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Arztserien

Landarzt-Romantik - TV-Klischees vs. Realität

Viele von uns haben die Fälle und Geschichten vom ZDF-"Landarzt" oder "Bergdoktor" verfolgt. Aber was ist denn wirklich dran an der Landarzt-Romantik? Wir haben mit einem echten Landarzt den Realitäts-Check gemacht.


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 (Foto: picture alliance / Wulf Pfeiffer)

Dr. Christian S. praktiziert seit vielen Jahren im Umland von Hannover als Hausarzt. Er möchte gerne anonym bleiben, um wirklich frei antworten zu können. Die Klischees sind ihm wohlbekannt. Und einige davon sind mehr als nur Klischee.

Klischee 1: Die Praxis ist die ultimative Tratsch-Zentrale.

TV: Klatsch und Tratsch beim Friseur oder an der Käsetheke ist für Anfänger. Denn das ganze Dorf trifft sich im Wartezimmer, um die neusten Gerüchte zu wälzen. Hat Bauer Hans tatsächlich eine Neue? Und hat sich die kleine Katja wirklich ein Tattoo stechen lassen?

Realität: "Genauso ist es", sagt Dr. Christian S. Meist finden sich vormittags die Patienten im Wartezimmer ein und haben gar nichts dagegen, wenn die Wartezeit etwas länger dauert. Fehlen dann wohl nur noch ein Tässchen Kaffee und ein Stückchen Kuchen.

Klischee 2: Jeder Landarzt fährt Jeep.

TV: Ähnlich wie für den Jäger gibt es für den Landarzt nur ein Auto: den Jeep. Damit er seine schwarze Leder-Arzttasche auch stilvoll auf dem Beifahrersitz deponieren kann und schwungvoll von seinen Hausbesuchen einsteigen kann.

Realität: Naja, das stellt sich der Fernsehzuschauer vielleicht so vor. Stimmt aber nicht. Landärzte fahren ganz normale Autos. "Jeeps sind wohl eher etwas für Tierärzte", sagt Dr. Christian S.

Klischee 3: "Mutter Beimer" als Sprechstundenhilfe.

TV: An jedem Empfangstresen sitzt sie: die etwas ältere, patente Frau, die garantiert kein Blatt vor den Mund nimmt. Ganz besonders dann, wenn der Landarzt ihrer Meinung nach etwas Bestimmtes tun soll...

Realität: Naja, da ist schon was dran. Der Landarzt braucht eigentlich immer jemanden, der alles weiß, der den Arzt in die richtige Richtung schickt und die Hausbesuche koordiniert. Und da ist eine ältere, patente Frau laut Dr. Christian S. die richtige Wahl.

Klischee 4: Der Landarzt verarztet Mensch, Tier und ...

TV: ...am besten auch noch Auto und Waschmaschine. Er kann einfach alles und hilft da, wo er gebraucht wird.

Realität: "Ist mir auch schon passiert", sagt Dr. Christian S. "Als ich einen Grippekranken besuchen wollte, war der nicht im Bett, sondern im Kuhstall, um einer Kuh beim Kalben zu helfen. Und weil der Mann zu krank war, musste ich mithelfen. Das Kalb kam gesund zur Welt und der Mann wurde später auch noch erfolgreich behandelt."

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Kennt ihr den noch? Schauspieler Christian Quadflieg 1986 als "Der Landarzt" im ZDF. (Foto: picture alliance / dpa)

Klischee 5: Der Landarzt kennt alle Patienten mit Vornamen.

TV: Christian, Stefanie, Micheal, Thomas, Nicole, Andreas, Katrin, Sandra, Sven und Tanja - kein Problem. Der Landarzt kennt sie alle. In einem Dorf mit 502 Einwohner vielleicht auch gar nicht mal soooo schwer.

Realität: "In kleineren Ortschaften ist das wirklich von Vorteil", meint Dr. Christian S. Und es zeige auch, dass das Arzt-Patienten-Verhältnis gut und vertrauensvoll sei.

Klischee 6: Allzeit bereit!

TV: Der Landarzt ist immer und überall erreichbar. In Feierabend, Urlaub und in der Nacht. Schlaf braucht er eigentlich nicht. Und hat sogar in der Sauna guten Handyempfang.

Realität: "Da habe ich tatsächlich einiges erlebt." Wenn man im Dorf verwurzelt ist, führt das dazu, dass Patienten auch schon mal zur Unzeit an der Haustür klingeln und um ärztliche Hilfe bitten. "Und dann wird auch noch geguckt, ob auch alles schön aufgeräumt ist und ob unterm Sofa Staub liegt."

Klischee 7: Er verarztet gebrochene Knochen ebenso wie Liebeskummer.

TV: Nicht nur Grippekranke stehen beim Landarzt auf der Matte. Nicht zuletzt Dank seiner Sprechstundenhilfe ist er immer über alle Vorkommnisse im Dorf informiert und weiß eben immer ein bisschen mehr, als das medizinische Gutachten zeigt.

Realität: "Naja, grundsätzlich wird erstmal alles behandelt. Und wenn man Liebeskummer heilen kann - der gar nicht so selten ist - dann verschwinden ja meist auch andere Beschwerden." Dr. Christian S. meint: "Man muss für alle 'Krankheitsbilder' gewappnet sein."

Klischee 8: Der "Stammgast" - einen Hypochonder gibt's immer.

TV: Beim Vornamen kennt der Landarzt eh alle seine Patienten, aber diesen einen sieht er öfter als seine Tochter. Denn wenn der Hypochonder einen Tag mal nicht in der Praxis erscheint, muss man sich schon fast Sorgen machen, ob er krank ist.

Realität: Klares Statement von Dr. S.: "Es gibt nicht nur einen Hypochonder. Es gibt ganz viele." Und die seien sehr zeitintensiv und können einen natürlich auch auf die Palme bringen.

Klischee 9: Urlaub oder ein Glas Wein auf Rezept.

TV: Er weiß einfach, was für seine Patienten richtig ist. Schließlich ist er ein Halbgott in weiß. Ach, was: ein Dreiviertelgott in weiß! Denn nicht jede Krankheit kann man mit Tabletten oder Salben heilen. Da muss man eben auf "alternative Behandlungsmethoden" zurückgreifen.

Realität: Das ist laut Dr. S. auch legitim. Es sei wichtig, dass man neben der Schulmedizin auch andere Verfahren anwendet, vor allem dann, wenn man Medikamente vermeiden möchte. Dann können auch schon mal andere Empfehlungen sinnvoller sein. Beispiel Schlafstörungen. Bevor man hier zu Tabletten greift, sollte man vielleicht einen anderen Tagesrhythmus empfehlen oder eben auch mal das eine Glas Wein.

Klischee 10: Die eine Patientin, mit der geflirtet wird.

TV: Blond oder braun spielt keine Rolle. Aber auf die nette Dame mit den Rehaugen und dem schüchternen Lächeln kann man ebenso wenig verzichten wie auf den Hypochonder. Denn mit einer muss der Landarzt schließlich anbändeln...

Realität: Ja. Das hält Dr. Christian S. für ein legitimes Vorgehen auf dem Weg zur Familiengründung.

Klischee 11: Der Landarzt stellt immer die richtige Diagnose.

TV: Das mit dem Halb , pardon, Dreiviertelgott in weiß hatten wir ja schon. Aber er ist einfach makellos. Ob einfache Grippe, Malaria oder seltene Krankheiten wie Hypophosphatasie. Der Landarzt hat immer den richtigen Riecher. Selbst, wenn ein 18-köpfiges Ärzteteam hilflos wäre.

Realität: Das wäre sicher schön, meint Dr. S. Aber natürlich ist es hilfreich, wenn man seinen Patienten sehr gut kennt. Das ist auf dem Land meist häufiger der Fall als in der Stadt. Und meist findet man auch die richtige Diagnose.

Klischee 12: Hof oder altes Anwesen - das Heim des Landarztes.

TV: Eine kleine Dachgeschosswohnung käme auf keinen Fall für den Landarzt in Frage. Da muss es schon ein Hof oder Anwesen sein. Am besten wohnt da noch die Sprechstundenhilfe mit drin und versorgt den Landarzt morgens mit Kaffee und nachmittags mit Tee.

Realität: "Leider nein", sagt Dr. S. "Das ist nun wirklich ein Klischee."