24. Juli 2026 – Alena Triebold

VW in der Krise

Wolfsburger Automobilwirtschaftsprofessorin: "Werksschließungen bei VW kaum zu vermeiden"

Der VW-Konzern hat heute erneut einen Gewinneinbruch im zweiten Quartal verkünden müssen. Helena Wisbert, Professorin für Automobilwirtschaft an der Ostfalia Hochschule in Wolfsburg, spricht im Antenne Niedersachsen-Interview von einer neuen Realität bei Volkswagen. Sie sieht aber auch Lichtblicke.

Eine Frau in Business-Kleidung neben einem Gebäude mit VW-Logo.
Helena Wisbert, Professorin für Automobilwirtschaft an der Ostfalia Hochschule in Wolfsburg, hat Zweifel daran, dass Volkswagen um Werkschließungen herumkommt. Antenne Niedersachsen hat mit ihr gesprochen. (Fotos: Privat, dpa; Fotocollage: Antenne Niedersachsen)

Im zweiten Quartal hat der Volkswagen-Konzern erneut einen Gewinneinbruch von einem Drittel hinnehmen müssen. In den Monaten April bis Juni ging das Konzernergebnis nach Steuern um 32,9 Prozent auf 1,54 Milliarden Euro zurück. Bei der Vorstellung der Zahlen hat VW-Chef Blume auch mögliche Werksschließungen angesprochen. Die möchte er gerne vermeiden. Für die vier Werke Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm gebe es derzeit noch keine "wettbewerbsfähige Belegung" für die 2030er-Jahre. Doch, so Blume: "Es gibt intelligentere Lösungen, als Werke zu schließen. Das ist immer die letzte Option."

Helena Wisbert, Professorin für Automobilwirtschaft an der Ostfalia Hochschule in Wolfsburg, hat Zweifel daran, dass Volkswagen um Werkschließungen herumkommt. Antenne Niedersachsen hat mit ihr gesprochen.

Antenne Niedersachsen: Wie ordnen Sie die neuen Zahlen von Volkswagen ein? Was sagen diese uns gerade über den Zustand des VW-Konzerns?

Prof. Helena Wisbert: Volkswagen ist ja schon seit einiger Zeit wirklich in einer sehr starken Krise. Das zeigen jetzt auch wieder die Zahlen fürs zweite Quartal 2026. Dass es jetzt eben wieder einen Gewinneinbruch gab, das kommt nicht überraschend. Die Absatzzahlen in China sind eben sehr stark eingebrochen und natürlich leidet da auch das Finanzergebnis.

Nichtsdestotrotz gibt es auch Lichtblicke. Und zwar konnte der Umsatz relativ stabil gehalten werden. Und das liegt daran, dass das Finanzdienstleistungsgeschäft bei Volkswagen ganz gut funktioniert, also das Leasing und die Fahrzeugfinanzierung. Auch die Marke Škoda hat ganz gut performt und die neuen kleinen Elektroautos, die laufen auch ganz gut an. Also ein paar Punkte sind positiv, aber diese fundamentale Krise, die steht da natürlich im Vordergrund.

Antenne Niedersachsen: Was sind denn gerade die größten Probleme? Sie hatten es eben schon angesprochen: China. Was sind die Baustellen, die momentan genau die weiteren Einschnitte nötig machen, über die diskutiert wird?

Prof. Helena Wisbert: Also in China erodiert wirklich der Boden für Volkswagen. Das ist sehr brisant, da kommt natürlich jetzt Pech zum Unglück hinzu. Der chinesische Markt ist um 20 Prozent im ersten Halbjahr eingebrochen. Volkswagen verliert da mehr an Boden als der Gesamtmarkt.

Und dann der zweite große Punkt: Das Kosteneinsparungsprogramm. Es ist ja nicht das erste Quartal, wo Volkswagen um mehr als ein Drittel einbricht oder knapp ein Drittel einbricht. Es gab eben auch schon Quartale, die sogar deutlich schlimmer waren. Deswegen ist ein starker Kostendruck entstanden und das macht auch diese drastischen Schritte notwendig: Also Überkapazitäten abbauen, was ja dann nichts anderes ist, als wirklich Werke zu schließen.

Antenne Niedersachsen: Das ist das Stichwort für die nächste Frage. Kommt VW aus Ihrer Sicht in der aktuellen Lage drumherum, Werke zu schließen?

Prof. Helena Wisbert: Also, die Dimension des Stellenabbaus, die jetzt im Raum steht, die ist wirklich schwer greifbar, weil es so viele Stellen sind. Wenn man sich aber jetzt die nüchternen betriebswirtschaftlichen Zahlen anschaut, also dass Volkswagen eben mehr Autos produzieren kann, als Volkswagen in Zukunft auch verkaufen wird und das eben auch mittelfristig bis langfristig: Volkswagen wird in Zukunft nicht mehr zu diesen Glanzzeiten zurückkehren können. Es wird eine neue Realität geben und das führt eben auch dazu, dass diese Kapazitäten nicht mehr gebraucht werden und dass Werkschließungen aus meiner Sicht kaum zu vermeiden sind.

Antenne Niedersachsen: Gibt es aktuell etwas – Sie haben es eben schon mit Blick auf die Konzernzahlen gesagt – was Sie ansonsten positiv stimmt?

Prof. Helena Wisbert: Volkswagen hat ja jetzt die langersehnten kleinen Elektroautos auf den Markt gebracht und damit eben auch die preisgünstigeren Fahrzeuge. Und die laufen gut an, es sind schon viele Kundenbestellungen eingegangen. Also das ist ein positiver Effekt. Die Marke Škoda zeigt eben auch, dass der Erfolg auch ohne China geht, weil Škoda schon lange nicht mehr auf dem chinesischen Markt unterwegs ist. Škoda hat dennoch eine Umsatzrendite erreicht, die eigentlich auf Audi-Niveau ist. Das zeigt, dass es eben mit einer konsequenten Kostenkontrolle und einem starken Absatz weiter funktioniert, mit den Autos gut Geld zu verdienen.

Antenne Niedersachsen: Letzte Frage, können Sie einen Ausblick geben, wie sich die Automobilwirtschaft in Deutschland generell in den nächsten fünf Jahren entwickeln könnte?

Prof. Helena Wisbert: Ja, was wir gerade beobachten, ist, dass dieser starke Wettbewerb aus China eben auch hier rüberkommt. Und dieser Druck wird natürlich nicht spurlos an den deutschen Autobauern vorübergehen. Deswegen gehe ich davon aus, dass die deutschen Autobauer eben nicht mehr diese Stückzahlen verkaufen können, die wir zum Beispiel noch im Jahr 2019 gesehen haben. Das Niveau wird geringer werden. Damit wird es auch weniger Arbeitsplätze geben und eben auch weniger Wirtschaftskraft im Automobilstandort Deutschland.

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