02. November 2026 – dpa
Rolex und tiefergelegtes Luxusauto: Niedersachsens Polizei und Justiz möchten Straftätern ihre illegalen Gewinne abnehmen. Doch die tatsächlich abgeschöpften Summen gehen zurück - wieso?
Niedersachsens Justizministerin ist im Kampf gegen die organisierte Kriminalität optimistisch: «Wir wollen Strukturen aufdecken und alle aus den Netzwerken verhaften», sagte Kathrin Wahlmann. Die SPD-Politikerin ergänzt, dass es ihr vor allem um die Personen geht, die involviert sind.
Im vergangenen Jahr sank allerdings die Summe der illegalen Gewinne, die von den Tätern eingezogen werden konnten. Rund 5,0 Millionen Euro seien abgeschöpft worden, sagte Innenministerin Daniela Behrens. Ein Jahr zuvor waren es noch gut 7,5 Millionen Euro. Die Vermögensabschöpfung sei ein «zentraler Bestandteil» der wirksamen Bekämpfung organisierter Kriminalität, betonte die SPD-Politikerin bei der Vorstellung des Lagebilds für 2025. Die geschätzten illegalen Gewinne stiegen im vergangenen Jahr leicht auf etwa 27,7 Millionen Euro.
Warum die abgeschöpfte Summe sank, erklärte Landespolizeipräsident Axel Brockmann: Die Täter finanzierten einen aufwendigen Lebensstil, daher seien oft nur geringe Vermögen auf deren Konten zu finden. Stattdessen fließe das Geld etwa in kostspielige Fahrzeuge. Er betonte, trotz des Rückgangs sei die abgeschöpfte Summe «auf hohem Niveau».
Gerichtlich angeordnet wurde die Einziehung von knapp 17,2 Millionen Euro - 2024 waren es fast 7,2 Millionen Euro. «Wir sorgen konsequent dafür, dass sich Straftaten nicht lohnen», sagte Justizministerin Wahlmann. «Wer Verbrechen begeht, dem nehmen wir alles, was er daraus erlangt hat: auch die Rolex und das tiefergelegte Luxusauto.»
Laut Lagebild ermittelte die Polizei im vergangenen Jahr in 48 Verfahren. Dazu kamen 17 Ermittlungskomplexe von Bundeskriminalamt, Zoll und Bundespolizei im Auftrag niedersächsischer Staatsanwaltschaften, insgesamt waren es also 65 Verfahren (Vorjahr: 82). Dabei ging es vor allem um Rauchgifthandel und -schmuggel. Ermittelt wurde gegen 635 Tatverdächtige aus 41 Staaten - 36,4 Prozent davon hatten die deutsche Nationalität.
145 Verfahren lagen den Justizbehörden im vergangenen Jahr zur Bearbeitung vor, sagte Wahlmann. Das sei ein neuer Höchststand. 57 Verfahren wurden gerichtlich erledigt, ein Jahr zuvor war es nur eines weniger.
In über 70 Prozent der erledigten Fälle ordneten die Gerichte die Vermögensabschöpfung an. Das Verfahren sei «fest etabliert», sagte Thomas Hackner vom Justizministerium.
Behrens betonte: «Organisierte Kriminalität ist nicht nur ein Angriff auf einzelne Opfer. Sie stellt vielmehr einen Angriff auf die Regeln unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens dar und wirkt sich erheblich auf die objektive und subjektive Sicherheit in unserem Land aus.»
Die Antwort des Rechtsstaats sei klar - nirgends werde kriminellen Netzwerken das Feld überlassen. Ihren Worten zufolge liegt Niedersachsen bei der Gesamtzahl der Verfahren auf dem zweiten Platz im Ländervergleich.
Die Politikerin mahnte eine rechtssichere Regelung zur Speicherung von IP-Adressen an. Derartige Instrumente seien kein Selbstzweck, sagte sie: «Datenschutz darf daher nie zum Täterschutz werden.»
Der Trend setze sich fort, sagte Landespolizeipräsident Brockmann. Ganz vorn bei den polizeilichen Verfahren blieben Drogendelikte, insgesamt ging es um 23 Verfahren - ein Jahr zuvor waren es noch 36 Fälle. Mit Abstand an der Spitze: der Schmuggel von Kokain mit einem Anteil von 48 Prozent. Insgesamt wurden 172 Tatverdächtige registriert, die größte Gruppe darunter hatte die deutsche Staatsangehörigkeit, gefolgt von Menschen aus Albanien und den Niederlanden.
Auch in der Justiz bleibe Drogenkriminalität mit einem Anteil von 52 Prozent an der Spitze, sagte Hackner. Es folgten Eigentums- und Wirtschaftskriminalität. Ministerin Wahlmann erklärte, massiv zurückgegangen seien Geldautomatensprengungen, von denen im vergangenen Jahr noch 9 gezählt wurden. Zum Vergleich: 2022 waren es noch 68 Taten.
«Es lohnt sich, wenn man dranbleibt», sagte sie. Wahlmann kündigte an, die niedersächsische Justiz werde in den kommenden beiden Jahren um 217 Stellen verstärkt - darunter allein 104 Staatsanwälte.
Sorgen bereitet Innenministerin Behrens die zunehmende Rekrutierung junger Menschen für schwerste Gewalttaten - gewissermaßen «Violence as a Service». Unerfahrene Jugendliche und junge Erwachsene würden für Gewalt gegen Menschen oder Spreng- beziehungsweise Brandanschläge auf Gebäude angeworben - als «austauschbare Werkzeuge».
Die Betroffenenberatung Niedersachsen ergänzte, im vergangenen Jahr sei es zu insgesamt 81 rechten, rassistischen, antisemitischen und anderen menschenfeindlich motivierten Gewalttaten gekommen - ein deutliches Plus im Vergleich zum Vorjahr. Mindestens 107 Menschen waren demnach davon betroffen.
Der Bund deutscher Kriminalbeamter mahnte, Gewaltbereitschaft und Brutalität im kriminellen Milieu nähmen zu. Auch würden mehr Waffen eingesetzt. Ziel müsse sein, nicht nur einzelne Straftaten aufzuklären, sondern auch Hinterleute, Strukturen und finanzielle Grundlagen zu zerschlagen. Kritisch sei es daher, dass nur ein Bruchteil der illegalen Gewinne abgeschöpft werden konnte.
Kevin Komolka, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei in Niedersachsen, betonte: «Die kriminellen Strukturen entwickeln sich ständig weiter, nutzen moderne Technologien und agieren zunehmend international.» Um Schritt halten zu können, brauche die Polizei ausreichend Personal.