29. Mai 2026 – Lena Kellermann

Wusstet ihr...?

10 Fakten über... Bad Gandersheim

Bad Gandersheim ist weit mehr als Festspielstadt und Kurort. Zwischen erster deutscher Dichterin, Bauhaus-Spuren und einem Kino im Schafstall steckt die Stadt voller ungewöhnlicher Geschichten. Hier kommen zehn Fakten, die den Ort besonders machen.

Blick über die roten Dächer von Bad Gandersheim mit zwei Kirchtürmen im Hintergrund.
Das Stadtbild von Bad Gandersheim (Quelle: Stadtmarketing / Mehle, Hundertmark), Foto: mehle-hundertmark.de/Michaela Hu

Fakt 1: Skandal im Stift

Bad Gandersheim kann nicht nur Kultur – sondern auch echten Skandal. Im Stift, also in der geistlichen Gemeinschaft des ehemaligen Reichsstifts Gandersheim, sorgt Anfang des 18. Jahrhunderts die Fürstäbtissin Henriette Christine von Braunschweig-Lüneburg für Aufsehen: Sie ist unverheiratet, hat ein kirchliches Amt – und plötzlich schwanger.

Was heute nach Klatsch und Tratsch klingt, war damals ein riesiges Problem. Also musste eine Erklärung her. Und die ist fast schon unglaublich: Gelehrte stellten Gutachten aus, die behaupteten, eine Frau könne sogar im Schlaf und ohne ihr Wissen schwanger werden. Hinter den Kulissen wurde allerdings über eine Affäre gemunkelt. Der mutmaßliche Vater verschwand kurzerhand, Gerüchte wurden unterdrückt – und Henriette legte schließlich ihr Amt nieder. Kurz darauf verließ sie Gandersheim und zog ins Ausland.

Was aus ihrem Kind wurde, ist bis heute unklar. Zurück bleibt eine der ungewöhnlichsten Geschichten der Stadt – irgendwo zwischen barocker Intrige und ziemlich kreativer Schadensbegrenzung.

Fakt 2: Der Ramschkönig

Alexander Walzer, der „Ramschkönig", führt seit 2008 den Ramba Zamba Markt in Bad Gandersheim. Damals kaufte er eine Tennishalle in der Stadt und baute sie zu seinem Laden um. Heute hat der Markt ca. 4.300 Quadratmeter Ladenfläche und bietet rund 20.000 Artikel – von Laptops über Möbelstücke bis Deko-Artikel. Alles sind Restbestände und 60 bis 70 Prozent günstiger als normal.

Besonders wichtig ist ihm die Kundennähe: Er begrüßt die Leute morgens persönlich bei Ladenöffnung. Aber Walzer macht nicht nur im Laden auf sich aufmerksam. Er wirbt auch regelmäßig auf YouTube sowie über Facebook und Instagram für die Angebote. Der erste Videodeal auf YouTube startete 2015. Im Jahr 2020 ging der erste Online-Deal live und der Online-Shop rambazambashop.de wurde gestartet. Viele Angebote können direkt im Markt abgeholt werden. Mittlerweile hat Walzer sogar eine eigene Ramba-Zamba-App, auf der Kunden alle Sonderposten und Schnäppchen einsehen können.

Als Ramschkönig wurde Alexander Walzer zum TV-Star. Man kennt ihn zum Beispiel aus Sendungen wie "Der Superhändler", "Der Schnäppchenmacher", "Der Ramschkönig" und "Achtung Kontrolle".

Fakt 3: Roswitha – Die erste deutsche Dichterin

Bad Gandersheim ist die Roswithastadt – und steht für echte Frauenpower aus dem Mittelalter. Hier lebte vor über 1.000 Jahren Roswitha von Gandersheim, die als erste bekannte deutsche Dichterin gilt. Sie wurde um 935 geboren und starb nach 973. Ihr genauer Geburtsort ist nicht bekannt.

Als Kanonisse hatte sie Zugang zu Bildung – für Frauen damals eine absolute Ausnahme. Im Gegensatz zu Nonnen gehörten Kanonissen keinem Orden an und konnten das Stift jederzeit verlassen. Roswitha studierte die Sieben Freien Künste und schrieb eigene Werke in lateinischer Sprache: darunter Dramen, Legenden und historische Texte. Damit setzte sie ein starkes Zeichen und bewies schon im 10. Jahrhundert, dass auch Frauen die Literaturszene prägen können.

In Bad Gandersheim wird Roswitha heute noch gefeiert. Zum Andenken an sie finden seit 1959 die Gandersheimer Domfestspiele vor der Stiftskirche statt. Das größte professionelle Freilichttheater in Niedersachsen zieht jährlich über 60.000 Zuschauer an. Dazu gibt es den Roswitha Literaturpreis seit 1973 und seit 1975 den Roswitha Ring für die beste Schauspielerin der Festspielsaison.

Fakt 4: Bauhaus-Spuren in Gandersheim

Bad Gandersheim hat indirekte Verbindungen zum Bauhaus: Der Künstler Alfred Ehrhardt, später bekannt als Fotograf und Filmemacher, arbeitete hier mehrere Jahre, bevor er ans Bauhaus in Dessau ging – eine der einflussreichsten Kunst- und Designschulen des 20. Jahrhunderts.

In den 1920er-Jahren unterrichtete er in Bad Gandersheim Musik, Kunst und Gymnastik, war Organist und Chorleiter – und entwickelte genau hier seinen besonderen Blick auf Kunst und Natur. Später ging er ans Bauhaus in Dessau und machte international Karriere.

Zum 100-jährigen Jubiläum des Roswithajahres wird sein Werk jetzt wieder stärker in den Fokus gerückt: Im Sommerschloss Brunshausen zeigt eine Ausstellung, wie prägend Gandersheim für seinen künstlerischen Weg war.

  • Hier findet ihr weitere Info's zur Sonderausstellung.

Fakt 5: Das Kino im Schafstall

Bad Gandersheim hatte schon früh sein eigenes Kino – und das begann ziemlich ungewöhnlich: 1914 wurde das erste Lichtspielhaus in einem umgebauten Schafstall eröffnet. Statt gemütlicher Kinosessel gab es damals einfache Plätze, und die Technik stand mitten im Raum. Gezeigt wurden kurze Stummfilme auf leicht entzündlichem Material. Ein Kinobesuch war also nicht nur Unterhaltung, sondern auch ein kleines Risiko.

Eine historische Filmprojektor-Maschine mit mehreren Spulen und Hebeln in einem Raum.
Theatermaschine Bauer B8B von 1954 (Quelle: Stadt Bad Gandersheim)

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich die Kinolandschaft der Stadt ständig weiter. Neue Namen, neue Betreiber und mit dem Tonfilm in den 1930er-Jahren auch ein ganz neues Filmerlebnis. Klassiker wie „Der blaue Engel“ liefen hier, während parallel sogar ein zweites Kino entstand. Doch wie vielerorts machte auch in Bad Gandersheim das Fernsehen dem Kino zu schaffen. Mehrfach stand es vor dem Aus, wurde geschlossen und wiederbelebt. Erst mit viel Engagement vor Ort – unter anderem durch den Kinoverein – bekam das Haus eine neue Zukunft.

Heute läuft im Kino Gandeon längst alles digital: moderne Technik, 3D-Filme und Events wie Open-Air-Kino oder Public Viewing gehören dazu. Geblieben ist vor allem eins – die besondere Atmosphäre eines Kinos, das auf eine ziemlich außergewöhnliche Geschichte zurückblickt.

Die Fassade des Kinos Gandeon mit rotem Schriftzug und einem Filmrollen-Logo.
Das Kino Gandeon in Bad Gandersheim verbindet moderne Technik mit historischer Atmosphäre (Quelle: Stadt Bad Gandersheim)

Fakt 6: Am Jakobsweg

Bad Gandersheim liegt an der Via Scandinavica, einem der Jakobswege. Damit ist die Stadt nicht nur für Kultur und Geschichte spannend, sondern auch ein Zwischenstopp für Menschen, die auf alten Pilgerwegen unterwegs sind.

Fakt 7: Der Dom ist gar kein Dom?!

Die Stiftskirche in Bad Gandersheim ist offiziell tatsächlich gar kein Dom. Dafür fehlt ihr etwas Entscheidendes: Sie war niemals Bischofssitz. Und genau das ist eigentlich die Voraussetzung dafür, dass eine Kirche den Titel „Dom" tragen darf. Trotzdem sagt man bis heute fast ausschließlich „Dom" – und das schon seit Jahrhunderten. Wahrscheinlich weil die Kirche so gewaltig, eindrucksvoll und bedeutend wirkt, dass die Einwohner sie einfach so nannten.

Offiziell heißt die Kirche bis heute Stiftskirche. Doch in der Stadt, bei den bekannten Festspielen und im gesamten Umland ist längst vom „Gandersheimer Dom" die Rede. Als 1959 die Festspiele gegründet wurden, entschied man sich bewusst für den Namen „Domfestspiele" – weil das jeder kannte und einfach besser klang als „Stiftskirchenfestspiele", was ohnehin ein ziemlicher Zungenbrecher gewesen wäre.

Eine historische Kirche mit zwei Türmen, umgeben von Fachwerkhäusern und einem gepflasterten Platz.
Die Stiftskirche in Bad Gandersheim beeindruckt mit ihrer markanten Architektur und dem charmanten Umfeld (Quelle: Stadt Bad Gandersheim / B. Hötzel)

Fakt 8: Motorenbau der Superlative

Was kaum jemand weiß: In Bad Gandersheim entstehen echte Extrem-Motoren. Das Unternehmen Weineck Cobra & Motorenbau wurde im Jahr 2000 von Claus-Dieter Weineck gegründet und baut hier V8-Aggregate, die weltweit für Aufsehen sorgen. Heute wird die Firma von Nicole Keßler geleitet.

Ihr spektakulärstes Projekt: die „Weineck Cobra 780 cui“. Ein Einzelstück mit gewaltigem 12,9-Liter-V8, 1.100 PS und 1.750 Nm Drehmoment – und damit eines der stärksten je für den Straßenverkehr zugelassenen Saugmotor-Autos. Selbst Supersportwagen wie der Bugatti Veyron wurden damit übertroffen – ganz ohne Turbo.

Fakt 9: Seit wann heißt Gandersheim eigentlich „Bad“?

Der Namenszusatz „Bad“ ist noch gar nicht so alt: Erst 1967 wurde Gandersheim offiziell als Heilbad anerkannt – vor allem wegen seiner Solequellen. Mit diesem Titel durfte sich die Stadt dann auch „Bad Gandersheim“ nennen. In den Jahrzehnten danach entwickelte sich der Kurbetrieb zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor. Besonders in den 60er- bis 80er-Jahren entstanden zahlreiche Kuranlagen, Kliniken und Angebote rund um Gesundheit und Erholung.

Heute steht die Stadt zwar vor einem Wandel: Der klassische Kurbetrieb hat an Bedeutung verloren, und der Status als Sole-Heilbad wurde aufgegeben. Den Namen „Bad“ darf Gandersheim aber trotzdem behalten – und bleibt damit offiziell Kurort, künftig als Luftkurort.

Fakt 10: Fachwerk – das Gesicht der Altstadt

Bad Gandersheim ist geprägt von einer der schönsten Fachwerk-Altstädten der Region. Überall in der Innenstadt finden sich historische Häuser aus mehr als sechs Jahrhunderten – von spätmittelalterlichen Bauten bis zu Häusern aus dem 18. Jahrhundert.

Besonders bekannt ist der Marktplatz mit seinem eindrucksvollen Ensemble: Das Fachwerkhaus „Bracken" von 1473 zählt zu den ältesten Häusern der Stadt und wirkt mit seinem kunstvollen Schnitzwerk besonders beeindruckend. Daneben stehen weitere historische Fachwerkbauten wie das Haus Markt 9 von 1552, das Restaurant „Zur Ecke" von 1581 und das Hotel „Weißes Ross", das bereits im 16. Jahrhundert als Gasthaus diente.

Detail eines Fachwerkhauses mit einer geschnitzten Holzfigur und kunstvollen Bemalungen.
Die kunstvollen Schnitzereien an den Fachwerkhäusern von Bad Gandersheim zeugen von der reichen Geschichte der Stadt (Quelle: Stadtmarketing / Mehle, Hundertmark)

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