30. Juni 2026 – Antenne Niedersachsen
Interview Transkript
JORIS: Moin!
Verkehrskai: Moin!
Tiziana: Moin!
JORIS: Hallo!
Flüecki: Joris, ich muss gleich sagen: Ich bin ein bisschen enttäuscht. Ich glaube, das letzte Mal saßt du am Klavier, und ich glaube, du hast jede zweite Antwort gesungen. Das hat uns alle so gepackt.
JORIS: Jetzt sitzt du da schön.
Flüecki: Jetzt sitzt du eher … wo sitzt du, in der Küche? Ist das richtig?
JORIS: Ich sitze hier gerade in einer Küche, genau. Und darf hier heute den ganzen Tag Interviews geben. Deswegen habe ich leider gerade kein Instrument bei mir. Ich schaue aber schon panisch um mich rum, ob ich irgendwas finde, auf dem man Musik machen kann. Vielleicht auf den Gläsern im Hintergrund oder so.
Verkehrskai: Ich wollte gerade sagen, das sieht ja aus wie so ein Loseladen da im Hintergrund. Also da ist schon noch einiges, was man nutzen kann.
Tiziana: Da sind viele Haferflocken im Schrank.
JORIS: Stimmt. Und eine Kaffeemaschine steht ja auch. Vielleicht kann man darauf mal gucken.
Tiziana: Aber sieht voll gemütlich aus.
Flüecki: Und du bist natürlich Vollblutmusiker. Wir hätten jetzt erwartet: halbvolle Weingläser. Auf denen kann man ja auch spielen, je nach Füllstand der Gläser.
JORIS: Das stimmt. Ich habe tatsächlich sogar mal einen Song auf Weingläsern aufgenommen, in einer WG damals in Mannheim. Und der heißt „Sommerregen“. Und weißt du, was richtig verrückt ist? Seit, ich glaube, März oder so, ist dieser Song auf einmal zum Hit geworden. Und läuft, egal wo ich bin.
JORIS: Ich habe jetzt am Wochenende in Erfurt gespielt, bin auf die Bühne gegangen, habe das halbe Konzert schon gegeben. Es war wundervoll, tolle Stimmung, ich glaube 12.000 Leute auf dem Platz. Ich fange diesen Song an, ganz normal, wie ich ihn normalerweise angefangen habe, und die Leute sind komplett eskaliert. Ich war irgendwie so: Was passiert denn jetzt? Bis mir natürlich klar war: Okay, natürlich, dieser Song ist gerade wieder in aller Munde. Aber das ist so verrückt, weil normalerweise reagieren die Leute auf neue Musik, wenn es ein Hit ist. Aber dass jetzt auf einmal ein zehn Jahre alter Song wieder komplett in den Charts ist, das ist verrückt. Und der war mit Weingläsern.
Tiziana: Ist es wegen TikTok gewesen?
JORIS: Es ist wegen TikTok gewesen, genau. Und ich habe wirklich wenig Ahnung von TikTok gehabt. Bis zu dem Zeitpunkt, als ich auf einmal so eine SMS bekommen habe: Weißt du nicht, was da abgeht? Keine Ahnung, hab mal reingeschaut, und es ist wirklich unfassbar gewesen, wie viele. Ich glaube, da sind am Tag 1000 Videos mit meinem Song gemacht worden. Der Song dümpelte irgendwie so vor sich hin. Ich habe den immer geliebt und ich war auch immer überzeugt, dass das ein Hit ist.
Flüecki: Der ist mega, da muss man, glaube ich, gar nicht drüber reden. Der ist mega, mega.
JORIS: Der Konsument hat versagt damals.
Flüecki: Aber wir haben es dann nachträglich hoffentlich wieder gut gemacht als Konsumenten.
JORIS: Ja, alles gut. Ich bin happy.
Flüecki: Ich glaube, das war doch ein Video, da standst du doch mit deiner Band irgendwie relativ grau gehalten, glaube ich, das ganze Video auf dem Hinterhof oder Schulhof oder Campushof oder so. Ist es das nicht?
JORIS: Richtig. Es war damals wirklich ein wundervolles Musikvideo, wo es darum ging, dass Kids halt häufig in der Schule nicht wirklich frei sind wie im echten Leben später, sondern irgendwie dann doch auch schon so eine kleine Rolle erfüllen müssen. Und dieser junge Mann — riesen Respekt, ist ein toller Schauspieler heute — hat es damals geschafft und hat vor diesen ganzen anderen Drehkids auf einmal in dieser Turnhalle getanzt. Das war wirklich beeindruckend. Am Ende des Songs bricht er aus und tanzt. Ich war damals schon unglaublich beeindruckt, dass er sich das getraut hat. Ich war Mitte 20, glaube ich, hatte sehr viel Erfolg und habe trotzdem gemerkt, wie sehr ich mich Dinge nicht traue, als ich ihn tanzen gesehen habe. Genau das ist das Video: Wir begleiten ihn quasi in seinem Kopf und geben ihm den Anstoß dazu, sich zu trauen.
Tiziana: Man merkt irgendwie, dass der Song dich bewegt. Ist es dein persönlicher Lieblingssong von dir selbst?
JORIS: Also aktuell auf jeden Fall. Aber wann immer ich einen neuen Song rausbringe, also „Sternenstaub“ zum Beispiel, würde ich sagen: Letztens hat mich mein Kumpel angerufen und meinte: Ey, Sternenstaub, das klingt ganz anders. Und ich hab gesagt, das finde ich super, dass du das sagst, weil es gibt ja nichts Schlimmeres, als wenn ich immer wieder denselben Song rausbringen würde. Und ich muss sagen: Ich habe ihm auch gesagt, das ist, glaube ich, einer der besten Songs, die ich jemals geschrieben habe. Aber das Gefühl habe ich, glaube ich, dann immer, wenn ich einen neuen Song rausbringe. Und die Jahre zeigen dann, ob es wirklich so ist. Und „Sommerregen“ ist definitiv einer meiner All-Time-Favorites, wenn man das so sagen darf, von eigener Musik. Klingt irgendwie komisch.
Flüecki: Wir haben bei „Sternenstaub“ — weil du jetzt gerade gesagt hast, „Sommerregen“, da hast du mit Weingläsern experimentiert — bei „Sternenstaub“ ist das am Anfang Knopfakkordeon, so ein bisschen was man aus dem Französischen kennt, oder?
JORIS: Genau. Ich liebe ja Chanson-Musik auch.
Verkehrskai: Ja, wer nicht?
JORIS: Und wir haben das mal in 2026 übersetzt.
Flüecki: Mega cool.
JORIS: Sehr gut erkannt.
Tiziana: Ich finde auch, dass der ganz anders klingt als deine anderen Songs. Der hat doch viel mehr Bass und so, hatte ich das Gefühl. Irgendwie klang es auch ein bisschen elektronischer.
JORIS: Ja, das finde ich nämlich auch. Also diese neue Musik ist auf jeden Fall gerade sehr inspiriert vom Elektronischen und einfach so gemacht. Den haben wir wirklich spät nachts irgendwie geknackt, diesen Refrain. Ich hatte selten so einen Ohrwurm wie von diesem Refrain. Deswegen bin ich jetzt froh, dass ich ihn endlich veröffentlicht habe. Das bedeutet für mich, dass ich ihn im Radio hören darf, mich darüber freue, aber nicht mehr jeden Tag 20-mal höre und dann nach Hause gehe und immer noch weiter singe. Sondern ich kann da jetzt ein bisschen loslassen.
Flüecki: Du bist in den Konzertsommer gestartet, auch bei uns in Niedersachsen zu sehen. Wir freuen uns schon sehr. Passt deine Musik gut rein. Worauf freust du dich in diesem Konzertsommer am meisten? Auf Temperaturen unterhalb von 30 Grad?
JORIS: Ja, aktuell freue ich mich wirklich am meisten auf die Temperaturen, die wieder etwas kühler werden dürfen. Am Wochenende war es wirklich absurd heiß. Ich bin sehr, sehr gerne im Sommer unterwegs, weil die Venues einfach auch alle immer sehr, sehr liebevoll gemacht sind. Das sind vom Amphitheater bis zu riesigen Plätzen, wo einfach zigtausende Leute dann stehen, alles mit dabei. Dank eines Revivals von „Sommerregen“ irgendwie auch wirklich alle restlos voll, die Konzerte, und das macht mir natürlich ganz, ganz große Freude.
Verkehrskai: Hast du gar keine Schwierigkeiten mit dem Schlafen? Ich finde, wenn man häufiger neue Unterkünfte hat oder so — eigentlich ist die erste Nacht in einem Hotel ja sowieso immer so, dass man sich ein bisschen eingrooven muss. Gerade das letzte Wochenende war ja so mörderisch bei uns.
JORIS: Ja, also wahrscheinlich hat das ein bisschen was von einem Hochseekapitän, den du fragst, ob er keine Probleme mit dem Wellengang hat. Ich glaube, das gehört so ein bisschen zum Berufsrisiko dazu, dass man viel unterwegs ist. Aber weißt du, was ich wirklich schlimm finde? Diese Tourbus-Romantik bei uns Musikern. Ich weiß noch, wie stolz ich war, als ich zum ersten Mal in so einen Tourbus einsteigen durfte und den Jungs zeigen konnte: Hey, das ist jetzt übrigens unser Bus, und das läuft ja alles jetzt so richtig professionell. Mittlerweile ist es so, dass ich nichts mehr hasse, als in diesen Tourbus einzusteigen, weil es ein bisschen wie Jugendherberge auf Rädern ist. Man hat Stockbetten übereinander, mit so einem Vorhang, den man zuziehen kann. Und meistens ist es auch so, dass man auf Festivals direkt auf so einem Sandplatz in der Sonne steht. Diese Busse sind oft auch noch schwarz, weil sie dann cooler aussehen. Und dann wird man morgens ab 5 Uhr im Stockbett gegrillt. Das ist nicht mehr so ganz meine Welt, aber sie gehört dazu. Und ehrlicherweise: Nach den Konzerten ist natürlich auch meistens noch das ein oder andere Kaltgetränk mit dabei. Dann schläft man gut durch.
Flüecki: Du bist ja auch Familienvater. Es ist ja auch mal ganz nett, wenn man quasi mal unterwegs ist. Ich kann das jetzt nicht so laut sagen — meine Familie hört zu. Aber es ist ja genau.
Tiziana: Möchtest du drüber reden?
JORIS: Ja, unbedingt. Für mich ist es wirklich so, dass ich da natürlich jetzt so ein paar Welten zusammenbringen muss, auch manchmal. Aber es ist wirklich schön: Ich merke, die Verantwortung dann doch ein bisschen mehr zu haben als nur die eigenen paar Kleinigkeiten, um die man sich normalerweise schert, ist einfach schön. Da ist so viel los. Und ich tue mich trotzdem natürlich schwer, wenn ich lange unterwegs bin, dann ist es irgendwie auch blöd. Auf der anderen Seite sage ich eigentlich immer zu Freunden, dass ich das Privileg habe, unter der Woche einfach mal ein bisschen Zeit zu haben, manchmal, was andere Leute nicht haben. Insofern hoffe ich, dass das das wieder wettmacht.
Flüecki: Wir haben eine schöne feine Tradition hier bei uns, und zwar: Wir lassen keinen Star gehen, ohne dass er eine Frage für den nächsten Star dalässt, ohne aber zu wissen, wer da kommt.
JORIS: Okay, das heißt nichts Anzügliches?
Flüecki: Im Gegenteil.
JORIS: Keine spezifischen Mark-Forster-Fragen.
Verkehrskai: Schlimmer.
Flüecki: Pass auf, du kriegst natürlich erst mal eine Frage gestellt. Und zwar war der Nico Santos bei uns zu Gast und hat folgende Frage hier gelassen, ohne zu wissen, wer als Nächstes hier ist.
JORIS: Ich sage: Unterhose mehrmals benutzen oder wirklich nach jedem Tag oder sogar einem halben Tag sofort wechseln? Oder gibt es den Trick mit einmal falten und andersrum anziehen? Zum Glück kenne ich Nico gut genug, dass ich weiß, warum er diese Frage stellt.
Flüecki: Warum?
JORIS: Warum?
Flüecki: Weißt du da mehr als wir?
JORIS: Also unbedingt, und bei den Temperaturen gerne auch mehrfach am Tag wechseln. Vor allem, wenn man von der Bühne runterkommt, ist man einfach komplett klitschnass. Es gibt dann doch immer awkward viele Menschen im Backstage, die einen dann noch umarmen wollen. Und genau: Also da muss man unbedingt alles wechseln, aber die Unterhose bitte auf jeden Fall. Okay, hätten wir das geklärt.
Flüecki: Genau, jetzt machen wir von dir eine Frage an den nächsten Star, ohne zu wissen, wer der nächste Star sein wird.
JORIS: Hey du, hier ist Joris, und ich frage mich: Wenn du von der Bühne kommst, was ist dein Lieblingsgetränk? Okay, okay, das ist okay für euch?
Tiziana: Ja, klar.
Flüecki: Sehr okay.
JORIS: Oder war das nicht anzüglich genug?
Flüecki: Nein, nein, nein, nein. Du musst vom Niveau nicht ganz unten sein.
Flüecki: Diese Rubrik entwickelt sich in Wellen. Also manchmal springen die Leute auf die Welle und setzen noch einen drauf, und manchmal bricht die Welle und es trudelt erst mal wieder aus.
JORIS: Es muss zwischendurch auch mal wieder ein bisschen zurückziehen.
Flüecki: Für Niveau muss man sich nicht entschuldigen.
Verkehrskai: Nein.