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Dr. Online lässt grüßen

Zukunftsmedizin: Gehen wir bald nur noch online zum Arzt?

Nur einen Klick vom Arzt entfernt - und das von überall aus: Online-Sprechstunden per Laptop, Smartphone oder Tablet gibt es mittlerweile auch in Deutschland - mit einigen Einschränkungen. Wie der virtuelle Gang zum Arzt funktioniert und ob so etwas auch für euch infrage kommt, könnt ihr hier nachlesen.


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 (Foto: Andrey Popov - Fotolia)

Online-Sprechstunden sind nicht nur ein Ergebnis der voranschreitenden Digitalisierung der Gesellschaft, sondern auch ein Versuch, dem Ärztemangel in ländlichen Gegenden entgegenzuwirken. Denn es liegt auf der Hand: Mit Online-Angeboten können Ärzte den Patienten-Service verbessern.

Lange Wartezeiten fallen weg und auch die Anfahrtswege sind Geschichte. Beide - Patient und Arzt - sind zeitlich, wie auch räumlich flexibel. Patienten müssen sich beispielweise für den Arztbesuch nicht extra frei nehmen, sondern können sich auf der Arbeitsstelle an einen ruhigen Ort zurückziehen und von dort aus den Arzt konsultieren. Gerade bei sehr unangenehmen Erkrankungen liegt die Hemmschwelle mancher Patienten etwas niedriger, wenn sie dem Arzt nicht persönlich gegenübertreten müssen.

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 (Foto: picture alliance / dpa-tmn)

Wie funktioniert die Online-Sprechstunde?

Eine Online-Sprechstunde läuft fast genau wie eine persönliche ab: Einloggen, im virtuellen Wartezimmer Platz nehmen, bis man vom Arzt in einen privaten Video-Chat aufgerufen wird. Anschließend kann man über Webcams mit dem Arzt sprechen und ihm gegebenfalls noch fehlende Unterlagen digital übermitteln. Bei Fortsetzung einer Behandlung, etwa nach einem Zeckenbiss, kann der Arzt die Behandlung sogar kontrollieren: Verläuft alles gut? Oder soll der Patient sich nochmal vorstellen? Fragen, die nicht unbedingt einen persönlichen Kontakt erfordern und über eine Kamera geklärt werden können.

Eine Online-Sprechstunde soll keinesfalls ein persönliches Gespräch beim Arzt ersetzen. Sie soll lediglich eine bestehende Behandlung ergänzen oder einen Erstkontakt zwischen Arzt und Patient herstellen. Diagnosen und Rezepte gibt es, zumindest in Deutschland, über das Internet noch nicht. Hierzulande gibt es einige Medizinportale, die sich der Online-Sprechstunde oder ähnlichen Diensten verschrieben haben. Wir stellen euch hier drei von ihnen vor.

Ärztliche Beratung online - drei Beispiele

1. Marktführer "patientus" hat das vielfältigste Angebot

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Bei patientus.de, dem aktuellen Marktführer in Deutschland, können registrierte Patienten sich auf einer interaktiven Karte einen passenden Arzt im Bundesgebiet aussuchen. Sofern es sich um Bestandspatienten handelt, kann man ganz bequem nach seinem eigenen Arzt suchen. Hat man sich nun für einen Arzt entschieden, kann ein Termin gewählt werden.

Patienten können bei patientus zwischen drei Varianten der Online-Sprechstunden auswählen: Bestandspatienten-, Informations- und Zweitmeinungsvideosprechstunden. Also: Der Patient muss beim Erstkontakt nicht zwangsläufig persönlich beim Arzt vorstellig werden. Wollt ihr zum Beispiel nur allgemeine Auskünfte zu bestimmten Therapien oder Operationen, ist das auch online möglich. Spätestens, wenn er oder sie eine Diagnose oder ein Rezept braucht, muss der Gang zum Arzt aber doch sein.

Das Portal hält noch weitere Möglichkeiten bereit: Unter anderem können Patient und Hausarzt gemeinsam einen Spezialisten kontaktieren, um einen fachspezifischen Rat einzuholen. Oder die Patienten können auf Wunsch anonym bleiben und so unangenehmen Situationen aus dem Weg gehen. Zudem soll patientus bald als App erhältlich sein.

Homepage: patientus.de


2. "arztkonsulation.de" spezialisiert sich auf Bestandspatienten

arztkonsultation.de hat sich auf bereits bestehende Arzt-Patienten-Kontakte spezialisiert. Hier müssen Arzt und Patient sich mindestens einmal persönlich gesprochen haben, bevor die Online-Sprechstunden zum Einsatz kommen können. Das Portal kann man nur nutzen, wenn der behandelnde Arzt dort angemeldet ist. Der erste Impuls geht immer vom Arzt aus: Er gibt dem Patienten eine Zugangskarte mit einem Code, mit dem man sich zum verabredeten Termin im Internet einloggen kann. Eine Registrierung ist hier nicht notwendig.

Die Besonderheit an arztkonsultation.de ist das Angebot der medizinischen Dolmetscher. Ärzte können sich so auch mit Patienten verständigen, die kein deutsch können. Die Dolmetscher sind ortsunabhängig, beherrschen medizinische Fachtermini und können bestimmte Behandlungsmethoden auf der jeweiligen Sprache erklären.

Das Portal spricht vor allem Patienten in Flächenländern an, die lange Anfahrtswege haben oder auch Patienten mit chronischen Erkrankungen, die sehr häufig zum Arzt müssen. Außerdem natürlich Patienten, die aufgrund von Job oder anderen Verpflichtungen sehr wenig Zeit haben oder viel unterwegs sind.

Homepage: arztkonsultation.de


Bei "medexo" dreht sich alles um Zweitmeinungen - ganz ohne Online-Sprechstunden

Das Portal medexo.com hat einen anderen Fokus gesetzt: Hier gibt es ausschließlich Beurteilungen von Erstdiagnosen und das ganz ohne Online-Sprechstunden. Patienten können ihre medizinischen Unterlagen online einreichen und bekommen dann, innerhalb weniger Tage, eine Zweitmeinung von einem Spezialisten.

Aus einer Reihe von ausgewählten Experten kann der Patient sich auf medexo.com den passenden für eine Zweitmeinung aussuchen. Klickt er eines der Profile an, werden auf einen Blick die Qualifikationen des jeweiligen Arztes sichtbar: Klinischer Werdegang, Verdienste, Auszeichnungen, etc. Nach einer Registrierung erfolgt die Übermittlung der medizinischen Unterlagen. Die Zweitmeinung enthält dann nicht nur Auswertung und Beurteilung, sondern Patienten können den Experten im Vorfeld auch Fragen stellen, z. B. ob eine Operation vermeidbar ist oder ob es alternative Therapiemöglichkeiten gibt.

Die Fachärzte bei medexo.com haben sich alle auf Kleinstgebiete spezialisiert: Beispielsweise gibt es keine Orthopäden, sondern Knie- oder Wirbelsäulenchirurgen. Sie dürfen lediglich eine Zweitmeinung ausstellen, nicht aber weiterbehandeln. Von einer empfohlenen Operation könnten sie keineswegs finanziell profitieren. Durch das Portal wird also ein hoher Grad an Unabhängigkeit und Neutralität geboten.

Homepage: medexo.com


Was kosten die Online-Angebote?

Viele Krankenkassen unterstützen Online-Sprechstunden und ähnliche Angebote und übernehmen die vollen Kosten oder zumindest einen Teil davon. Am besten fragt ihr einfach mal bei eurer nach. So oder so wird vor Buchung eines Termins oder einer Zweitmeinung deutlich auf die zu tragenden Kosten hingewiesen. Die Preise variieren stark, da sie abhängig von Krankenkasse, Arzt und Leistung sind. Die Registrierung für Patienten ist aber in jedem Fall kostenlos. Eine eigene Software ist bei keiner, der hier genannten Portale notwendig.

Warum dürfen Ärzte online keine Diagnosen auf- und Rezepte ausstellen?

Das liegt am Fernbehandlungsverbot, das in der Berufsordnung verankert ist. Die gilt für alle in Deutschland tätigen Ärzte. In anderen europäischen Ländern, wie z. B. Großbritannien, der Schweiz und den Niederlanden sieht das nicht so aus: Online gibt es sowohl Diagnosen, als auch Rezepte. Die virtuelle Arztpraxis DrEd (dred.com) macht sich das zu Nutze: Hier kann man sich per Telefon, Video-Chat und sogar per E-Mail Rezepte ausstellen lassen - dank EU-Richtlinie zur Patientenmobilität auch in Deutschland. Die besagt nämlich, dass Patienten innerhalb des europäischen Raums ihre Gesundheitsdienstleister selbst wählen dürfen - also auch grenzüberschreitend.

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 (Foto: picture alliance / dpa)

Das Leistungsspektrum von DrEd umfasst in Deutschland geeignete Indikationen und Beschwerden aus den Bereichen Allgemeinmedizin, Innere Medizin, Frauengesundheit, Männergesundheit und Reisemedizin. Alle Ärzte sind approbiert - einige sogar in Deutschland. Rezepte werden nur ausgestellt, wenn keine Zweifel an der Diagnose bestehen. Auf dem Portal dred.com wurde Anfang des Jahres bereits die millionste Fernberatung und -behandlung durchgeführt. Und die Zahl der digitalen ärztlichen Versorgung wächst weiter.

Wie werden die Ärzte unterstützt?

Seit Anfang April können Vertragsärzte der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) die Online-Sprechstunden als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) abrechnen. Das betrifft inklusive Psychotherapeuten in Deutschland rund 165.000 Ärzte. Voraussetzung ist, dass der Patient in den beiden vorangegangenen Quartalen mindestens einmal persönlich die Praxis besucht hat. Auch die Krankheit muss dem behandelnden Arzt bekannt sein. Zudem geht es nur um bestimmte Krankheitsbilder, etwa Verlaufskontrollen nach einer Operation oder Probleme mit dem Stimm- und Sprechapparat.

Die KBV hat festgelegt, dass Online-Sprechstunden nicht gesondert abgerechnet werden können, da sie an Stelle einer persönlichen stattfinden. Das bedeutet im Klartext, dass Ärzte der KBV lediglich die Grundpauschale berechnen können, die sie sowieso schon für eine persönliche Sprechstunde bekommen. Allerdings können sie pro Online-Sprechstunde eine Technikzuschlag von 4,21 Euro beantragen. Das wiederum darf aber einen Jahresbetrag von 800 Euro nicht überschreiten. Damit kann in manchen Fällen gerade mal die Nutzung eines solchen Portals bezahlt werden. Und auch das ist Voraussetzung: Die Online-Sprechstunden müssen über einen zertifizierten Dienstleister für Videosprechstunden abgewickelt werden.

Wie sieht es mit dem Datenschutz aus?

Wie in auch in sozialen Netzwerken, beim Online-Banking und -Shopping muss auch bei medizinischen Online-Diensten jeder Nutzer für sich selbst entscheiden, wie viele persönliche Daten er preisgibt und ob er den Verbindungen vertraut.

Nach eigenen Angaben der drei deutschen Portale sind die Dienste sicher und streng vertraulich. Auf ihren Webseiten wird versichert, dass die jeweilige Kommunikation zwischen Arzt und Patient verschlüsselt und abhörgeschützt ist bzw. die medizinischen Daten und Unterlagen verschlüsselt und anonymisiert gespeichert werden. patientus.de arbeitet beispielsweise mit peer-to-peer-Verbindungen, medexo.com mit dem SSL-Zertifikat. Die Weitergabe von Patienten-Informationen an Dritte erfolgt nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Patienten selbst.

Zwei Drittel sind skeptisch

Aber Online-Sprechstunden bergen auch Gefahren - jedenfalls nach Meinung der Befragten einer bitkom-Umfrage. 67 Prozent nennen das steigende Risiko einer Fehlbehandlung als einen von drei wichtigsten Nachteilen. Gut die Hälfte glaubt, dass die Beziehung zwischen Arzt und Patient leide und mehr als 40 Prozent kritisieren, dass Praxen zusätzliches technisches Know-How und die entsprechende Ausstattung benötigen.