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Ärztemangel

Keine Ärzte auf dem Land? So problematisch ist die Situation in Niedersachsen

Wo bitte geht's hier zum nächsten Arzt? In vielen ländlichen Gebieten gibt es zu wenig Ärzte. Die Folge: Lange Anfahrtswege und lange Wartezeiten für Patienten. Eine Bestandsaufnahme für Niedersachsen und mögliche Auswege aus dem Ärztemangel.


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 (Foto: Marco2811 - Fotolia)

Zunächst die gute Nachricht: Aktuell ist keine Region in Niedersachsen unterversorgt - zumindest statistisch gesehen. Doch einige sind nah dran. Und das bereitet der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) schon länger Kopfzerbrechen. Eine Paradelösung für das Problem der ärztlichen Unterversorgung gibt es nicht. Aber Ideen, Initiativen, Zuschüsse und Modellprojekte.

Frage 1: Wie ist der Status Quo bei uns in Niedersachsen?

In Deutschland haben die Kassenärztlichen Vereinigungen den Auftrag, die ärztliche Versorgung flächendeckend sicherzustellen. Bei der sogenannten Bedarfsplanung teilt die KVN Niedersachsen in 102 regionale Bereiche auf - die jeweils etwa mit der Größe einer Samtgemeinde vergleichbar sind. Und dabei ist das (statistische) Ziel ein Verhältnis ein Hausarzt pro 1680 Einwohnern - in einer Region mit 25.000 Einwohnern sollte es also im besten Fall 15 Hausärzte geben.

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 (Foto: Picture-Factory - Fotolia)

Ein Drittel von Niedersachsen ist sogar "überversorgt"

Von einer Überversorgung sprechen die Kassenärztlichen Vereinigungen wenn das genannte "Arzt-Einwohner"-Verhältnis zu mindestens 110 Prozent übererfüllt ist. Das ist aktuell in 36 von 102 Regionen in Niedersachsen der Fall. In zwei Dritteln von Niedersachsen allerdings nicht.

Der Fall "Unterversorgung" tritt bei der Schwelle von 75 Prozent ein. Das trifft im Moment nirgendwo bei uns im Land zu. 66 Regionen liegen statistisch also irgendwo zwischen 75 und 110 Prozent. Und bei einigen ist die Situation sehr problematisch. Die KVN sieht bereits bei einer Versorgung von nur 90 Prozent einen "dringlichen Bedarf", neue Hausärzte zu finden.

Das sind Niedersachsens größte Sorgenkinder

  • Landkreis Cuxhaven und das Umland von Bremerhaven - Versorgungsgrad 76 Prozent
  • Umland von Wolfsburg - 78 Prozent
  • Die Region nördlich von Harburg und das Braunschweiger Umland - 83 Prozent
  • Die Regionen im Süden von Leer und um Buxtehude - 84 Prozent
  • Rund um Sulingen und Nordenham - 89 Prozent

Die statistischen Werte sind nur ein Indikator für die "gefühlte" Wahrheit der Patienten. Denn die nehmen durchaus deutlich wahr, dass sich die ärztliche Versorgung für verschlechtert hat.

Frage 2: Warum wollen so wenige Mediziner "Landarzt" werden?

"Es ist nicht ein Problem des Einkommens", sagt Detlef Haffke, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Tatsächlich kann man als Allgemeinmediziner recht gut verdienen. Für junge Ärzte ist vielmehr das Thema "Work-Life-Balance" extrem wichtig. Die Befürchtung, als selbständiger Hausarzt in ländlichen Regionen in Arbeit zu versinken, ist groß. Weitere Knackpunkte sind die Standort-Faktoren: Gibt es gute Kitas und Schulen, findet mein Partner einen entsprechenden Arbeitsplatz, gibt es gute Freizeitmöglichkeiten? Das ist in der Stadt meist einfacher zu beantworten als "auf dem Dorf". Die KVN versucht, Kommunen für diese Fragen zu sensibilisieren.

Übrigens: Der Arztberuf wird immer weiblicher. Aktuell sind 70 Prozent der Medizinstudenten in Deutschland weiblich. Wenn die Ärztinnen dann mit der Frage konfrontiert werden, ob sie sich für eine Niederlassung auf dem Land begeistern könnten, dann widerspricht das häufig der Familienplanung. Eine Vollzeit-Landärztin mit kleinen Kindern - das ist schwierig, und so bevorzugen viele junge Ärztinnen eine Festanstellung, häufig verbunden mit dem Wunsch, Teilzeit arbeit zu können.

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 (Foto: RioPatuca Images - Fotolia)

Bürokratie und Risiko

Es geht wohl jedem Unternehmer so, dass der viele Papierkram ärgerlich ist. Im Vergleich zu einem Klinikarzt mit festem Einkommen und "einigermaßen" geregelter Arbeitszeit hat der niedergelassene Arzt relativ viel Büroarbeit zu leisten. Personal, Gebäude, etc. kosten extra Zeit und Nerven. Zum anderen muss ein Hausarzt häufig auch fachärztliche Entscheidungen treffen. Überzieht er dann beispielsweise Medikamentenbudgets, trägt er ein "Regressrisiko", muss im Zweifel überzogene Budgets aus eigener Tasche ausgleichen. Das ist natürlich unattraktiv und kein Pro-Argument, um sich auf dem Land niederzulassen.

Frage 3: Was tun gegen den Landarzt-Mangel?

Die Anstrengungen sind groß. Bei den Kommunen, der KVN, der Landespolitik. "Im Moment können wir die Situation stabil halten", sagt KVN-Sprecher Detlef Haffke. Um einer Verbesserung der ärztlichen Versorgung in den ländlichen Gebieten zu erzielen, müssten die Anstregungen erheblich verstärkt werden. Das Durchschnittsalter der niedergelassenen Ärzte in Niedersachsen beträgt knapp 55 Jahre. In absehbarer Zeit also werden sich viele Ärzte in den Ruhestand verabschieden wollen. Und dann?

Sponsoring, Stipendium

In Regionen mit dringendem Ärztebedarf werden Mediziner mit bis zu 75.000 Euro bezuschusst und erhalten eine zweijährige Umsatzgarantie, wenn sie eine Praxis eröffnen. Studierende können ein Stipendium in Anspruch nehmen. Der Deal: Sie verpflichten sich, nach ihrem Studium eine festgelegte Zeit auf dem Land zu praktizieren - und bekommen im Gegenzug 400 Euro monatlich während ihrer Studienzeit. Es gibt eine Riehe weiterer Initiativen, um Ärzten für eine Niederlassung einen finanziellen Anreiz zu bieten. Aber es geht auch anders.

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 (Foto: Photographee.eu - Fotolia)

Drei KVN-Modellprojekte mit Zukunft

  1. Die KVN-Praxis in Sögel
    Seit 2013 betreibt die KVN in der Samtgemeinde Sögel im Emsland selbst eine Arztpraxis - tritt also dort als Arbeitgeber für Ärzte auf, die dort angestellt sind und ein Festgehalt kassieren. Vorteil für die Ärzte: Kein wirtschaftliches Risiko bei einer eigenen Praxisgründung. Ziel ist es, dass der dort angestellt Arzt die Praxis später selbst übernimmt. Die Erfahrungen der ersten Jahre sind sehr gut.
  2. Der "Flexi-Doc"
    Unter diesem Titel läuft seit gut einem Jahr ein Test in Wolfsburg. Die Idee: Ein älterer Arzt geht in den letzten Jahren vor dem Ruhestand in Teilzeit und stellt einen Nachwucharzt in Teilzeit ein. Das kommt besonders Ärztinnen entgegen. "Der Test läuft sehr erfolgreich", sagte KVN-Sprecher Haffke. Das Ziel: Bis der Senior dann tatsächlich in den Ruhestand wechselt, hat der Junio genug Erfahrung gesammelt, um dann die Praxis ganz zu übernehmen.
  3. Der Patientenbus im Kreis Leer
    Lange Wege zu den Arztpraxen und immobile Patienten. Im Kreis Leer wurde gerade das dritte "Patientenmobil" in Betrieb genommen. Die Kleinbusse holen Patienten von zu Hause ab und bringen sie kostenlos zu den Arztpraxen. Das Angebot wird gut angenommen.

Die Idee der "Rollenden Arztpraxis" liegt dagegen derzeit auf Eis. Im Kreis Wolfenbüttel war von August 2013 bis Dezember 2014 ein speziell ausgestatteter Bus unterwegs. Die Erfahrungen waren gut, der Bus technisch bestens ausgerüstet. Doch viele Patienten waren skeptisch. Viele ziehen den ihnen bekannten Hausarzt dem rollenden Mediziner vor und nehmen dafür Anfahrt und lange Wartezeiten in Kauf. "Mit dem Projekt waren wir der Zeit etwas voraus", sagt Detlef Haffke von der KVN. "Aber es funktioniert."

"Wir können keine Ärzte backen"

"Wir können keine Ärzte backen," sagt KVN-Sprecher Haffke. "Und wir können nicht delegieren." Deshalb gilt es, die Rahmenfaktoren für Ärzte und Arztpraxen auf dem Land immer weiter zu verbessern. KVN, Kommunen und Land arbeiten hier Hand in Hand. Bürokratie abbauen, Infrastruktur aufbauen, Zugänge zum Medizinstudium erleichtern und vor allem informieren. Landarzt sein, das kann einfach auch unglaublich viel Spaß machen.