03. November 2026 – Sarah Buletta
5.000 Unterschriften, viele Gespräche und viel persönlicher Einsatz: Lilia Rüdiger-Gerdes aus Meppen hat ihre Petition für mehr Schulsozialarbeit bis in den niedersächsischen Landtag gebracht.
Der Weg nach Hannover
Monatelang hat Lilia Rüdiger-Gerdes aus Meppen Unterschriften gesammelt und für mehr Schulsozialarbeit in Niedersachsen geworben. Nun erreicht ihre Petition den niedersächsischen Landtag: Bei der Anhörung am 4. November 2026 trägt die Vorsitzende des Kreiselternrats im Emsland ihr Anliegen in Hannover vor.
Dass sie dort sprechen kann, hat sie mit ihrer Petition selbst angestoßen. Für Rüdiger-Gerdes ist die Zahl der Unterstützerinnen und Unterstützer deshalb mehr als ein formaler Erfolg. Sie sieht darin ein Zeichen, dass viele Menschen die Probleme an den Schulen wahrnehmen und mehr Unterstützung für Kinder und Jugendliche wollen.
„Ich tue das vor allem für die Kinder“, sagt sie. Gerade in Krisen brauche es an Schulen Menschen, die zuhören, auffangen und helfen.
Warum Schulsozialarbeit für sie mehr ist als ein Zusatz
Für Rüdiger-Gerdes ist Schulsozialarbeit kein Angebot, das nur dann wichtig ist, wenn Geld übrig bleibt. Sie beschreibt Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter als neutrale Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche - ohne Notendruck, ohne Bewertung, nah am Schulalltag.
Im Gespräch mit Antenne Niedersachsen Reporterin Sarah Buletta schildert sie, wie häufig es um Mobbing, Ausgrenzung, Schulangst oder andere Belastungen geht. Gerade nach der Coronapandemie, so ihr Eindruck, bräuchten viele junge Menschen mehr Unterstützung als früher.
Beim Sammeln der Unterschriften habe sie vor allem eines überrascht: Vielen Menschen sei gar nicht klar, was Schulsozialarbeit im Alltag konkret leistet. „Viele haben mich gefragt, was die Schulsozialarbeit in der Schule überhaupt macht“, sagt sie. Für Rüdiger-Gerdes zeigt das, wie oft diese Arbeit im Hintergrund bleibt - obwohl sie für viele Kinder entscheidend sein kann.
Lehrkräfte seien in erster Linie für Unterricht und Lernstoff zuständig. Für Prävention, Konfliktlösung und Begleitung in schwierigen Lebenslagen brauche es zusätzliche Fachkräfte, die professionell und unabhängig arbeiten können.
Eine persönliche Geschichte hinter dem Engagement
Dass Rüdiger-Gerdes sich so beharrlich für das Thema einsetzt, hat auch mit ihrer eigenen Geschichte zu tun. 1992 kam sie ohne Sprachkenntnisse nach Deutschland. Sie erinnert sich an Menschen, die halfen, ohne lange zu fragen: Nachbarn brachten Fahrräder, andere stellten Kleidung vor die Tür, und in der Schule gab es Lehrkräfte, die sie gut aufnahmen und begleiteten.
Diese Erfahrungen prägen sie bis heute. Sie habe selbst erlebt, wie viel Unterstützung ausmachen könne, sagt sie. Heute wolle sie etwas davon zurückgeben - für Kinder, die Hilfe brauchen, Orientierung suchen oder in der Schule jemanden brauchen, der ansprechbar ist.
Auch in ihrer Familie habe sie erlebt, wie wichtig es ist, junge Menschen ernst zu nehmen. Ihre Tochter engagierte sich früh für den emotionalen Zustand anderer Jugendlicher, bildete sich weiter und arbeitete als Peer-Beraterin bei U25, einer Suizidpräventionsorganisation für junge Menschen unter 25 Jahren in Krisen. Auch das bestärke sie in ihrem Einsatz.
„Zuschauen reicht nicht“, sagt Rüdiger-Gerdes. Kinder seien das Fundament der Gesellschaft. Wer in ihre Bildung und sozial-emotionale Stabilität investiere, investiere auch in die Zukunft.
Rückenwind aus dem Emsland
Unterstützung bekam die Petition bereits im Sommer aus der Kommunalpolitik. In einem Pressetext stellte sich der Landkreis Emsland hinter die Forderung des Kreiselternrats. Der zentrale Vorwurf: Das Land Niedersachsen habe die Verantwortung für soziale Arbeit an Schulen zwar seit 2017 offiziell übernommen, komme dieser Aufgabe aber nur unzureichend nach.
Der Landkreis verweist dabei auf die Lage vor Ort. Besonders an den Grundschulen werde deutlich, wie groß die Lücke noch sei. Von 111 emsländischen Grundschulen seien bislang nur an rund einem Fünftel Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter durch das Land eingestellt worden. Den übrigen Bedarf hätten Landkreis und Kommunen über Jahre mitfinanziert.
Allein von 2021 bis 2025 zahlte der Landkreis Emsland nach eigenen Angaben mehr als 1,28 Millionen Euro an Städte und Gemeinden. Die Kommunen selbst wandten demnach fast 4,32 Millionen Euro für Schulsozialarbeit auf. Landrat Marc-André Burgdorf erklärte deshalb, das Land stehe hier in der Pflicht und müsse die zusätzliche finanzielle Belastung von den Kommunen nehmen.
Auch das greift Rüdiger-Gerdes in ihrer Argumentation auf. Wenn das Land Schulsozialarbeit konsequenter ausbaue, könnten Kommunen entlastet werden - und hätten mehr Spielraum für andere Aufgaben an den Schulen.
Die Hoffnung auf ein Signal aus Hannover
Dass die Initiative aus dem Emsland kommt, sieht Rüdiger-Gerdes nicht als Nachteil. Für sie zeigen die 5.000 Unterschriften vor allem eines: Hinter der Petition stehen viele Menschen, die das Anliegen unterstützen.
Nach eigenen Worten hat sie viel dafür getan, das Thema sichtbar zu machen: auf Marktplätzen, in Schulen, in Gaststätten, mit einem eigenen Instagram-Kanal und einer selbst aufgebauten Homepage. Vieles davon sei für sie neu gewesen. Dass die Petition nun im Landtag behandelt wird, sei deshalb auch das Ergebnis gemeinsamer Unterstützung. Darum bedankt sie sich auch ausdrücklich bei allen Menschen, die das Thema bis hierhin mitgetragen haben.