sagt er. «Und außerdem beten die anderen ja auch um den Sieg. Das ist 1:1»
Aber dass der Fußball für viele Menschen auf Schalke mindestens so wichtig ist wie die Religion, ist auch Barth klar. Der 67-jährige Theologe sieht das als Kompromiss: «Schalke ist die Emotion, aus der die Menschen sich Gott nähern können.» Und nicht umsonst ist seine Stola königsblau.
Der Altar der Kapelle im Herzen der Arena liegt in einer Linie mit dem Anstoßpunkt auf dem Rasen - dazwischen ist der bekannte Spielertunnel im Zechen-Look. Während es draußen lautstark um Kampf, Erfolg und königsblaue Siege geht, ist die Kapelle eher still, karg und bewusst schlicht in Schwarz und Weiß gehalten. Etwa 50-60 Besucher passen hinein - sie betreten den Raum durch ein geöffnetes Kreuz.
Hier kommen die Menschen zur Ruhe. Sogar Kindergartenkinder werden ganz still, erzählt der Pfarrer. Hinter dem Altar gibt es ein Altarbild aus - natürlich - elf einzelnen Tafeln. Rechts sieht das Bild eher düster und dunkel aus, links werden die Linien heller. «Rechts der BVB, links, das sind wir», hat ein Konfirmand einmal gesagt, berichtet Barth.
Über 2.000 Kinder sind in der Arena-Kapelle schon getauft worden - hunderte königsblaue Paare wurden verheiratet und tote Fans in Gedenkgottesdiensten betrauert. Die meisten Paare, die hier ihre Kinder taufen lassen, sind natürlich Schalker, erzählt der Pfarrer. Eine Zeit lang sei wohl deshalb der Name Kevin besonders beliebt gewesen. Auch ein Spieler hat sein Kind hier taufen lassen. Den Namen behält er für sich.
Oft geht es in der Kapelle aber auch um weniger frohe Ereignisse - Krankheit und Sorgen. Barth ist auch Vereinsseelsorger - für Fans, Spieler und Betreuer des Vereins. Seine Handy-Nummer kennt auf Schalke jeder.
Dreieinhalb Stunden vor dem Anpfiff steht er bei Heimspielen vor seiner Kapelle. Viele nutzen die Gelegenheit und vereinbaren ein kurzes Seelsorge-Gespräch. Krebserkrankung, Stress im Job. Von den Fußballern kommen Jugendliche und junge Erwachsene aus den Nachwuchsmannschaften oder dem Schalker Fußball-Internat, die im Kampf um einen Profi-Vertrag unter enormem Druck stehen, erzählt er.
Eine Stunde vor dem Anpfiff verlässt Barth die Kapelle, geht hoch eine Stadionwurst essen und dann auf seinen Dauerkartenplatz. Die Kerzen in der Kapelle brennen weiter. Manche Spieler bekreuzigen sich und werfen einen kurzen Blick auf die Kapelle, wenn sie aus der Kabine kommen und zum Spielfeld gehen. Dann geht es los. «In Gedanke bin ich oft noch bei den Seelsorger-Gesprächen - aber nur bis zum Anpfiff», erzählt Barth. Spätestens dann wird aus dem Pfarrer selbst ein Fan.